Krankmeldung : Attestpflicht ab erstem Tag bleibt die Ausnahme

Der Chef konnte schon immer ein Attest ab dem ersten Krankheitstag verlangen. Auch nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts wird dies die Ausnahme bleiben. Von T. Groll

Der Chef darf einem Mitarbeiter anordnen, dass er ab dem ersten Tag der Krankheit ein Attest vorlegt. Das hat das Bundesarbeitsgericht in seinem Urteil nun erneut bestätigt . Geklagt hatte eine Kölner Journalistin, die sich durch diese Weisung schikaniert fühlte. Die rechtliche Grundlage für diese Praxis bildet Paragraf 5 Absatz 1 Satz 2 des Entgeltfortzahlungsgesetzes . Es räumt dem Arbeitgeber ausdrücklich das Recht ein, eine Bescheinigung auch früher zu verlangen als nach dem dritten Tag. Dieses Recht hat der Arbeitgeber, weil er ein Mittel zur Kontrolle der Vertragstreue des Arbeitnehmers und damit auch seiner eigenen Leistungspflicht haben muss.

Dieses Interesse besteht völlig unabhängig davon, ob der Arbeitgeber ein berechtigtes Misstrauen hegt oder nicht. Begründen muss der Arbeitgeber die Anweisung nicht. In den Vorinstanzen argumentierten die Richter in dem Fall der Kölner Journalistin, die gegen diese Praxis geklagt hatte, dass es im billigen Ermessen des Arbeitgebers liege, bei welchem Mitarbeiter er ein Attest schon am ersten Erkrankungstag haben will. Das ist von seinem Weisungsrecht gedeckt, das er nach Paragraf 106 Gewerbeordnung hat. Allerdings darf der Arbeitgeber bei der Nutzung seines Weisungsrechts eben keinen Mitarbeiter schikanieren oder diskriminieren – so steht es in Paragraf 226 des BGB .

Ob eine Schikane oder Diskriminierung vorliegt, muss jedoch der Arbeitnehmer beweisen. Im Fall der Kölner Journalistin reichten die Indizien dafür nicht aus, das Weisungsrecht des Arbeitgebers wog höher.

Aus dem Urteil wird keine generelle Pflicht

Das Urteil wird die gängige Praxis, dass ein Attest in der Regel erst nach dem dritten Krankheitstag vorliegen muss, nicht verändern, denn es stellt nur eine Bestätigung der bisherigen Rechtsprechung dar. In der Regel fordern Arbeitgeber ein ärztliches Attest ab dem ersten Tag nur, wenn Mitarbeiter häufig kurz erkrankt sind und entsprechend ein Missbrauch vermutet wird.

Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Auch dürfte eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag kaum im Interesse der Arbeitgeber sein, denn die Bearbeitung der Bescheinigungen bereitet den Personalabteilungen eine deutliche Mehrarbeit. Auch dürfte eine allgemeine Pflicht dazu führen, dass sich reihenweise kranke Mitarbeiter zur Arbeit schleppen und dort ihre Kollegen anstecken. Leistungsabfall, Produktivitätsverlust und am Ende erhöhte Krankstände wären die Folge.

Außerdem wäre eine kollektive Attestpflicht für alle Arbeitnehmer mitbestimmungspflichtig. Die wenigsten Betriebsräte würden einer solchen Regelung ohne Weiteres zustimmen.

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Kommentare

51 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Längere Krankenzeiten

Ausserdem wird dies zu längeren Krankenzeiten führen. Statt dass man sich am ersten Tag erholt, wird die Krankschreibung von den meisten Ärzten wohl gleich auf mehrere Tage ausgestellt, schon alleine, um die eigene Arbeitsbelastung zu minimieren.

Ach ja, und dann wäre da noch der Punkt der Motivation und des gestörten Vetrauens zwischen den Parteien, wenn solche Massnahmen zur Regel werden...

Ich kann das nicht verstehen

In wievielen Ländern auf dieser Welt hat man das Privileg im Krankheitsfall bezahlt zu werden? Sicher nicht in der Mehrzahl. In Deutschland wird man nicht nur im Krankheitsfall weiterbezahlt, die Krankheit darf, grundsätzlich, auch nicht zur Kündigung führen. Das nimmt man gerne und wie selbstverständlich hin. Aber, dass man nachweist, dass man krank ist, also die Voraussetzungen für die Lohnfortzahlung und den Schutz vor der Kündigung aufgrund der Krankheit erbringt, darüber ist man empört.

Für all die Privilegien, die man in Deutschland im Krankheitsfall genießt, ist es sicherlich nicht zuviel verlangt, sich im Krankheitsfall unmittelbar zum Arzt zu begeben. Damit hat der Arbeitgeber nicht nur den Nachweis der Krankheit, sondern auch das Wissen, dass der Arbeitnehmer in Behandlung ist.

Und außerdem: lieber eine Woche richtig auskurieren und nicht dann wieder zur Arbeit kommen, wenn man sich besser "fühlt" und dann auch noch schön die Kollegen anstecken.

