Burn-Out Wo ausgebrannte Führungskräfte Seelenruhe finden

Boxen, Yoga oder Darmreinigung: Immer mehr Hotels bieten ihren zahlungskräftigen Gästen Programme, um dem fortgeschrittenen Stress zu begegnen.

Der Weg sieht anstrengend aus. Er führt gleich hinter dem Parkplatz den Berg hinauf. Doch Walther bremst schon hinter den letzten Autos. Innehalten am ersten scheinbar x-beliebigen Baum, bevor noch ein Tropfen Schweiß fließen konnte an diesem sonnigen Herbsttag. Doch dieser Baum ist nicht irgendein Baum. Er steht da. Er hat sich als Samen durchgesetzt und es zu einer stattlichen Größe gebracht. Er wurzelt direkt an einem anderen, gemeinsam bilden sie ein Paar. Man möge es, wie Walther bittet, in Ruhe auf sich wirken lassen. Als spräche das Paar zu uns, jeder Ast und jedes Blatt. Walther meint es gut. Mit der Natur, mit seinem Gast, mit sich. Augen auf, Sinne an und aufnehmen, was einen umgibt.

Die Anhöhe oberhalb von Vaduz hat er mit seinem Hybridauto erklommen, um für zwei Stunden mit seinem Gast spazieren zu gehen. Kein weiter Weg, kein Marsch in unbekanntes Gelände, keine Nahtoderfahrung im Angesicht schwindelnder Höhen. Walther möchte, dass Ruhe einkehrt, die Büsche zu Begleitern, die Vögel zu Freunden werden. "Das ist ein liebevoller Satz, den du sagst", kommentiert er eine Beobachtung seines Gasts. Walther mag Menschen. Er liebt sie. Das soll auch sein Gast lernen. Runterkommen, durchatmen und sich auf das Wichtige besinnen.

Anzeige

Der Rundgang in Liechtenstein ist kein Selbsterfahrungsseminar in einem Kloster, keine spirituelle Offerte einer Ökosekte für gestresste Manager in Not. Es ist ein Angebot des Park Hotels Sonnenhof, eines kuscheligen Vier-Sterne-Luxushotels mit nur 29 Zimmern, Mitglied in der Vereinigung Relais & Châteaux, die üblicherweise für prachtvolle Gemäuer und die herausragende Küche ihrer Mitgliedsbetriebe gerühmt wird. Der Spaziergang mit Walther wird in der Hotelhalle annonciert auf einem Informationsständer mit goldenem Rahmen, keine fünf Meter von der Speisekarte des Gourmetrestaurants.

Merkwürdige Karriere

Dort kocht Hubertus Real, Inhaber des Betriebs, den seine Eltern 1962 erworben haben. Die Idee, einen Spaziergang mit Walther ins Programm aufzunehmen, hatte Real, weil er selber gute Erfahrungen damit gemacht hat. "2008, nach dem Klau der Bankdaten, brach das Geschäft um 40 Prozent ein", erinnert sich Real. Leute entlassen oder noch mal in die Vollen gehen? Real investierte. Viel Geld. Seine Ehe zerbrach, die Probleme des kleinen Betriebs zermürbten ihn. "Bei einem Spaziergang mit Walther brach es aus mir heraus." Stress, Überlastung. Burn-out?

Kaum ein Wort hat in den vergangenen Jahren unter Spitzensportlern oder -managern, aber auch unter normalen Berufstätigen, für so viel Aufsehen gesorgt wie Burn-out. Die öffentlich bekannt gewordenen Fälle von Fußballtrainer Ralf Rangnick oder Skispringer Sven Hannawald sind nur die prominentesten Beispiele für ein Phänomen, das von den Krankenkassen bis heute nicht als Krankheit erfasst ist und sich auch nicht quantifizieren lässt: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie weist in einem Positionspapier darauf hin, dass es keine verlässlichen Zahlen gebe. Doch der Begriff ist allgegenwärtig.

Burn-out

Weltweit nimmt bei Erwerbstätigen die Zahl der seelischen Krankheiten zu. Das sogenannte Burn-out ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ausgebranntsein wird auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet. Die Betroffenen sind desillusioniert, oft apathisch, depressiv oder aggressiv und haben eine erhöhte Suchtgefährdung. Burn-out wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht mehr bewältigt werden kann.

So arbeitet in Deutschland jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche; viele leiden zudem unter ihren Chefs, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer dann noch seine sozialen Bindungen verliert, etwa den Kontakt zu Freunden, ist hochgradig gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken.

