SchichtarbeitGegen den Biorhythmus und die Gesundheit

Schichtarbeit belastet den Körper enorm. Auf Dauer macht besonders Nachtarbeit krank. Spezielle Lichtkonzepte und Team-Zusammenstellungen können helfen. von 

Tschernobyl, Exxon Valdez, Three Miles Island oder auch die Havarie der Costa Concordia – alle vier Katastrophen ereigneten sich in der Spät- und Nachtschicht. Das ist kein Zufall, denn Schichtarbeit erhöht das Unfallrisiko und schadet langfristig der Gesundheit. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden, innere Unruhe und Nervosität sowie Müdigkeit und Abgeschlagenheit sind typische Symptome, unter denen Arbeitnehmer leiden, die entgegen dem biologischen Rhythmus arbeiten müssen. Denn die meisten Körperfunktionen unterliegen einem sogenannten tagesperiodischen Wechsel von 24 Stunden. Und spätestens nach acht Stunden Arbeit steigt das Fehlerrisiko eklatant an.

Schon Frühschichten vor 8 Uhr können den Körper beeinträchtigen. Wer regelmäßig vor 6:30 Uhr arbeiten muss, hat ein erhöhtes Risiko, an den oben genannten Symptomen zu erkranken. Das Gleiche gilt auch für Arbeitnehmer, die regelmäßig länger als bis 20 Uhr tätig sind. Allerdings hängt das Gesundheitsrisiko von verschiedenen anderen Faktoren ab.

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Licht, Temperaturen, Mahlzeiten, Lärm, soziale Kontakte und das Bewusstsein über die Uhrzeit beeinflussen die Leistungsfähigkeit eines Menschen. Außerdem gibt es noch eine Grundkonstitution: Die einen sind eher Morgenmenschen, die anderen eher Abendtypen.

Morgenmenschen haben eher am Vormittag eine Hochphase, in der sie besonders leistungsfähig sind. Diese Menschen gehen früh ins Bett, stehen früher auf und können ein zu spätes Ins-Bett-gehen nicht durch Ausschlafen kompensieren. Entsprechend fällt ihnen die Spätschicht und Nachtarbeit besonders schwer, Frühschichten hingegen können sie gut bewältigen.

Morgentypen und Abendmenschen

Bei Abendtypen liegt die natürliche Leistungsphase auf den späteren Stunden am Tag. Sie haben oft ein flexibles Schlafverhalten und kommen mit Spätschichten besser zurecht. Allerdings kann dieser Typus nicht "vorschlafen". Müssen Abendtypen in Frühschicht arbeiten, entwickeln sie oft dauerhaft ein Schlafdefizit mit entsprechenden Leistungseinbußen.

Biologen gehen davon aus, dass die Typen natürlich gegeben sind und sich nicht verändern. Auch lässt sich das frühe Aufstehen oder späte Arbeiten für die verschiedenen Typen nicht dauerhaft trainieren. Erst seit wenigen Jahren wird mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitswelt und dem verstärkten Einsatz von Homeoffice-Zeiten diskutiert, Arbeitsteams entsprechend ihrer biologischen Konstitution aufzustellen. Versuche haben gezeigt, dass in gemischten Teams mit Morgen- und Abendtypen die volle Leistungsfähigkeit aller Mitarbeiter ausgenutzt werden kann. Und weil die Betroffenen dann arbeiten, wann sie am fittesten sind, steigt auch die Arbeitszufriedenheit insgesamt im Team.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Für dauerhafte Nachtarbeit hingegen scheint der Mensch nicht gemacht. Der Homo Sapiens gilt als tagaktives Wesen (auch wenn manche Ausnahmen die Regel vielleicht bestätigen). Für den Körper bedeutet permanente Nachtarbeit eine erhebliche biologische Desynchronisation. Es muss zeitverschoben gearbeitet, gegessen und geschlafen werden, was eine physiologische Belastung darstellt. Denn der Körper kann sich nur zu einem gewissen Maß an die Nachtarbeit anpassen, auch weil der Schlaf am Tag durch Lärm, Helligkeit und eine höhere Temperatur (besonders in den Sommermonaten) gestört wird.

