DiversityDeutsche Unternehmen werden internationaler

Chinesen im Vorstand, Projektteams mit Franzosen, Trainees aus Pakistan: Weil deutsche Unternehmen immer globaler handeln, müssen auch Chefetagen internationaler werden. von Ruth Lemmer

Emad Shahid hat mit seinen 23 Jahren schon viel von der Welt gesehen: Geboren wurde er in Abu Dhabi, während sein Vater dort als Banker arbeitete. Aufgewachsen ist er mit seinen vier Brüdern in Karatschi, der größten Stadt Pakistans – hier ist die Heimat seiner Eltern. Fünf Jahre lebte die Familie in Warschau, als Shahids Vater von der Bank dorthin geschickt wurde. Zum Ingenieurstudium schließlich ging Shahid junior nach Atlanta. Nach Bachelor und Master in den USA arbeitet der Pakistani nun seit zwei Monaten in Hannover, als Trainee beim Automobilzulieferer Continental.

Auch wenn die beschauliche Stadt an der Leine nicht mithalten kann mit den Metropolen, in denen der 23-Jährige bisher lebte, Shahid fühlt sich in der Stadt, die für die kommenden 18 Monate seine Wahlheimat sein wird, pudelwohl. Unter anderem deshalb, weil er in seiner Traineegruppe mit Mitstreitern aus acht verschiedenen Nationen gemeinsam lernt. "Ich fühle mich hier nicht als Exot", erzählt Shahid. "Täglich treffe ich Kollegen aus unterschiedlichen Ländern. Das ist hier wie auf einer internationalen Insel."

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Konzerne wie der Automobilzulieferer Continental, die ihre Märkte international beackern, also vor Ort nicht mehr nur auf Kundenfang gehen, sondern dort auch Materialien einkaufen, die sie in den jeweiligen Regionen benötigen, um dort Waren für die lokalen Märkte zu produzieren, globalisieren nun auch intensiv ihre Personalarbeit. Was Siemens-Chef Peter Löscher schon bei seinem Amtsantritt im Sommer 2008 moniert hatte – ihm war seine eigene Führungsriege "zu deutsch, zu weiß, zu männlich" – setzt sich sukzessive bei immer mehr Unternehmen durch.

"Zu deutsch, zu weiß, zu männlich"

Laut einer Befragung der Unternehmensberatung ECA International unter 290 weltweit verstreuten Unternehmen aller Größen und Branchen ist nicht nur die Zahl der weltweit Entsendeten in den zurückliegenden zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen. Allein in den vergangenen beiden Jahren nahm die Bereitschaft, Mitarbeiter auf mehrjährige Auslandseinsätze zu schicken, bei 61 Prozent der befragten Firmen weiter zu. Und 62 Prozent gehen davon aus, dass dieser Trend angesichts der weiter voranschreitenden Globalisierung zunehmen wird.

Gleichzeitig steigt mit der Qualität ihrer Ausbildung auch die Zahl lokaler Manager, die das Auslandsgeschäft ihrer Arbeitgeber organisieren – weil sie die Gepflogenheiten ihrer alten Heimat viel besser kennen. Immer öfter entdecken Unternehmen die ausländische Elite auch für Positionen in Deutschland. Und das nicht mehr nur für zweitrangige Posten mit Feigenblattfunktion: Sie rekrutieren Absolventen mit Spitzennoten frisch von der Hochschule weg, schicken Manager aus dem Mittelbau durch die Welt, bilden internationale Teams in Geschäftsfeldern, die ebenfalls grenzüberschreitend organisiert sind.

Oft nur deutsche Aufsichtsräte

Seit der Däne Kasper Rorsted bei Henkel am Ruder ist, unterhalten sich die Führungskräfte bei dem traditionsreichen Düsseldorfer Familienunternehmen auf Englisch, auch weil inzwischen mehr als die Hälfte dieser Posten von Chinesen, Brasilianern oder Amerikanern besetzt ist.

Natürlich sind noch längst nicht alle Unternehmen so weit wie Conti & Co.: Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Towers Watson liegen zwar 53 Prozent des Grundkapitals der Dax-Unternehmen in den Händen ausländischer Investoren. Dennoch sind weiterhin 74 Prozent aller Aufseher Deutsche. "Deutschland ist eine Exportnation", mahnt Klaus-Peter Müller, Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex und des Commerzbank-Aufsichtsrats. "Das sollte sich auch in den Aufsichtsgremien widerspiegeln."

Ein Ausländer im Vorstand ist selbstverständlich

Erste Änderungen sind inzwischen jedoch zu erkennen: Im Aufsichtsrat des Bergbauunternehmens K+S sitzt inzwischen ein Israeli, bei der Commerzbank eine Österreicherin.

Und auch das operative Geschäft der größten deutschen Unternehmen liegt längst nicht mehr nur in deutscher Hand: Laut einer Analyse der Unternehmensberatung McKinsey werden zwar die Chefetagen bei MDax-Unternehmen mit mehr als 90 Prozent nach wie vor deutlich von hiesigen Managern geprägt. Doch bei den 30 größten börsennotierten Konzernen verdoppelte sich die Zahl nicht deutscher Vorstandsmitglieder zwischen 2000 und 2010 von unter 15 auf knapp 30 Prozent. Für 80 Prozent der 30 größten deutschen börsennotierten Konzerne ist es heute selbstverständlich, mindestens einen Ausländer im Vorstand sitzen zu haben.

"Wer seine Absatzmärkte optimal verstehen will, muss auch eine vielfältige und internationale Kultur im Unternehmen fördern", sagt McKinsey-Deutschland-Chef Frank Mattern. "Auch der exportstarke Mittelstand sollte mehr internationalen Einfluss in seine Entscheidungsgremien holen."

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