Glossar

Tinnitus
Rund drei Millionen Deutsche leiden unter dem chronischen Klingeln im Ohr. Tinnitus kann mit psychischen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depression einhergehen. Eine allgemein anerkannte Therapie gibt es nicht. In Versuchen an Ratten konnten Wissenschaftler der University of Texas die Tiere heilen, indem sie bestimmte Nerven des Gehirns per Elektrostimulation reizten.

Phantomschmerz
Zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten mit Amputationen haben diese Empfindungen: Ein fehlendes Körperteil fühlt sich so an, als sei es noch da. In zahlreichen Studien konnte nach dem Verlust eines Körperteils eine Veränderung von jenen Gehirnfunktionen festgestellt werden, die für die Verarbeitung von Schmerzempfindungen verantwortlich sind. Es existieren einige vielversprechende Therapieansätze, die die Gehirnfunktionen normalisieren sollen.

Volkskrankheit
So werden nicht epidemische Krankheiten bezeichnet, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen. Dazu zählen heute etwa die Folgeerkrankungen von Bewegungsmangel und Überernährung. Der Begriff wurde erstmals 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Hecker verwandt. Er bezeichnete damit die im Mittelalter grassierende Tanzwut.

Protektoren
Das Wort stammt vom lateinischen »protector«, Angehöriger der Leibgarde. Bestimmte persönliche Umstände wie familiärer Rückhalt oder finanzielle Sicherheit können als Protektoren gegen psychische Erkrankungen wirken.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer spricht von der "merkwürdigen Karriere eines Begriffs", die dazu geführt habe, dass Burn-out mittlerweile als Auszeichnung empfunden wird, als Statussymbol neben Chefbüro und Dienstwagen. Burn-out, so Schmidbauer, werde zum Mythos: "Die in ihm steckende Poesie von Feuer und Flamme, Glut und Asche wird nicht nur zum Verhängnis für seine präzise Verwendung, sondern auch zum Hindernis für eine gründliche Therapie."

Leser-Kommentare
  1. Zitat: "Er weiß, dass draußen, wo der Wald endet, nicht immer alle Verständnis für seine Sicht der Dinge haben. "Wir verschließen das, was wir erlebt haben, in uns. Denn sonst kommen wir in der Welt da draußen nicht klar."

    Burn out hat nicht nur körperliche Verursacher (sehr viel von Arbeitsbelastung und Leistungsdruck), sondern auch seelische Gründe: jeder Mensch braucht einen Ort der Geborgenheit und Gelassenheit, an dem man komplett abschalten kann und innere emotionale Spannung wieder zu beruhigen. Wo man nirgendwelche Erwartungen erfüllen muss, wo man schweigen kann, wenn einem danach ist oder frei reden, wenn jemand spontane Geselligkeit braucht. Einen Ort, wo man für einen Blick vergessen kann, wer man ist und wie viel ist noch während der Woche zu erledigen...

    Der Stress, der sich mit der Menge der Verantwortung kontinuierlich vergrößert und im Körper "anstapelt", lässt sich nicht nur durch Bier oder Sport abbauen, sondern auch durch einen Spaziergang mit einem guten Freund. Ob man dafür zum einen speziellen Spa-Landschaft fahren muss oder nicht, ist irrelevant. Gute Wandergebiete gibt es überall, man muss nur einen netten Mitläufer/in finden.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. ...
    Und was den Körper betrifft: eine ganz banale, aber trotzdem sehr wirksame Sache: Massage! (Wer Erfahrung mit dem Babysitting bei einem sehr kleinen Kindesalter hat, kann es bestätigen): wenn man ein Baby schnell und effektiv beruhigen möchte, gibt man ihm etwas zum Essen oder man streichelt das Kind. Das Haut ist eine Fläche, die am kürzesten mit den Beruhigungszentren im Gehirn verbunden ist. Also, merk schon ein 6-monatiger Mensch, wie entspannend und frustbefreiend leichte Massage sein kann. Wenn man auch bei Erwachsenen damit nicht geizt, freut sich das erwachsene Gehirn, wieder das innere Gleichgewicht zu gewinnen.

    Daher finde ich das im Artikel beschriebene Konzept sehr kompetent: der Mensch wird einheitlich betrachtet, mit Leib und Seele. Man darf nichts von beiden missachten, weil für gute Gesundheit beide extrem wichtig sind.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service