ArbeitsbedingungenBrauchen wir ein Anti-Stress-Gesetz?
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 Die Unternehmen brauchen nicht noch ein Gesetz

Und je nach Berufsgruppe führen wir noch Sonderregelungen ein: Bei Pflegepersonal, in der Gastronomie oder bei Journalisten kann die Pause auf zehn Stunden verkürzt werden. Aber nur, wenn diese eine Stunde innerhalb von vier Wochen durch eine Verlängerung einer anderen Ruhezeit auf mindestens zwölf Stunden ausgeglichen wird. Insgesamt dürfen Arbeitnehmer nicht länger als 48 Stunden in der Woche arbeiten. 

All diese Regelungen gibt es schon. Bleibt noch das Problem mit den Blackberrys: Durch sie sind Mitarbeiter überall und jederzeit erreichbar. Der Arbeitgeber kann schon heute Rufbereitschaft anordnen. Aber wer im Feierabend freiwillig noch E-Mails beantwortet, müsste laut Gesetz elf Stunden Ruhezeit zwischen der letzten E-Mail und der ersten Stunde des folgenden Arbeitstags einlegen. Allerdings nur, wenn die Beantwortung der E-Mails erhebliche Zeit in Anspruch genommen hat. Eine kurze E-Mail zählt nicht.

Jetzt soll zusätzlich noch die Anti-Stress-Verordnung kommen? Damit auch noch im Detail geregelt wird, wann der Arbeitnehmer seine E-Mails lesen und beantworten darf? Wollen wir dann auch gleich noch festlegen, dass es in der Kantine donnerstags nur noch vegetarische Gerichte gibt und jeder einmal pro Woche zwischen 18 und 20 Uhr zum Betriebssport muss? Schließlich sind gesunde Ernährung und Sport doch gut gegen Stressabbau!

Unternehmen brauchen mündige Arbeitnehmer

Die Unternehmen brauchen nicht noch ein Gesetz zur Arbeitsregulierung. Sondern mündige Arbeitnehmer, die selbst bestimmen, wann es sinnvoll ist, E-Mails zu beantworten. Die wissen, was sie mehr stresst: Abends noch drei Nachrichten zu beantworten und auf dem Laufenden zu bleiben. Oder morgens fünfzig unbeantwortete E-Mails abzuarbeiten – während schon wieder das Telefon klingelt und in zehn Minuten das nächste Meeting losgeht.

Sybille Klormann
Sybille Klormann

Sybille Klormann ist Nachrichtenredakteurin bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Mündige Arbeitnehmer sollten das Recht haben, ihre Zeit soweit wie möglich frei einteilen zu dürfen. Solange sie effektiv arbeiten und gute Resultate erzielen.

Wer hingegen zu stark belastet ist und unter Stress leidet, der kann immer noch das persönliche Gespräch mit dem Chef oder dem Kollegen suchen. Auch ein Gang zum Betriebsrat oder zur Gewerkschaft ist möglich. Oder er pocht auf das schon bestehende Arbeitszeitgesetz – vor allem auf den Paragrafen 5. Der regelt schon heute gesetzlich die Ruhezeiten von Arbeitnehmern. Weitere Regelungen sind nicht notwendig.

von Sybille Klormann

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Leserkommentare
  1. stressfreies Miteinander.
    So kann es nicht sein, dass Banken und deren Vorstände usw. gerettet werden, während Gewerkschaften angegiftet werden, dass sie ihren Mitgliedern nicht zumuten wollen, bei mehr Arbeit, gleich oder gar weniger Lohn zu bekommen.
    Die Angstschürerei um Arbeitsplätze, dass ist doch der Hauptstress, aus dem die anderen sich ableiten.
    Ebenso, wenn die Wasserversorgung privatisiert werden soll. Wasser ist Grundelement des Lebens.
    Deshalb - schluss mit den Privatisierungen, Schluss mit der Angstmacherei - Gegen Wasserversorgungsprivatisierung der EU-Kommissare!!! - rigth 2 water . eu !!!

