WeiterbildungFirmen schicken IT-Experten in die Wüste

In Schwellenländern wie Indien boomt der Weiterbildungsmarkt für Computerfachleute. Nun zieht es die Branche nach Dubai. Von Tina Groll, Dubai von 

IT-Weiterbildung für internationale Fachkräfte in Neu Delhi

IT-Weiterbildung für internationale Fachkräfte in Neu Delhi  |  © PR: Koenig Solutions

Für Odie Gray war der Kultursprung besonders groß. Noch vor wenigen Tagen war Gray als Soldat der US-Armee im Afghanistan-Einsatz, als Experte für Sicherheitstechnik. Nun sitzt er in einem kleinen Büro in der Wüste von Dubai und schaut auf einen Computerbildschirm. Gray, Mitte 30, ist Computerexperte und der Einsatz in Afghanistan war sein letzter in der Armee. Er will einen Job in der zivilen Wirtschaft finden, deshalb ist er im Dubai Knowledge Village gelandet, einem Businesspark unweit der Glitzerpaläste Dubais, in dem sich Universitäten, Personalberatungen und Weiterbildungsfirmen niedergelassen haben.

Gray will hier drei Kurse für drei Zertifikate belegen, die ihn für bestimmte Jobs für Datenbankexperten qualifizieren. Zwei Monate will er bleiben, um das "Bootcamp"  zu besuchen, wie es der Veranstalter nennt. Die Kurse gehen den ganzen Tag, abends wird Theorie gepaukt. Gekommen ist der Amerikaner vor allem wegen des Geldes. Die Kurse, die er belegen will, hätten ihn in den USA zwischen 10.000 bis 20.000 Dollar gekostet, sagt er. In Dubai zahlt er nun rund 5.000 Dollar, Flug inklusive. Dafür bekommt er sogar ein Einzeltraining, nicht wie in den USA einen Kurs mit 15 bis 20 anderen Fachkräften.

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Der Computerspezialist ist mittlerweile einer von Tausenden Fachkräften, die sich in Schwellenländern wie Indien, Thailand oder im Emirat Dubai schulen lassen. Viele Unternehmen lagern seit rund zehn Jahren die Weiterbildungen ihrer IT-Spezialisten in diese Länder aus, um Geld zu sparen. "Offshore-Training" heißt das in der Management-Sprache. Weil die Computertechnik sich rasant weiter entwickelt, steigt die Zahl der Fortbildungen und damit auch die Kosten für Unternehmen und selbstständige Programmierer. In Indien und Thailand kosten die Schulungen oft nur die Hälfte dessen, was Firmen in Europa oder den USA verlangen. Manche Einzeltrainings in Indien gibt es schon für 2.000 Euro – inklusive Flug, Visum und Unterkunft.

Boomender Markt in den Schwellenländern

Ex-Soldat Odie Gray lässt sich in Dubai weiterbilden.

Ex-Soldat Odie Gray lässt sich in Dubai weiterbilden.  |  © Tina Groll

Längst ist in den Schwellenländern ein gewaltiger Weiterbildungsmarkt entstanden. Das Unternehmen Koenig Solutions mit Sitz in Delhi war eine der ersten Firmen, die den Trend erkannt hat. Mittlerweile machen gleich mehrere Firmen wie Bilsoft mit Sitz in Goa oder BookmyBootcamp.com aus Delhi dem Marktführer Konkurrenz. Die großen Anbieter berichten von rasant steigenden Umsätzen, viele beschäftigen mittlerweile mehrere Hundert Trainer, die ihre Ausbildung oft an renommierten indischen Universitäten erhalten haben. Firmen wie Koenig Solutions schulen nach eigenen Angaben mehrere Tausend Fachkräfte pro Jahr. Der Vorteil der "Offshore"-Firmen: Sie können Trainer und sonstiges Personal zu geringeren Gehältern beschäftigten als im Westen und damit Kosten sparen. Wegen der Steuerfreiheit in Dubai müssen weder die Weiterbilder noch die Angestellten Steuern zahlen – dadurch rechnet sich das Geschäft auch hier.

Marktführer Koenig Solutions hat aus strategischen Gründen in dem Wüstenemirat vor rund einem Jahr eine Filiale eröffnet. Viele Firmen aus dem Westen seien noch immer skeptisch, wenn es um Weiterbildungen in Asien gehe, heißt es von dem Unternehmen. Deshalb biete man nun auch in Dubai Kurse an, gewissermaßen "nearshore". Ein weiterer Vorteil: Erstmals erreichen Firmen auch arabische Kunden. "Wir hatten vorher nur wenige muslimische Kunden, weil diese Weiterbildungen in muslimischen Ländern bevorzugt haben", sagt Sandeep Dhawan, der Geschäftsführer von Koenig Solutions. "Jetzt boomt das Geschäft."

Unter anderem mit Kunden wie Shehab Bin Yahya. Der Datenbankspezialist wurde acht Tage lang von seinem Arbeitgeber, ein Immobilienunternehmen im Jemen, für eine Microsoft-Schulung in das Wüsten-Emirat entsandt. "Nach Indien hätte mich mein Unternehmen nicht geschickt, das hat auch religiöse Gründe", sagt der Computerspezialist. Weil er ein spezielles Training absolviert, hat das Weiterbildungsunternehmen extra einen Trainer aus Nordindien eingeflogen. Auch die US-Armee lässt zunehmend in Dubai schulen.

Die gut ausgebildeten Trainer sind für Unternehmen wie Koenig ein entscheidender Faktor. Es werde immer schwerer, die besten Leute zu halten, sagt der CEO von Koenig Solutions, Rohit Aggarwal.

Der Standort Dubai ist für die beiden indischen IT-Trainer Ravi Singh und Vishu Aggarwal attraktiv.

Der Standort Dubai ist für die beiden indischen IT-Trainer Ravi Singh und Vishu Aggarwal attraktiv.   |  © Tina Groll

CEO Rohit Aggarwal lenkt sein Unternehmen nach einem Ethikkodex, der auf dem Hinduismus fußt. Dieser soll seinem unternehmerischen Handeln einen höheren Sinn geben. Zehn Prozent des Gewinns – immerhin 10 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr – investiert Aggarwal in ein firmeneigenes Projekt, das mehrere Schulen in den Armenvierteln in Delhi finanziert. Jeder Mitarbeiter muss sich zu gegenseitigem Respekt, Rücksichtnahme, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit verpflichten.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Viele der Weiterbildungsfirmen bieten mittlerweile auch Onlinekurse an, bei denen die Kunden gar nicht erst nach Dubai oder Delhi reisen müssen. Der Trainer sitzt zwar weiterhin in Indien oder Dubai im Schulungszentrum, zugeschaltet ist er aber nur virtuell. Die Uhrzeit und das Tempo der Kurse bestimmen die Schüler selbst. Das Angebot nutzen in Europa vor allem Frauen, die während der Elternzeit nicht den Anschluss verpassen wollen. Schon bald könnten solche Angebote den Markt dominieren, heißt es in der Branche.

Dennoch wollen die Firmen weiter in Niederlassungen investieren. Allein Koenig Solutions will in den kommenden zwei Jahren Trainingscenter in Europa, Afrika und Südamerika eröffnen. 2014 will das Unternehmen auch an die Börse gehen.

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