Unheimlich sinnvoll

Ja, denn wenn man so richtig flachliegt, ist es auf jeden Fall die beste Idee, sich zum Arzt zu schleppen. Dazu muss man sich bewegen, evtl. ÖVPN fahren etc. Alles Dinge, die z.B. bei einem grippalen Infekt mit Sicherheit keineswegs hilfreich sind bzw. auch für die Umwelt noch das Ansteckungsrisiko bergen. Und man denkt sich vllt wirklich, bevor ich jetzt zum Arzt fahre, 1 Stunde im Wartezimmer sitze, wieder zurück fahre, kann ich auch einen kurzen Arbeitstag bewältigen. Womit man alles nur noch schlimmer macht. Zu kurz gedacht, lieber Vorredner.

Plädiere für einen Filter

Ich würde sehr gerne für einen Filter plädieren, welcher mir erspart sinnlose Beiträge zu einem Thema lesen zu müssen, welche eine Verbindung zwischen jedwedem Thema und Klassenkampf herstellen.

Es ist einfach so, dass die wenigsten Menschen in der Lage sind, aus ihrer subjektiven Sichtweise in eine objektivere (eine vollständig objektive Sicht ist unmöglich) Sichtweise zu gelangen. Natürlich gibt es den Terrorchef vor dem alle zittern und der seine Mitarbeiter triezt wo es nur geht. Das sind aber die Ausnahmen. Genau so sind die notorischen "Krankfeirer" in der Minderheit. Allerdings habe ich noch keinen Menschen getroffen, der nicht zumindest schon einmal (aus diversen Gründen) "krank gemacht" hat. Wie im Artikel schon beschrieben wird, ändert sich überhaupt nichts. Die Arbeitgeber konnten schon immer eine Meldung vom Arzt am ersten Tag verlangen. Warum man das nicht prinzipiell macht? Weil die meisten Arbeitgeber wissen, dass man krank werden kann, sie selber tun es ja auch und das es nichts zur Produktivität beiträgt, jedem Mitarbeiter auf den Füssen zu stehen. Der ein oder andere Arbeitgeber wird eine Krankmeldung am ersten Tag verlangen, wenn er 1.) denkt das es die Norm ist (nicht jeder Arbeitgeber ist im Arbeitsrecht bewandert) und 2.) wenn ein Mitarbeiter ein auffälliges Muster zeigt, also z.B. über einen längeren Zeitpunkt häufig Montags einen Tag krank ist.

Sie brauchen sich nicht wiederholen

Sie werfen mir vor meine Welt stimme nicht mit der Realität überein und belegen dies an ihrer subjektiven Sichtweise. Meine Sichtweise ist ebenso subjektiv wie ihre, allerdings kann ich Ihnen sagen, durch meine berufliche Tätigkeit habe ich in den vergangenen 10 Jahren einen tiefen Einblick in die Unternehmen meiner Kunden bekommen. Wir sprechen hier von weit über 1000. Der Anteil von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern kontinuierlich auf den Füssen standen beläuft sich auf unter 10%. Ich würde gerne von Ihnen wissen, was Sie befähigt die Realität besser abbilden zu können als ich das tue. Ich möchte Ihnen übrigens auch sagen, dass Realität nichts mit Ideologie zu tun hat. Ferner möchte ich Ihnen nochmals empfehlen sich mit subjektiv und objektiv zu beschäftigen. Sie arbeiten zufällig im Praktiker? Wie kommen Sie nun darauf, dass diese Unternehmenspraxis bei allen anderen Unternehmen gilt? Wie kommen Sie darauf ihre Erfahrung auf die ganze Realität zu übertragen?

Ich habe betont, dass es Branchen gibt, in welchen sich die Mitarbeitergängelung häuft, dass diese Branchen aber vom Verbraucher in eine hohe Wettbewerbssituation gezwungen wird.

Ich habe nicht behauptet, das diese Praxis...

... ueberall angewandt wird. Aber im Praktiker ist sie nunmal die Regel. Und ja, natuerlich ist meine Sichtweise subjektiv. Leider hat es sich einbuergert, das Wort "subjektiv" mit negativer Konnotation zu versehen.

Menschen sind subjektiv. Und das ist nichts Schlimmes. Wer versucht nur objektiv zu sein, verliert den Blick fuer die Menschlichkeit, da er kalt und rational agieren muss.

Aber ich wollte hier nicht zu sehr vom Thema abweichen.

Korrekt

Ich habe ja auch in meinem Beitrag erwähnt, dass wir immer subjektiv handeln, empfinden und denken. Ich möchte nochmals betonen, dass es sehr schwer ist und eine hohe Kunst seinen subjektiven Standpunkt zu räumen um zu VERSUCHEN objektiver zu werden. Das muss z.B. ein guter Strafverteidiger können.

Ich muss Ihnen dazu sagen, dass ich leidenschaftlich gerne debattiere auch gerne kontrovers. In Debattier-AGs / Clubs wird man z.B. vor die Herausforderung gestellt per Los pro oder kontra zu sein. Dann müssen Sie beispielsweise als überzeugter Atomkraftgegener dafür sprechen und entsprechende Argumente finden. Das schult einen Menschen sehr, weil er sich mit den Argumenten seiner "eigentlich" Gegner auseinandersetzen muss.

