SuchtWie sollen Arbeitgeber mit suchtkranken Mitarbeitern umgehen?

Der Mitarbeiter ist alkoholabhängig, die Chefin will ihn damit konfrontieren. Wie Führungskräfte mit suchtkranken Arbeitnehmern umgehen sollten, erklärt Sabine Hockling. von 

In meiner Filiale ist ein Mitarbeiter Alkoholiker. Wie soll ich mich als seine direkte Vorgesetzte verhalten?, fragt Bettina Fischer, Filialleiterin bei einem Bekleidungsunternehmen.

Sehr geehrte Frau Fischer,

gut fünf Prozent der Beschäftigten sind alkoholkrank, gibt die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) an. Alkohol führt bereits in geringen Mengen zu erheblichen Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit. Je höher der Promillewert, desto stärker steigt das Unfallrisiko. Nach Angaben der BG ETEM treten bei einem Promillewert von 0,7 Gleichgewichtsstörungen auf, lässt die Nachtsicht nach und verlängert sich die Reaktionszeit erheblich. Bei einem Wert von 0,8 Promille steigt das Unfallrisiko bereits um ein Vierfaches an: Die Kontrolle der Augenbewegungen geht verloren, das Gehirn verarbeitet Informationen nur noch mangelhaft, es kommt zum sogenannten Tunnelblick. Alkoholkranke Mitarbeiter sind ein Risiko für sich, das Unternehmen und die Kollegen.

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Sie sollten Ihrem Arbeitnehmer also dringend helfen – und zwar schnell und konsequent.

Chefsache: Fragen von Führungskräften

Wie gelingt gute Personalführung und was zeichnet einen fairen Chef aus? Jede Woche, immer freitags, beantwortet die Management-Expertin Sabine Hockling in der Serie "Chefsache" Fragen von Führungskräften.

Schreiben Sie uns (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Leider haben Arbeitgeber nur wenig Spielraum. Bei Suchterkrankungen ist ein Klinikaufenthalt notwendig. Ist der erkrankte Mitarbeiter dazu nicht bereit, bleibt nur die Kündigung. Als Filialleiterin gehört es zu Ihren Aufgaben, Probleme, die negative Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben, zu lösen.

Bei Weigerung bleibt nur die Kündigung

Zudem sind Sie verpflichtet, jetzt ein sogenanntes gerichtsfestes Konfliktmanagement durchzuführen. Daher sollten Sie sich unbedingt rechtlich beraten lassen.

Sabine Hockling
Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie Chefsache. Seit 2014 im neuen Format: Immer freitags spricht sie mit der Managerin Linda Becker über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, der Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Weil Sie als Vorgesetzte auch eine menschliche Verpflichtung gegenüber Ihrem Mitarbeiter haben, sollten Sie zunächst das Gespräch mit ihm suchen. Gehen Sie dabei sensibel vor und vermeiden Sie Angriffe, Beleidigungen, Verurteilungen oder gar Moralpredigten. Reden Sie aber auch nicht um den heißen Brei, sondern sprechen Sie ihn konkret auf seine Sucht an. Benennen Sie ihm sachliche Verhaltensbeispiele (z.B. Zittern, unsicherer Gang, Alkoholfahne), die Sie in der Vergangenheit beobachtet haben. So kann er sich nicht herausreden.

Bereiten Sie vor dem Gespräch auch eine Liste mit Adressen von Beratungsstellen und Therapeuten vor. Übergeben Sie ihm diese mit der Versicherung, ihn bei dem Entzug zu unterstützen. Machen Sie ihm aber auch deutlich, dass er reagieren muss. Denn mit seinem Verhalten gefährdet er sich, seine Kollegen und auch die Kunden. Auch muss ihm klar sein, dass ihm die Kündigung droht, sofern er sich weigert, trotz der nachgewiesenen Alkoholerkrankung eine Entziehungskur zu machen. Daher sollte das Gespräch mit der Absprache konkreter Maßnahmen und Zeitvorgaben enden.

Leserkommentare
  1. logische und hilfreiche Beschreibung die zheoretisch sicherlich auch funktionieren würde wenn alle Beteiligten das auch möchten.

    Warum sollte ich dem Mitarbeiter bei der Bekämpfung seiner Sucht helfen und den Anstoss geben, besser er kommt zu mir und bittet mich darum das empfände ich als sinnvoller.

