ZEIT ONLINE: Herr Müller-Eschenbach, Sie machen mit Führungskräften systemisches Coaching. Dabei spricht ein Manager auch mit Geistern. Was bringt das denn?

Gordon Müller-Eschenbach: (lacht) Mit Geistern sprechen hoffentlich nur die wenigsten Chefs. Aber Sie haben Recht, in manchen Systemaufstellungen in Unternehmen kommen sogenannte Geister-Rollen auf. Das sind versteckte Themen, über die niemand spricht, die aber wichtige Entscheidungen und Entwicklungen behindern oder sogar verhindern. Aufstellungen können eine wirkungsvolle Methode sein, um unbewusste Konflikte und Probleme aufzudecken und zu lösen.

ZEIT ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel für ein solches Geisterthema in einer Firma.

Müller-Eschenbach: Ich hatte in der Beratung beispielsweise ein ehemaliges Familienunternehmen, das sehr groß geworden war. Der Patriarch hatte seine Firma vor 15 Jahren verkauft. Nicht etwa, weil er es musste, sondern weil er es wollte. In den 15 Jahren hatte sich das Unternehmen stark verändert. Nur noch ganz wenige ältere Mitarbeiter konnten sich noch an die Zeiten als Familienunternehmen erinnern. Und trotzdem fühlten sich viele dem alten Chef gegenüber verpflichtet und waren dem Management gegenüber skeptisch. Unterbewusst herrschte in ihnen das Gefühl "Wir ruinieren die Familiensaga, wir vergessen, woher wir kommen". Aber dieses Grundgefühl wurde nicht offen ausgesprochen.

Erst in der Aufstellung wurde das Thema offenbar und die neuen Manager verstanden, dass sie auch 15 Jahre nach dem Verkauf und einer eigenen guten Beziehung zu den Alt-Eigentümern nochmal Wertschätzung für die Unternehmensgeschichte zeigen mussten. Das geschah schließlich nicht nur in der Ansprache gegenüber der Belegschaft, sondern auch in der Kommunikation nach außen durch Danksagung an die Unternehmerfamilie in der Firmenbroschüre. Der Krankenstand sank daraufhin, die Produktivität stieg, und auch das Vertrauen der Belegschaft in das Management wurde gestärkt.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert Systemaufstellung generell?

Müller-Eschenbach: Die Methode kommt aus der Psychologie. Bekannt ist die Familienaufstellung, wo die Beziehungskonstellationen der Familienmitglieder nachgestellt werden. Ähnlich funktioniert es auch im Business-Coaching. In der Regel gibt es einen Klienten, der eine Frage oder ein Problem hat. Klassische Aufstellungen werden in einer Gruppe gemacht, wo andere aus der Gruppe als Stellvertreter für die Betroffenen fungieren. Es sind also nicht die tatsächlich am Konflikt Beteiligten, sondern Fremde, beispielsweise andere Coaches, Klienten oder Teilnehmer. Der Klient sucht sich unter diesen Leuten intuitiv Stellvertreter aus, die an verschiedenen Orten im Raum aufgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Sie schlüpfen in die Rolle der Menschen, die sie darstellen. Durch gezielte Fragen des Aufstellers an die Stellvertreter oder auch ihre Neu-Positionierung im Raum kann der Klient sein Problem bearbeiten und auch lösen.

ZEIT ONLINE: Können Sie das an einem Beispiel anschaulich machen?

Müller-Eschenbach: In einem Coaching hatte ich eine Führungskraft, die befördert worden war und nun in Konflikte mit einer Mitarbeiterin geriet. Der Manager war ein sehr herzlicher Mensch und bei allen im Team sehr beliebt – nur eben mit dieser Kollegin krachte es. Der Mann hatte zunächst vermutet, dass die Kollegin sich ebenfalls auf den Leitungsjob beworben hatte, aber nicht berücksichtigt worden war. Allerdings war das nicht der Fall. Die Frau hatte auch kein persönliches Problem mit ihrem neuen Chef. In der Aufstellung kam heraus, dass sie schlicht ein Problem damit hatte, wenn Männer ihr körperlich zu nahe kommen. Der Mann neigte nämlich dazu, seine Mitarbeiter zu berühren, indem er ihnen beispielsweise zur Motivation auf die Schulter klopfte, oder sogar kurz umarmte. Nach der Aufstellung hat der Vorgesetzte einfach etwas mehr körperliche Distanz zu dieser Kollegin gewahrt – und die Konflikte konnten gelöst werden.

ZEIT ONLINE: Und diese Kollegin war in der Aufstellung nicht mit dabei?

Müller-Eschenbach: Nein, sie wusste auch nichts davon. Aufgestellt wurde eine völlig fremde Frau.