KritikSo bekommen Chefs ehrliches Feedback

Viele Führungskräfte wünschen sich ehrliche Kritik von ihren Mitarbeitern, können dann aber schlecht damit umgehen. Der Trainer Roland Jäger erklärt, worauf es ankommt. von Roland Jäger

Am 28. Januar 1986, 73 Sekunden nach dem Start, zerbricht die Raumfähre Challenger am texanischen Himmel. Alle sieben Astronauten sterben, weil Dichtungsringe in den Feststoffraketen ihren Dienst versagt haben. Das Management des Herstellers kannte die Sicherheitsbedenken. Ein Ingenieur hatte 24 Stunden zuvor eindringlich auf Mängel aufmerksam gemacht. Trotzdem empfiehlt der Hersteller der Nasa den Start der Raumfähre.

Der tragische Unfall zeigt, was im schlimmsten Fall passieren kann, wenn Führungskräfte die Kritik ihrer Mitarbeiter nicht ernst nehmen. Umsatz machen, Kunden halten, Geld verdienen ist oft wichtiger als deutliches und ehrliches Feedback . Viele Chefs fassen Kritik an einer falschen Entscheidung gerne mal als Majestätsbeleidigung auf.

Anzeige

Erst Recht, wenn es ans persönlich Eingemachte geht. Wenn der Chef Mitarbeitern nicht zuhört, sich nicht an getroffene Verabredungen hält, kritische Sachverhalte ignoriert, Entscheidungen aussitzt, Mitarbeiter ungerecht behandelt, nur auf seine eigene Karriere aus ist oder seine Mitarbeiter bei jeder passenden Gelegenheit hängen lässt.

Gleichzeitig wünschen sich viele Entscheider mehr Rückmeldung von ihren Mitarbeitern. Aber wie bringt man als Chef seine Mitarbeiter dazu – und wie geht man dann mit dem Feedback um?

Konflikt-Typen

Das Persönlichkeitsmodell der Psychologen Fritz Riemann und Christoph Thomann unterscheidet vier Grundcharaktere.

Der Distanz-Typ grenzt sich von anderen Menschen ab, um sich abzuheben. Er arbeitet lieber eigenständig, liebt die Freiheit, Unabhängigkeit und Autonomie. Am liebsten diskutiert er auf der Sachebene.

Der Nähe-Typ hingegen wünscht sich vertrauten Kontakt in einem Team. Er kann in einer harmonischen Atmosphäre am produktivsten arbeiten, gibt anderen Feedback und hat viel Empathie.

Der Dauer-Typ setzt auf Zuverlässigkeit und Ordnung. Er arbeitet strukturiert, ist sehr gut organisiert, plant mit Vorsicht und Voraussicht. Er mag Macht und klare Hierarchien. Dauer-Typen sind oft in Führungspositionen zu finden, denn sie tragen gern Verantwortung.

Ganz anders ist der Wechsel-Typ. Er ist kreativ, mag den Reiz des Unbekannten. Abenteuer sind ihm lieber als festgefahrene Strukturen. Er ist spontan, hat viel Temperament und neigt in der Teamarbeit zu unorthodoxen Ideen und eigenwilligen Lösungsvorschlägen.

Eskalationsstufen

Nach Konfliktforscher Glasl gibt es neun verschiedene Konfliktstufen.

In Stufe 1 verhärtet sich ein Problem, auf Stufe 2 wird darüber diskutiert. Kommen die Beteiligten nicht zu einer Lösung, kommt es zu Stufe 3: Nun macht sie von Taten statt Worten Gebrauch.

In Stufe 4 schließen die Gegner Koalitionen. Eskaliert ein Streit weiter, kommt es in Stufe 5 zum Gesichtsverlust. Der Gegner wird öffentlich bloß gestellt. In Phase 6 drohen sich die Parteien. Es kommt zur ersten Vernichtungsschlägen (Stufe 7), der andere soll vernichtet werden (Stufe 8) – bis beide am Ende gemeinsam in den Abgrund stürzen (Stufe 9).

Konfliktarten
  • Sozialer Konflikt: Eine Interaktion, bei der es Unvereinbarkeiten gibt, die als Beeinträchtigung erlebt werden.
  • Innerer Konflikt: Ein Konflikt innerhalb einer Person, bei dem es zwei Impulse gibt, die nicht zu vereinbaren sind.
  • Struktureller oder organisationsbedingter Konflikt: Ein Konflikt, der durch den Aufbau und die Abläufe einer Organisation verursacht wird.

Daneben gibt es zahlreiche Unterarten wie etwa Verteilungskonflikte. Sie entstehen, wenn die Ressourcen knapp sind. Zielkonflikte treten auf, wenn die Parteien unterschiedliche Interessen hegen. Weiter gibt es noch Beziehungs- und Rollenkonflikte, Macht- und Informationskonflikte, Wert- und Identitätskonflikte.

Fakt ist, Feedback nützt erst dann etwas, wenn es auch ernsthaft gewünscht ist. Wer als Chef nur an Bestätigung interessiert ist, sollte seine Mitarbeiter gar nicht erst um Feedback bitten.

Ohne Kritikfähigkeit wird es nichts

Grundvoraussetzung ist Kritikfähigkeit. Und diese muss man den Mitarbeitern auch offen zeigen. Dazu gehört, sich bewusst zu machen, dass man nicht frei ist von Fehlern. Führungskräfte führen ihren Aufstieg meist darauf zurück, dass sie vieles richtig machen. Umso mehr unterliegen sie der Gefahr, sich für unfehlbar zu halten oder zumindest so zu handeln, als wären sie es. Auch wenn man Entscheidungen meistens zurücknehmen oder nachträglich optimieren kann; manche sind aber auch final und haben mitunter katastrophale Folgen.

Roland Jäger
Roland Jäger

Roland Jäger ist Buchautor, Coach und Unternehmensberater. Er war Manager bei einer Privatbank und bei einer Unternehmensberatung tätig. Als Trainer coacht er Vorstände, Geschäftsführer und Führungskräfte.

Kritik erträgt, wer in sich gefestigt ist und die Rückmeldung nicht als persönlichen Angriff versteht, sondern differenzieren kann. Nur wer sich – obwohl er der Chef ist – Kritik offen und unvorbelastet anhört und dahinter nicht sofort einen Hochverrat vermutet, kann daraus auch einen Nutzen ziehen.

Das bedeutet auch, sich ändern zu wollen. Unsichere oder narzisstische Chefs verfügen über diese Eigenschaft nicht. Sie werden alles versuchen, um sich des Feedbacks zu entziehen. Frei nach dem Motto: Es darf nicht sein, was nicht sein soll. Wer hingegen bereit ist, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern in dem Bewusstsein, niemals perfekt zu sein, ist in der Lage, das Feedback tatsächlich an sich heran zu lassen und die erwünschten Veränderungen für sich zu bewerten. Reflexionsfähigkeit ist darum eine weitere persönliche Voraussetzung, die ein guter Chef benötigt. Denn natürlich muss sich ein guter Chef wiederholt selbst hinterfragen. Dabei dient ihm das Feedback seiner Mitarbeiter als wesentliche externe Informationsquelle.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Nasa | Astronaut | Chef | Führungskraft | Offenheit | Raumfähre
    Service