Pro: Die Folgen von Stress und Überlastung im Job haben ein gewaltiges Ausmaß erreicht. 53 Millionen Krankheitstage sammeln deutsche Arbeitnehmer an, Zehntausende lassen sich frühverrenten, die Produktionsausfälle liegen bei schätzungsweise 26 Milliarden Euro  – all das pro Jahr. Es wird höchste Zeit, zu handeln.

Eine Anti-Stress-Verordnung, wie sie Gewerkschaften und SPD planen, ist überfällig. Freiwillige Regelungen oder Appelle an die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer bringen nichts.

Krankmachender Stress entsteht, wenn Arbeitnehmer zu wenig Handlungsspielraum und Ressourcen haben, um Anforderungen zu bewältigen. Ist das dauerhaft der Fall, sind psychische Erkrankungen vorprogrammiert.

Fabrikarbeiter, Pflegefachkräfte und auch Börsenmitarbeiter haben fast keinen Spielraum, über ihre Arbeitsdichte, über den Zeitdruck und Prioritäten eigenverantwortlich zu entscheiden. Und selbst da, wo es möglich wäre, verdichten sich die Aufgaben ständig. Dass Mitarbeiter auch nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub erreichbar sind, Telefonate führen oder Mails checken, ist eine Selbstverständlichkeit geworden.

Gesetzesregelungen sind nicht ausreichend

Arbeitsrechtlich sei der Schutz doch ausreichend, argumentieren die Arbeitgeberverbände. Doch die bestehenden Regelungen zum Arbeitsschutz greifen nicht, denn Schutz vor psychischer Belastung kommt darin nicht vor. Ist es zulässig, dass der Mitarbeiter an einem Arbeitstag Hunderte Mails beantworten muss und dabei tausend Mal unterbrochen wird? Gesetzlich gibt es darauf keine Antwort. Die aber ist nötig, um den Gesundheitsschutz einhalten zu können.

Wer Eigenverantwortung von Arbeitnehmern fordert, verschiebt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers auf die Mitarbeiter. Ein kollektives Problem wird damit individualisiert. Aber der einzelne hat in den meisten Fällen keine arbeitsrechtliche Handhabe. Ihm fehlen die Möglichkeiten, sich zu wehren, denn er befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis – in vielen Fällen sogar noch in einem prekären.

Der Anstieg psychischer Erkrankungen im Job hängt auch mit der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse zusammen. Befristete Verträge und Leiharbeit haben in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Sie bieten den Betroffenen keine langfristige Perspektive und erhöhen den individuellen Druck. Diese Form der Beschäftigung ist der Nährboden für ein Leistungsklima, das Arbeitnehmer krank macht. Der Arbeitgeber muss noch nicht einmal aktiv besonders großen Druck ausüben. Er braucht nur einen unbefristeten Job in Aussicht zu stellen, schon werden die prekär beschäftigten Mitarbeiter bereit sein, auch nach Feierabend zu arbeiten – ohne Überstunden geltend zu machen oder Pausen einzuhalten. Irgendwann gehört es zum guten Ton, immer erreichbar zu sein.

Deswegen muss der Gesetzgeber klare Richtlinien definieren. Sie sind die Grundlage dafür, den Arbeitsschutz zu überwachen. Zugleich schärft die Debatte über eine Anti-Stress-Verordnung das Bewusstsein. Das ist die Chance, betroffene Arbeitnehmer zu mobilisieren. Dass die Arbeitgeber es nicht von allein tun werden, ist heute schon klar. Sie nehmen lieber Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro in Kauf – und handeln trotzdem nicht.

Von Tina Groll

Contra: Ein generelles Tempolimit auf der Autobahn wollen sich die meisten Deutschen nicht vorschreiben lassen. Da zählt die Freiheit mehr als die Vernunft. Viele Deutsche sind auch zu dick. Und trotzdem wollen sie sich nicht in den Speiseplan reinreden lassen.

Aber die Arbeits- und Erholungsphasen, die soll bitte der Staat per Gesetz vorschreiben. Am besten regulieren wir gleich alle 24 Stunden durch: Nach sieben Stunden muss eine halbe Stunde Pause gemacht werden. Zwischen der letzten und der ersten Arbeitsstunde des Folgetages müssen mindestens elf Stunden liegen.
 

 Die Unternehmen brauchen nicht noch ein Gesetz

Und je nach Berufsgruppe führen wir noch Sonderregelungen ein: Bei Pflegepersonal, in der Gastronomie oder bei Journalisten kann die Pause auf zehn Stunden verkürzt werden. Aber nur, wenn diese eine Stunde innerhalb von vier Wochen durch eine Verlängerung einer anderen Ruhezeit auf mindestens zwölf Stunden ausgeglichen wird. Insgesamt dürfen Arbeitnehmer nicht länger als 48 Stunden in der Woche arbeiten. 

All diese Regelungen gibt es schon. Bleibt noch das Problem mit den Blackberrys: Durch sie sind Mitarbeiter überall und jederzeit erreichbar. Der Arbeitgeber kann schon heute Rufbereitschaft anordnen. Aber wer im Feierabend freiwillig noch E-Mails beantwortet, müsste laut Gesetz elf Stunden Ruhezeit zwischen der letzten E-Mail und der ersten Stunde des folgenden Arbeitstags einlegen. Allerdings nur, wenn die Beantwortung der E-Mails erhebliche Zeit in Anspruch genommen hat. Eine kurze E-Mail zählt nicht.

Jetzt soll zusätzlich noch die Anti-Stress-Verordnung kommen? Damit auch noch im Detail geregelt wird, wann der Arbeitnehmer seine E-Mails lesen und beantworten darf? Wollen wir dann auch gleich noch festlegen, dass es in der Kantine donnerstags nur noch vegetarische Gerichte gibt und jeder einmal pro Woche zwischen 18 und 20 Uhr zum Betriebssport muss? Schließlich sind gesunde Ernährung und Sport doch gut gegen Stressabbau!

Unternehmen brauchen mündige Arbeitnehmer

Die Unternehmen brauchen nicht noch ein Gesetz zur Arbeitsregulierung. Sondern mündige Arbeitnehmer, die selbst bestimmen, wann es sinnvoll ist, E-Mails zu beantworten. Die wissen, was sie mehr stresst: Abends noch drei Nachrichten zu beantworten und auf dem Laufenden zu bleiben. Oder morgens fünfzig unbeantwortete E-Mails abzuarbeiten – während schon wieder das Telefon klingelt und in zehn Minuten das nächste Meeting losgeht.

Mündige Arbeitnehmer sollten das Recht haben, ihre Zeit soweit wie möglich frei einteilen zu dürfen. Solange sie effektiv arbeiten und gute Resultate erzielen.

Wer hingegen zu stark belastet ist und unter Stress leidet, der kann immer noch das persönliche Gespräch mit dem Chef oder dem Kollegen suchen. Auch ein Gang zum Betriebsrat oder zur Gewerkschaft ist möglich. Oder er pocht auf das schon bestehende Arbeitszeitgesetz – vor allem auf den Paragrafen 5. Der regelt schon heute gesetzlich die Ruhezeiten von Arbeitnehmern. Weitere Regelungen sind nicht notwendig.

von Sybille Klormann