ArbeitsbedingungenBrauchen wir ein Anti-Stress-Gesetz?

Ja, denn das aktuelle System ist auf Ausbeutung ausgerichtet, sagt Tina Groll. Bloß nicht, mündige Arbeitnehmer brauchen keine Bevormundung, entgegnet Sybille Klormann. von  und

Pro: Die Folgen von Stress und Überlastung im Job haben ein gewaltiges Ausmaß erreicht. 53 Millionen Krankheitstage sammeln deutsche Arbeitnehmer an, Zehntausende lassen sich frühverrenten, die Produktionsausfälle liegen bei schätzungsweise 26 Milliarden Euro  – all das pro Jahr. Es wird höchste Zeit, zu handeln.

Eine Anti-Stress-Verordnung, wie sie Gewerkschaften und SPD planen, ist überfällig. Freiwillige Regelungen oder Appelle an die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer bringen nichts.

Anzeige

Krankmachender Stress entsteht, wenn Arbeitnehmer zu wenig Handlungsspielraum und Ressourcen haben, um Anforderungen zu bewältigen. Ist das dauerhaft der Fall, sind psychische Erkrankungen vorprogrammiert.

Fabrikarbeiter, Pflegefachkräfte und auch Börsenmitarbeiter haben fast keinen Spielraum, über ihre Arbeitsdichte, über den Zeitdruck und Prioritäten eigenverantwortlich zu entscheiden. Und selbst da, wo es möglich wäre, verdichten sich die Aufgaben ständig. Dass Mitarbeiter auch nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub erreichbar sind, Telefonate führen oder Mails checken, ist eine Selbstverständlichkeit geworden.

Gesetzesregelungen sind nicht ausreichend

Arbeitsrechtlich sei der Schutz doch ausreichend, argumentieren die Arbeitgeberverbände. Doch die bestehenden Regelungen zum Arbeitsschutz greifen nicht, denn Schutz vor psychischer Belastung kommt darin nicht vor. Ist es zulässig, dass der Mitarbeiter an einem Arbeitstag Hunderte Mails beantworten muss und dabei tausend Mal unterbrochen wird? Gesetzlich gibt es darauf keine Antwort. Die aber ist nötig, um den Gesundheitsschutz einhalten zu können.

Wer Eigenverantwortung von Arbeitnehmern fordert, verschiebt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers auf die Mitarbeiter. Ein kollektives Problem wird damit individualisiert. Aber der einzelne hat in den meisten Fällen keine arbeitsrechtliche Handhabe. Ihm fehlen die Möglichkeiten, sich zu wehren, denn er befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis – in vielen Fällen sogar noch in einem prekären.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Der Anstieg psychischer Erkrankungen im Job hängt auch mit der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse zusammen. Befristete Verträge und Leiharbeit haben in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Sie bieten den Betroffenen keine langfristige Perspektive und erhöhen den individuellen Druck. Diese Form der Beschäftigung ist der Nährboden für ein Leistungsklima, das Arbeitnehmer krank macht. Der Arbeitgeber muss noch nicht einmal aktiv besonders großen Druck ausüben. Er braucht nur einen unbefristeten Job in Aussicht zu stellen, schon werden die prekär beschäftigten Mitarbeiter bereit sein, auch nach Feierabend zu arbeiten – ohne Überstunden geltend zu machen oder Pausen einzuhalten. Irgendwann gehört es zum guten Ton, immer erreichbar zu sein.

Deswegen muss der Gesetzgeber klare Richtlinien definieren. Sie sind die Grundlage dafür, den Arbeitsschutz zu überwachen. Zugleich schärft die Debatte über eine Anti-Stress-Verordnung das Bewusstsein. Das ist die Chance, betroffene Arbeitnehmer zu mobilisieren. Dass die Arbeitgeber es nicht von allein tun werden, ist heute schon klar. Sie nehmen lieber Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro in Kauf – und handeln trotzdem nicht.

Von Tina Groll

Contra: Ein generelles Tempolimit auf der Autobahn wollen sich die meisten Deutschen nicht vorschreiben lassen. Da zählt die Freiheit mehr als die Vernunft. Viele Deutsche sind auch zu dick. Und trotzdem wollen sie sich nicht in den Speiseplan reinreden lassen.