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    Der Streß ist ein Ausdruck der modernen Gesellschaft, in der keiner mehr Zeit hat, alles auf einmal will und sich einer unendlichen Informations- und Berieselungsflut ausgesetzt sieht, der er kaum entrinnen kann.
    Dazu kommt die ständige Verunsicherung durch den Staat:man kann auf nichts mehr vertrauen, nachteilige Gesetze wie jüngst im Lebensversicherungsbereich werden in einer Nacht-und Nebelaktion schnellstens verabschiedet , so daß sich der Bürger nicht darauf einrichten kann.
    Im TV werden Talkshows abgehalten, die zu nichts führen. E s ändert sich überhaupt nichts.Nur Gerede.
    All das macht Streß.
    Da nützt ein Anti-Streß-Gesetz überhaupt nichts(es wäre dann wahrscheinlich auch sehr schwammig abgefaßt)

    “globaler Wettbewerb um die besten Köpfe” höre:

    Die Wirtschaft kann anscheinend nur noch in Kategorien des Ego-Trips denken.

    Der "rheinische Kapitalismus" war stark geworden, nicht weil die Deutschen in den 1950er Jahren irgendwie ein Volk von Genies gewesen wären, sondern weil es einen funktionierenden Teamgeist gab (auch wenn man das damals noch nicht so nannte):
    Die Mitarbeiter bildeten eine kompetente, eingespielte Belegschaft und identifizierten sich mit dem Betrieb. Gewerkschaften und Betriebsräte einerseits und Arbeitgeber andererseits sorgten durch Kompromißbereitschaft für ein gutes Betriebsklima.

    Statt “Führungskräften” (also Ehrgeizlingen von Extern, die gleich auf den Chefsessel drängen und sich dann Gedanken machen, wie man “Untergebene” unter Druck setzen kann) hatte man langjährige Mitarbeiter, die dank ihrer Erfahrung und Expertise natürlichen Respekt genossen und leitende Funktionen innehatten.

    In den 90er Jahren meinte man leider (offensichtlich inspiriert durch Hollywood-Filme), in Deutschland einem angeblich überlegenen “Anglo-Kapitalismus” nacheifern zu müssen. Und dann noch nicht einmal so, wie er ist, sondern so, wie die Deutschen sich ihn vorstellten.

    Nun haben wir den Salat: Der Kundendienst ist in irgendwelche Callcenter mit Billiglöhnern ausgelagert, wo niemand eine Ahnung hat, während man in der Firma selbst weiterhin vergeblich auf die Wunderwesen aus dem Ausland wartet, denen man dereinst die "Führung" ehrfürchtig in die Hände legen will.

  2. Es geht hier um wichtige Fragen der Arbeitsethik (nicht zu verwechseln mit Arbeitsmoral, wie es gemeinhin, auch auf Wikipedia getan wird) in unserem Land und die dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Man kann gegen eine Ethik nicht Contra argumentieren. Der deutsche Arbeitsmarkt braucht eine Veränderung bezüglich der Eingriffsmöglichkeiten des Arbeitgebers, genauso wie ja auch die Bekämpfung der Willkür des Staates beispielsweise beim Betreten der Privatsphäre Sache eines freien Landes sein sollte.

    Ich sehe hier die zukünftige Aufgabe einer sozialdemokratischen Partei. Schutz und Rechte der Arbeitnehmer - auch im Interesse der Arbeitgeber selbst.

    9 Leserempfehlungen
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    • ribera
    • 29. Januar 2013 23:59 Uhr

    "Ich sehe hier die zukünftige Aufgabe einer sozialdemokratischen Partei."
    Dann machen wir doch mal einen Feldversuch.
    Berlin: Erste Zahlen liegen bereits vor.
    Der Krankenstand berliner Beamter lag 2011 im Bundesdurchschnitt am höchsten.
    Berlin, seit über 10 jahren mit einer sozialdemokratisch geführten Regierung.
    Da würde ich nicht hoffen.

    .. .sozialdemokratische Partei ist vonnöten. Dann müssen wir erstmal eine gründen. Denn seit 1998 ist die ehemalige sozialdemokratische Partei leider . . .eine ehemmalige halt.
    Na ja, und zu dem contra: befristete Arbeitsverträge sind ja nicht nur dazu da, das die lieben Arbeitgeber nach Auftragslage ihr Personal verändern können. Die nehmen auch gerne die Auswirkungen der Furcht und Konkurrenz ihrer Arbeitnehmer mit. Von diesen Arbeitnehmer sorgt niemand für sich und beschwert sich über schlechte Arbeitsbedingungen. Wozu auch ? Man hätte eh nix davon, man muß woanders eh von Neuen anfangen. So wird das nix mit der Unbefristung ;-) Tja, so sieht die Lage aus, was soll`s?