    Die Frage die sich mir nur stellt ist die praktische Umsetzung, die anderen Mitarbeiter wissen ohnehin durch Beobachtungen bereits davon da wäre das Gerede bereits da und die Verlässlichkeit eines/r Alkoholsuchterkrankten ist stark eingeschränkt und auch das übrige Team müsste hier die Arbeit des zu entziehenden ja auch erledigen.

    Bei der heutigen Arbeitsmarktsituation dürften bei Vergehen nach zwei Abmahnungen eher die fristlose Kündigung stehen, auch zum Wohle der Belegschaft die sich nicht auch noch zusätzliche Probleme anhängen sollte.

    Eine Leserempfehlung
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    • 29C3
    • 18. Januar 2013 20:07 Uhr

    Weil Sie dadurch auch allen anderen Kollegen von ihm mit helfen, und das Unternehmen von einem Problem befreien. Ich fürchte, mit den Fragen haben Sie nicht gerade glänzen können, zumal: wer mit Alkoholikern (auch am Arbeitsplatz) seine Erfahrung sammeln musste, der kennt die schier unendliche und teilweise regelrecht phantasievolle Selbstverleugnung, die diese Leute konsequent wie sonst nichts betreiben, ein Problem haben die wenigsten darunter, das sei ja mal wieder nur ein bißchen, weil...

    • CoMiMo
    • 29. Januar 2013 1:15 Uhr

    Warum sollte ich dem Mitarbeiter bei der Bekämpfung seiner Sucht helfen und den Anstoss geben, besser er kommt zu mir und bittet mich darum das empfände ich als sinnvoller.

    Aus dem ganz einfachen Grund, weil man als Chef gewisse Pflichten gegenüber seinen Mitarbeitern hat.

    Aus dem ganz einfachen Grund weil viele Suchtkranke gar nicht wissen oder wissen wollen, dass sie Suchtkrank sind und somit gar nicht oder erst viel zu spät um Hilfe bitten.

    Wenn Sie sich ein wenig mehr mit dem Thema "Sucherkrankung" beschäftigt hätten oder beschäftigen, dann werden Sie merken wie bescheuert dieser Teil Ihres Kommentars war.

  2. Die Bezeichnung "Alkoholkrank" oder "suchtkrank" durch andere Personen zeugt von keiner guten Handhabe. Diese Bezeichnung sollte jedem für sich selbst überlassen bleiben.

    Die Nutzung dieses Begriffs durch andere Personen über eine dritte Person führt zu einer Stigmatisierung, die sich hinderlich auf die gesamte zwischenmenschliche Beziehung auswirken kann.

    Sollte ein Mitarbeiter oder ein Kollege mit einem "auffälligen" Alkoholkonsum, was auch immer hier als "auffällig" definiert wird, anwesend sein, gibt es wenig Möglichkeiten, diesen Menschen anzusprechen, zu erreichen oder in die Richtung eines Entzugs zu bringen.

    Ein vorsichtiges und vertrauliches Gespräch unter vier Augen wäre ein Anfang. Sollte eine dritte Person anwesend sein, wird das Scham- und Schuldthema des Betroffenen im Vordergrund stehen und hier kaum eine Lösungsorientierung stattfinden können.

    Hier geht es um Vertrauen und dem Menschen das Gefühl zu geben,nicht allein zu sein mit seinen "Problemen". Es handelt sich bei Sucht um eine Krankheit, auch wenn der Betroffnene dieses niemals zugeben würde.

    Sollte wirklich eine "Suchterkrankung" vorliegen, wird kein Außenstehender die selbstzerstörerischen Aspekte und Motivationen in diesem Menschen erreichen oder ändern, das kann nur er allein.

    Daher gibt es kein "Rezept" im Umgang mit dem Thema, da es sich immer um eine individuelle und sehr persönliche Angelegenheit handelt.

    4 Leserempfehlungen
    • Trypsin
    • 18. Januar 2013 17:09 Uhr

    Aus Erfahrung mit Menschen, die zu viel Alkohol konsumieren, kann ich nur sagen, dass es nichts bringt. Die meisten streiten nämlich ihr Problem ab und viele sind sich wirklich nicht darüber bewusst.
    In meiner ehemaligen Firma war ich häufig über die regelmäßigen Anlässe eine Sektflasche während der Arbeitszeit zu trinken, erstaunt. Aufgrund von Gesprächen wusste ich von mehreren Kollegen, dass sie fast jeden Abend Alkohol trinken und bei privaten Treffen unvorstellbare Mengen Alkohol konsumieren. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass sich irgendwer Gedanken über seinen Alkoholkonsum gemacht hat. Es gibt keine Einzelfälle, sondern sehr viele Menschen haben ein Problem mit dieser legalen Droge.