Aber die Arbeits- und Erholungsphasen, die soll bitte der Staat per Gesetz vorschreiben. Am besten regulieren wir gleich alle 24 Stunden durch: Nach sieben Stunden muss eine halbe Stunde Pause gemacht werden. Zwischen der letzten und der ersten Arbeitsstunde des Folgetages müssen mindestens elf Stunden liegen.
 

Leserkommentare
  1. 25. Satire?

    Nein.

    Die Generation ist wirklich so...

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  2. dieses Gesetzes mögen darauf achten, dass es zuerst UNTEN zu greifen beginnt, bei Kanalarbeit, im Tiefbau, am Fließband, in der Pflegestation etc. Dann bin ich dafür.

    Wenn es ein reines Wohlfühlgesetz nur für Luxusarbeitsplätze in Büros und in Nähe der nächsten Kaffeemaschine werden sollte, halte ich es für einen weiteren ZYNISCHEN Versuch besser Gestellter, durch Jammerei (für die man erst einmal die Zeit und die Ressourcen haben muss) und ARROGANTER Ablenkung von schlechter Gestellten noch besser gestellt zu werden.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau der Arbeitsplatz ist doch der der psychsich krank macht weil völlig unnatürlich. Eine nicht übermäßige körperliche arbeit ist vermutlich das beste wo gibt....

  3. Ich denke schwache Arbeitnehmer müssen geschützt werden, während qualifizierte Arbeitnehmer oft selber schuld sind.

    Klar muss es gesetzlich verboten werden, einen ungelernten Arbeiter für ein mickriges 40h Woche Gehalt 60h arbeiten zu lassen. Und das ist es vermutlich schon.

    Hier muss man eben die Möglichkeit schaffen, dass solche Arbeitnehmer nicht aufwendig vors Arbeitsgericht ziehen müssen. Die Anklage in solchen Fällen muss drastisch vereinfacht werden. Weniger Bürokratie!

    Bei qualifizierten Arbeitnehmern aber, die sich ausbeuten lassen und wahrscheinlich ohne große Probleme einen neuen Job finden würden, habe ich kein Mitleid.

    Wer sich so behandeln lässt und sich unter Wert verkauft ist selber schuld!

  4. 28. @ 18

    >>>Sind die Leute trotz besserer Bildungsabschlüsse dümmer geworden als früher?

    Wieso sind die Bildungsabschlüsse besser? Viel mehr haben Abitur und studieren als "früher": Das Niveau verflacht.

    >>>oder sind sie weniger belastbar als früher, weil sie aufgrund ihrer Erziehung verweichlicht wurden?

    Ja, das ist meine Überzeugung! Viel schöner hätte ich es nicht sagen können!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Alle selber schuld"
  5. Genau der Arbeitsplatz ist doch der der psychsich krank macht weil völlig unnatürlich. Eine nicht übermäßige körperliche arbeit ist vermutlich das beste wo gibt....

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Befürworter"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    seinerzeit wesentlich mehr im Büro als in der Werkstatt oder auf dem Bauplatz gearbeitet. Aber ich kenne beides. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich vergleiche.

    Außerdem hatte ich gar nicht die Zeit, eine Psyche zu pflegen und psychische Erkrankungen. Sorry, aber ich habe gelernt, ich habe LERNEN MÜSSEN zu unterscheiden zwischen Worten und Tun.

    Ich gebe zu: Karriere haben oft die Laberer gemacht, die sich und ihre Befindlichkeit in den Mittelpunkt stellten, während wir anderen schufteten. Hat mich nicht interessiert, weil mirs um DIE SACHE ging. In der habe ich mich bei den Karrieremachern meist durchgesetzt (aus heutiger Sicht: weil sies gar nicht interessierte).

    Bitter ist freilich nun der Vergleich der Wohn- und Lebensverhältnisse in der Rente.

    Wahrscheinlich hätte sich ein bisschen Psycho-Egoismus auch bei mir ausgezahlt...

    ...aber ich kann das so nicht und will das so nicht.

  6. Irgend jemand muss uns doch vor diesen besessenen Arbeitgebern beschützen.

    2 Leserempfehlungen
  7. Ich habe, vorallem bei den jüngeren Kollegen frisch von der Uni, öfters mal das Gefühl die haben die Unterwürfigkeit eingeimpft. Die machen ihre Sache wirklich gut, lassen sich aber trotzdem wie Dreck behandeln.

    Wo haben die ihr Rückrat gelassen?

