Schummeln im JobDie Menschen sind ehrlicher als vermutet

Auch wenn Schummeln sich lohnt und ungefährlich ist, tun es die meisten Menschen offenbar dennoch nicht. Ein Experiment widerlegt gängige ökonomische Annahmen. von Ferdinand Knauß

Vielleicht steckt in der Redensart von der Ehrlichkeit, die am längsten währt, doch mehr Weisheit als Ökonomen üblicherweise vermuten. Das legt jedenfalls ein einfaches Experiment nahe, das Forscher der Universitäten Bonn und Oxford um Armin Falk jetzt in der Discussion Paper Series des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vorstellen.

Das Sozial- und Marktforschungsinstitut infas rief in Falks Auftrag 700 zufällig ausgewählte Personen in Deutschland an, um ihre Ehrlichkeit auf die Probe zu stellen. Die Probanden sollten eine Münze werfen. Wer angab, "Zahl" geworfen zu haben, bekam 15 Euro. Wer "Kopf" warf, bekam nichts. "Damit war die Verführung schon sehr groß, in der Umfrage einfach `Zahl´ anzugeben, da niemand am Telefon nachprüfen konnte, ob dies tatsächlich zutraf", berichtet Erstautor Johannes Abeler von der Universität Oxford.

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Das Ergebnis verblüffte die Forscher. Anscheinend hat so gut wie keiner der Probanden geschummelt. Die Forscher konnten das allerdings nur indirekt schließen: "Die Chance, Kopf oder Zahl zu werfen, ist genau gleich groß – 50 : 50", erläutert Mitautorin Anke Becker. Aber nur 44,4 Prozent der Befragten gaben an, "Zahl" geworfen und damit Anrecht auf die 15 Euro zu haben. 55,6 Prozent sagten "Kopf" und gingen damit leer aus. Die Wissenschaftler boten in einer weiteren Untersuchung die Möglichkeit, nur ein bisschen zu schummeln: Die Probanden sollten insgesamt vier Mal eine Münze werfen, wodurch nur "teilweise" gelogen werden konnte. Doch auch diesmal gaben weniger als 50 Prozent der Befragten an, eine Zahl geworfen zu haben und damit einen Gewinn von diesmal fünf Euro zu bekommen.

Beim Lügen kommt es offenbar auf die Situation an

Damit beriefen sich sogar deutlich weniger Probanden darauf, Zahl geworfen zu haben als statistisch vorgegeben. Das heißt, vermutlich haben sogar manche Probanden zu ihrem Nachteil gelogen. Vorangegangene Studien in Laborumgebungen hatten hingegen gezeigt, dass etwa 75 Prozent der Befragten angaben, "Zahl" geworfen zu haben. "Offenbar ist Lügen situationsbedingt", schließt Falk aus den Ergebnissen. Die Probanden wurden Zuhause in ihrer privaten Umgebung befragt. "In diesem geschützten Raum soll wahrscheinlich das Selbstbild der `ehrlichen Haut´ nicht unnütz zerstört werden."

Im geschäftlichen Bereich könne dies jedoch ganz anders aussehen: Wer zum Beispiel im Beruf lügt, kann sich unter Umständen damit trösten, dass er das für seinen Arbeitgeber macht.

Konsequenzen für Wissenschaft und Geschäftsleben

"In allen Weltreligionen und Moralsystemen hat Ehrlichkeit einen sehr hohen Stellenwert", sagt Falk, der die Abteilung für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Bonn leitet und Programmdirektor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist. "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", lautet das achte Gebot. Ökonomen gehen jedoch in der Regel davon aus, dass Menschen zur Lüge neigen, wenn es sich lohnt. "In Verhaltensexperimenten wurde bislang sehr stark darauf geachtet, Anreize für wahrheitsgemäße Auskünfte zu schaffen – das scheint in diesem Ausmaß nicht erforderlich zu sein", sagt Abeler.

Die Ergebnisse haben aus Sicht der Forscher absehbar weit reichende Konsequenzen für Wissenschaft und Geschäftsleben. Und mit Blick auf die Staatsfinanzen: Ein nicht zu anonymes Umfeld und ein Appell an das Selbstwertgefühl könnten vielleicht sogar die Steuerehrlichkeit erhöhen.

Erschienen auf wirtschaftswoche.de

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  • Schlagworte Staatsfinanzen | Wissenschaft | Euro | Universität Bonn | Oxford
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