  3. Interessante Anregungen im Artikel.

    Aber was machen, wenn es umgekehrt der Fall ist ?
    Wenn der Vorgesetzte, der Chef, die Fuehrungskraft Alkoholiker ist, oder Tablettenabhaengig ?
    Soll es geben ...

    Der alkoholisierte Mitarbeiter, mit allen Folgen, und der cleane Chef, das ist ein Stereotyp (des Kapitalismus ?).

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    • 29C3
    • 18. Januar 2013 20:11 Uhr

    Furchtbar, das habe ich jahrelang als MA gehabt; die ganze Arbeitsgruppe litt heftig darunter, bis er nach mehr alds einem jahrzehnt endlich herabgesetzt wurde. Aber er, er hat es bis heute nicht begriffen, was er seinen damaligen Leuten angetan hat.

    • 29C3
    • 18. Januar 2013 20:07 Uhr

    Weil Sie dadurch auch allen anderen Kollegen von ihm mit helfen, und das Unternehmen von einem Problem befreien. Ich fürchte, mit den Fragen haben Sie nicht gerade glänzen können, zumal: wer mit Alkoholikern (auch am Arbeitsplatz) seine Erfahrung sammeln musste, der kennt die schier unendliche und teilweise regelrecht phantasievolle Selbstverleugnung, die diese Leute konsequent wie sonst nichts betreiben, ein Problem haben die wenigsten darunter, das sei ja mal wieder nur ein bißchen, weil...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "eine sehr"
    • 29C3
    • 18. Januar 2013 20:11 Uhr

    Furchtbar, das habe ich jahrelang als MA gehabt; die ganze Arbeitsgruppe litt heftig darunter, bis er nach mehr alds einem jahrzehnt endlich herabgesetzt wurde. Aber er, er hat es bis heute nicht begriffen, was er seinen damaligen Leuten angetan hat.

    Antwort auf "Und umgekehrt ?"
  4. Frau Hockling mag Expertin im Bereich der Unternehmensleitung sein, sie ist aber keine Suchtexpertin. Führungskräfte benötigen eigentlich Schulungen, um mit dieser weit verbreiteten Problematik kompetent umgehen zu können. Halbwissen reicht nicht aus, da Suchterkrankungen sich immer auch auf das gesamte Umfeld auswirken und Firmen davon genauso betroffen sind wie Familien!

    • Cudddel
    • 19. Januar 2013 11:25 Uhr

    Die Erfahrung im Umgang mit Suchtkranken hat sicherlich nur ein verschwindend geringer Teil von Vorgesetzten, Chef un Arbeitskollegen. Das vertrackte an Suchterkrankungen ist m. E. die Gefahr, durch gut gemeinte, aber kontraproduktive Maßnahmen, die Situation zu verschlimmern oder in eine Co-Abhängigkeit zu geraten. Da - einfach gesprochen - alle Mitarbeiter betroffen sind, sollte auch die Verantwortung bei allen liegen, diese Herausforderung zu stemmen. Dazu benötigt es aber professionelle Hilfe, wenn dem betroffenen Kollegen geholfen werden soll. Oft gibt es für übermäßigen Konsum recht einfache, aber verdrängte Gründe, die es zu finden gilt. Dazu benötigt es vielleicht sogar die Hilfe der Familie des Kollegen. Nebenbei: Besonders Alkoholabhängigkeit ist oft ein offenes Geheimnis in der Firma oder Abteilung, weil Angst vor der eigenen Courage verhindert, solche Dinge im Arbeitsalltag offen anzusprechen und aus dem Einzelschicksal ein soziales zu generieren. Offener Umgang mit eigenen Unzulänglichkeiten und denen anderer sind der schwerste, weil einer Beichte nahestehende, aber in meinen Augen wichtigste Schritt zu einer sozialeren Arbeitswelt. Soweit -hl

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  • Schlagworte Arbeitgeber | Sucht | Alkoholverbot | Betriebsrat | Gehirn | Gespräch
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