Es gibt in der Streit- und Diskussionskultur einen rhetorischen Trick, den ich persönlich nicht leiden kann und zwar über Pauschalisierung oder "Pseudo-Objektivierung" seine Meinung zu einem "Argument" zu machen. Unsere Politiker machen das gerne und auch hier im Kommentarbereich kommt das (gefühlt) bei jedem Dritten Kommentar vor.

Aber Sie haben Recht. Zurück zum Thema ;)

völlig richtig

Hallo Langeland,

stimmt - der Aspekt mit der Motivation und dem Vertrauen ist noch wichtig zu erwähnen. Leistung und Loyalität erbringen Mitarbeiter, die ihrem Arbeitgeber trauen. Wenn ein Chef seine Mitarbeiter per se unter Blau-Machen-Generalverdacht stellt, ist das der Mitarbeiterbindung nicht gerade zuträglich. Gute Führungskräfte wissen das. Überdies spricht sich auch so eine Attestpflicht für einzelne herum und kann das Betriebsklima verderben.

beste Grüße
von Tina Groll

Mal langsam im Entgeltfortzahlungsgesetz steht:

"Der Arbeitnehmer ist verpflichtet, dem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüglich mitzuteilen. Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, hat der Arbeitnehmer eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit sowie deren voraussichtliche Dauer spätestens an dem darauffolgenden Arbeitstag vorzulegen. Der Arbeitgeber ist berechtigt, die Vorlage der ärztlichen Bescheinigung früher zu verlangen." (§ 5,1)
Das heißt also, wenn ich – zum Beispiel wegen eines Migräneanfalls – nur einen Tag krank bin, brauche ich keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Muß ich die dann ggfs. auch am ersten Tag beim Arbeitgeber vorlegen?

Praktiker

Meinen Sie damit das Bauhaus? Nun könnte man ja z.B. mal ergründen warum eine bestimmte Firma das zum "Regelfall" macht und hier liegt für mich die Antwort auf der Hand.

In bestimmten Branchen z.B. Baumärkten / Lebensmittelhandel findet ein knallharter Preiswettbewerb statt. Der Kunde denkt sich geiz ist geil und die Unternehmen unterbieten sich bis nahezu keine Marge mehr vorhanden ist. Den Kundendruck bekommen dann die Mitarbeiter in schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen zu spüren. Schlechte Lohn- und Arbeitsbedingungen führen zu einer sinkenden Arbeitsmoral und es häuft sich die Mitarbeiterfluktuation und die Krankheitstage in einem Unternehmen. Die Unternehmen reagieren unbeholfen und dumm indem sie den Mitarbeiter noch mehr unter Druck setzen. Die Lösung beinhaltet hier AUCH ein Umdenken im Konsumentendenken - weg von "geiz ist geil" hin zum bewussten nachhaltigen Kauf. Der deutsche Konsument sieht sich stets gerne als "schuldlos", doch er ist es nicht. Wir werden nicht gezwungen bei X das Produkt Y zu kaufen. Wie viele Konsumenten haben z.B. beim Baumarkt des Vertrauens (um bei "Praktiker" zu bleiben) den Geschäftsführer zu sprechen verlange und gefragt wie es das Unternehmen mit den Mitarbeitern hält und ihm bei dieser Gelegenheit das Missfallen ausgedrückt und ihn darauf hingewiesen, dass man aus diesen Gründen nun woanders kauf.

Überlegen Sie sich, wenn das pro Tag nur 10-15 Leute pro Filiale machen. Wie schnell werden Unternehmen umdenken.

Kein Betriebsrat

In den meisten Baumärkten (Praktiker, Bauhaus usw.) gibt es weder lokale noch überregionale Betriebsräte. Die Mitarbeiter werden eingeschüchtert und es wird ihnen stets ein Gefühl von "Austauschbarkeit" gegeben. Prinzipiell ist ja im Arbeitsrecht, wie in jedem anderen Recht, ein Unternehmen kann endlos dagegen verstoßen, wenn es kein Kläger gibt.

Das Paradoxe an der Situation ist allerdings, dass einem stets indirekt gezeigt wird, dass man leicht ersetzbar ist, im Fall meiner Frau (zur Erinnerung in Studienzeiten arbeitet sie bei einem Baumarkt) war das so, dass sie nach einem Jahr von heute auf morgen gekündigt hat und der Filialleiter sie bekniet hat nicht zu gehen (Weihnachtsgeschäft) und an ihr Moralgefühl appellierte die Kollegen nicht "hängen" zu lassen. Tja das Unternehmen ist hier allerdings selber schuld, denn man hatte mit ihr drei mal einen Zeitvertrag über ein halbes Jahr geschlossen und sich explizit das beidseitige Kündigungsrecht binnen eines Tages vereinbart.

Ich kann mittlerweile jeden mürrischen Mitarbeiter in einem Baumarkt verstehen.