    • Bashu
    • 30. Januar 2013 1:56 Uhr

    Für wissensch. Angestellte an Unis etwa sind die Chance für eine Festanstellung fast 0. Man hangelt sich lange mit Zeitverträgen weiter, dann kommt der Moment an dem die Uni einen einstellen müsste - und das ist der Moment, da man aufgefordert wird, zu gehen.

    Bevor die Politik die Wirtschaft aufscheucht, sollte man erstmal in der eigenen Wohnung kehren...

    Es geht nicht um Ethik, sondern um die Rechte der Arbeit(nehm)er, die aktuell auf verschiedene Art aufgeweicht oder einkassiert werden, unter den bahaupteten Sachzwängen globalen Kapitalismus'.
    Von Zehn-Stunden-Bill und Verbot v. Kinderarbeit bis zu arbeitsfreiem Samstag und Mindestlohn müssen diese gegen die "Arbeitgeber"erkämpft und verteidigt werden!
    "Schon früh mußten von Staats wegen Maßregeln getroffen werden, um die vollständig rücksichtslose Exploitationswut der Fabrikanten zu zügeln, die alle Bedingungen der zivilisierten Gesellschaft mit Füßen trat. Diese ersten gesetzlichen Beschränkungen waren indes höchst unzureichend und wurden bald umgangen. Erst ein halbes Jahrhundert nach Einführung der großen Industrie, als der Strom der industriellen Entwicklung ein regelmäßiges Bett gefunden hatte, erst 1833 war es möglich, ein wirksames Gesetz zustande zu bringen das wenigstens den schreiendsten Exzessen einigen Einhalt tat." (Engels - Die englische Zehnstundenbill)
    Der Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen hört nicht beim 8-Stunden-Tag auf! Er wird zur
    „.. Streitfrage zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Zufuhr, welche die politische Ökonomie der Mittelklasse (der Bourgeoisie, S) bildet, und der Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht, ...“
    Marx, In­au­gu­ral­adres­se der IAA, MEW 16

    • dasoe
    • 30. Januar 2013 9:38 Uhr

    "Man kann gegen eine Ethik nicht Contra argumentieren"? Meine Güte! Man kann nicht nur, man muss auch bei ethischen Fragen beide Seiten darlegen. Sonst kommen nämlich die Wesen im Gutmenschengewand und schreiben allen anderen vor, was die Wahrheit ist und wie man zu leben hat.

    Aber genug davon. Die Verantwortung von Menschen soll (mal wieder) auf das Gesetz übertragen werden. Arbeitgeber haben Verantwortung, klar. Ich sehe um mich herum aber auch eine Menge an Arbeitnehmern, die sich nicht trauen auf eine mündige und unaufgeregte Art, Ihre Rechte wahrzunehmen. Ich rede nicht von Sabotage, indem man unangekündigt Arbeit liegen lässt und es damit auf Kollegen abwälzt. Und nicht von egoistischem "das steht mir zu"-Terror. Und nicht davon, wenn man Stress hat, die eigenen Pflichten zu vergessen.
    Ich rede von transparentem und vernünftigen Vorgehen. Sich trauen klar nach oben zu vertreten, wenn die Arbeit zu viel ist, weil wieder eine Stelle gestrichen wurde und DANN evtl. auch mal etwas liegen lassen. Das Handy am Wochenende einfach auszuschalten (und sich trauen auch das zu vertreten). Es ist ein angstgesteuerter Mythos, was man alles "nicht machen kann".

    Die Arbeitnehmer fühlen sich am kürzeren Hebel, aber das entbindet nicht von Verantwortung: Sie sind ein Teil der Arbeitskultur – es ist unfair alles vorauseilend mitzumachen und dann über die Chefs zu schimpfen.

    Wenn sich keiner traut, seine Rechte wahrzunehmen, bringen auch neue Gesetzte nichts.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

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    Scheint so...

    Nein.

    Die Generation ist wirklich so...