    Also wenn ich 2 jahre für 1.800 € Brutto arbeite und das trotz Studium und garnicht so schlechter Lage auf dem Arbeitsmarkt...dann hab ich es doch nicht anders verdient!

    Ich weiss garnicht, was einem da heutztage an der UNI beigebracht wird, aber manchmal habe ich das Gefühl der Schwerpunkt liegt darauf ein guter Lohnsklave zu sein.

    Die Chefs loten auch aus was sie machen können mit ihren Mitarbeitern. Da muss man manchmal eben selbstbewusst sein udn auch mal nein sagen. Ansonsten ist man sein leben lang der Knecht.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kann es sein, daß viel zu viele in den falschen Fächern von der Hochschule auf den Arbeitsmarkt drängen? Das verdirbt die Preise. Vielleicht lieber Knecht mit Aka-Status als Umschüler zum Gas- Wasser- und Heizungsinstallateur, um nur ein Beispiel für einen gefragten Beruf zu nennen.

  8. Am besten war das Interview mit dem Stromberg Erfinder auf einslive vorhin zu dem Thema! Das gab mir ordentlich zu denken.
    Aber mal ernsthaft:
    Wer würde bei einer Befragung nicht angeben er sei gestresst im Job? Wer keinen Stress hat oder sich Stress macht, wäre ja überflüssig!
    Wenn ich den halben Tag online hier die Zeit gelesen habe, bei Facebook was gepostet habe und dies und jenes erledigt habe, habe ich auch Stress um meine Arbeit erledigt zu bekommen.. passiert mir oft.. wie wird dieser Stress gemessen? (die Zeit könnte ja mal Benutzerstatistiken mit Uhrzeit etc. veröffentlichen, wann die höchste Besucherfrequenz hier ist)
    Krankmeldungen in Unternehmen sind ja ein häufiger Gradmesser von Belastung, Motivation usw... letztlich auch von Stress und "Burn-Out" Komischerweise gibt es die meisten Krankmeldungen etc. im öffentlichen Dienst; die meistens Kranktage gibt es übrigens in Wowereit's Berlin (SPD).
    Ich schreibe diese Sätze hier nicht, um diejenigen, die echten Stress haben zu beleidigen, sondern einfach mal um das Augenmerk auf die Studie zu lenken und zu hinterfragen:
    Wie wurde das gemessen?
    Gab es eine wissenschaftliche Begleitung?
    Wie groß war die Stichprobe?
    Wo wurde gemessen (Büro, Fabrik, Supermarkt, Ö.dienst)?
    Wie wurden "weiche" Stressfaktoren wie "blöder Chef", "fieses Büro", "schlechte(s) Luft/Licht", "doofe(r) Kollegin/Kollege" eliminiert?
    Welche Aspekte der Studie sind überhaupt vom Gesetzgeber regelbar?
    ZEIT für eine gute und tiefe Berichterstattung!

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Ukraine-Krise USA erweitern Sanktionen auf drei russische Banken
    2. Türkei Der sanfte Gegenkandidat
    3. Nahost-Konflikt Hamas-Militärchef gegen schnelle Feuerpause
    4. Sanktionen Russland will autark werden
    5. Antisemitismus Knobloch rät deutschen Juden, nicht erkennbar zu sein
  • Neu im Ressort Karriere
    1. Lebensmitteltechniker Detektiv im Labor
    2. Dresscode Die passende Jeans fürs Büro
    3. Erholung Urlaub nach Feierabend
    4. Elternzeit Männer brauchen Vorbilder
    5. Burn-out Wenn Priester nicht mehr können
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Quiz

    Frage 1 / 10

    Verstehen Sie Akademisch?

    Philosophische Texte sind oft besonders unverständlich. Hier ein Beispiel: "Das mit seiner Umgebung konfrontierte gesellschaftliche Subjekt verhält sich jeweils zu den vergangenen Produktionsprozessen insgesamt so wie jenes mit seinem Nicht-Ich konfrontierte Ich zum Akt des in sich zurückgekehrten Handelns, welches als das absolute Ich durch Entgegensetzung eines Nicht-Ichs als Ich produziert."
    Was bedeutet das übersetzt?

    • 1.
    • 2.
    • 3.
  • ARTIKEL ZUM THEMA Beruf IM RÜCKBLICK
    Juli | Juni | Mai | April | März
Service