  4. Die Philosophie eines Unternehmens ist Effektivität und Effizienz, also Grundpfeiler des Perfekten und Vollkommenen Ein künstliches Konstrukt eben, auch wenn es vom Menschen erschaffen wurde. Das Leben aber ist unvollkommen, es gibt Menschen die damit umgehen können, andere wiederum zerbrechen daran. Unwillige Personen oder Arbeitskräfte werden wie Ware mindere betrachtet, minderwertig, unfähig und am Ende aussortiert. Dadurch entsteht Druck und dieser erzeugt wiederum Stress, mit all seinen Folgen. Ein Gesetzt wiederum beschränkt die Perfektionisten und stark produktiven Arbeiter, daher ist es wohl wichtig Experimente zu machen mit hilfe von Psychologen, um herauszufinden was jedem einzelnen zumutbar ist und was nicht. Mir ist aber durchaus bewusst das dies zur Diskriminierung der "unperfekten" Arbeiter führen kann. Schwieriges Thema

    3 Leserempfehlungen
  5. was soll denn noch alles gesetzlich geregelt werden?

    4 Leserempfehlungen
    • Calcar
    • 29. Januar 2013 18:45 Uhr

    Gute geführte Unternehmen lassen den Mitarbeitern sehr viele Freiheiten, wie sie selbst ihre Arbeiten organsisieren. Es werden Kurse bezahlt zum Zeitmanagement. Aber, trotzdem klagen viele über "Stress".
    Was ist das überhaupt: eine Anstrengung oder Anspannung. Aber dies im positiven Sinne!
    Fazit: Viele der Klagenden (das ist halt Mainstream) können sich nicht selbst organisieren und dann (auch das ist Mainstream) ist/muss das System daran schuld (sein). Grotesk!

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    Wenn sich die Mehrheit nicht (mehr) ausreichend selbst organisieren kann, wie Sie schreiben, wenn die Leute also quasi "selber schuld" sind am Stress, dann würde ich von Ihnen gerne wissen, warum das so ist. Irgendeinen Grund dafür muss es ja geben. Wenn es keine veränderten äusseren Bedingungen sind, die die Leute krank machen, müssen es innere Faktoren sein. Aber welche? Sind die Leute trotz besserer Bildungsabschlüsse dümmer geworden als früher? Oder fauler oder systemkritischer, obwohl die Abstiegsängste heutzutage viel grösser sind als vor 20 oder 30 Jahren? Oder sind sie weniger belastbar als früher, weil sie aufgrund ihrer Erziehung verweichlicht wurden?

    Wenn die deutsche Wirtschaft vor lauter Inkompetenz zusammenbrechen würde, wenn wir ein wachsendes Handelsungleichgewicht und eine dramatisch hohe Arbeitslosigkeit hätten, könnte ich Ihre Meinung ernst nehmen, aber davon kann ja wohl nicht die Rede sein.

    • NV
    • 29. Januar 2013 23:25 Uhr

    ...wird, wie so oft, vernachlässigt. In einem Wohnheim für Schwerst-/Mehrfachbehinderte zu arbeiten, ist nicht unbedingt eine Arbeit, bei der man durch sogenannte "Freiheiten" Stress abbaut, sondern von Tag zu Tag die Situation neu einschätzen muss. Psychische Auffälligkeiten und Besonderheiten können durch keine Fortbildung der Mitarbeiter gemildert werden. Vielmehr ist der Stellenschlüssel in Verbidung des Fachkräfteeinsatzes ein mögliches Mittel der "Stressbewältigung". Ein "Anti-Stress-Gesetz" halte ich somit für hinfällig, da die Anforderungen der einzelnen Berufspaten nicht berücksichtigt werden können. Es kommt auch nicht immer auf den Arbeitgeber, sondern auf den Beruf an sich an.

  6. Eine Leserempfehlung
  7. Wenn Frau Klormann den gesetzlichen Schutz von Arbeitnehmern generell als Bevormundung versteht, dann sehe ich dahinter ein falsches Verständnis von Freiheit. Oder ein zu umfassendes, weil der Freiheitsbgegriff auf zuviele Arbeitnehmer pauschal ausdehnt wird. Es impliziert nämlich, dass sich jeder Arbeitnehmer in einer ausreichend starken Verhandlungsposition befindet, um existenzielle Grundbedürfnisse auszuhandeln. Und existenziell sind sie, wenn man feststellt, dass immer mehr Mitarbeiter ausbrennen.
    Die Crux ist: Wo ein Arbeitnehmer selten gut qualifiziert und entsprechend begehrt ist, da benötigt er diesen Schutz überhaupt nicht. Es geht also nur um jene, bei denen das nicht der Fall ist. Erst das Gefühl, ausgelastet, aber nicht überfordert zu sein, vermittelt dem Individuum ein Gefühl von Wertigkeit und Freiheit.

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