Arbeitsmediziner haben herausgefunden, dass der Schlaf, der tagsüber nachgeholt wird, nicht mit der Erholung eines Nachtschlafes vergleichbar ist. Selbst wenn es dem Nachtarbeiter gelingt, die gleiche Stundenanzahl zu schlafen, entspricht seine Erholung einer um ein bis zwei Stunden verkürzten Nachtruhe. Dauerhaft führt das zu Fehlleistungen, einem höheren Unfallrisiko während der Arbeitszeit, permanenten Schlafstörungen und vielfältigen psychischen Erkrankungen. Schon 1981 konnten Arbeitsmediziner nachweisen, dass Dauernachtarbeiter ein dreimal erhöhtes Risiko haben, psychisch zu erkranken. Auch das Risiko für Magen-Darm- und Herzerkrankungen steigt durch dauerhafte Nachtschichten.

Leserkommentare
    • 15thMD
    • 31. Januar 2013 18:24 Uhr

    " Versuche haben gezeigt, dass in gemischten Teams mit Morgen- und Abendtypen die volle Leistungsfähigkeit aller Mitarbeiter ausgenutzt werden kann. Und weil die Betroffenen dann arbeiten, wann sie am fittesten sind, steigt auch die Arbeitszufriedenheit insgesamt im Team."
    Dem kann ich nur zustimmen.

    Schichtarbeit ist in vielen BErufen leider nicht zu ersetzen. Dennoch läuft einiges falsch, was die Einteilung und die Umsetzung angeht. Ich habe zwar nur während eines längeren Ferienjobs Früh- und Spätschicht (ab 5:30 bzw. bis 22 oder 24 Uhr (10 Stunden)) gearbeitet.
    Es wird zu wenig auf Vorlieben eingegangen. Ich persönlich bin eher ein Nachtmensch. Die Spätschicht war für mich wie geschaffen, wohingegen ich mich bei der Frühschicht 8 Stunden nur gequält habe.
    Als Student belege ich auch lieber die Vorlesung um 14 als um 8 Uhr und lerne dafür bis in den späten Abend, das macht mir einfach nichts aus.
    Mir ist sogar die Nachtschicht bis 6 Uhr lieber als um 4 Uhr afzustehen.
    Von vielen Kollegen habe ich dagegen gehört, dass ihnen die Frühschicht deutlich lieber ist. Zum einen können sie dann noch mit den Kinder nachmittags Zeit verbringen (trägt auch zur Zufriedenheit bei), zu anderen sind sie Frühaufsteher und würden sowieso um 7 aufwachen, wohingegen ich auch bis 12 Uhr druchschlafen kann.
    Wenn statt Wechselschicht Wahlmöglichkeiten gegeben wären, was zum Beispiel in der Industrie einfach möglich ist, dann wäre vielen Menschen geholfen.

    6 Leserempfehlungen
  1. Hoffentlich erinnern sich viele Leser wieder daran, wenn seitenweise über die Qualen der 1h-Zeitumstellung debattiert wird.

    Auch wenn in unserer Gesellschaft Schichtsysteme unerläßlich sind, ist der derzeitige Zustand mehr als übertrieben. Natürlich sind auch Nachtdienste zur Aufrechterhaltung der Infastruktur unerläßlich, doch selbst diese ließen sich deutlich reduzieren. Der Arbeiter welcher sich 2:30Uhr am Band nicht verletzt, braucht schließlich auch keine Krankenschwester für diesen Fall. Zudem ließe sic die Last auf deutlich mehr Schultern verteilen oder reduzieren.

    Viele wissen auch gerade im Dienstleistungsbereich nicht, was sie aus eigener Bequemlichkeit und Egoismus anderen Menschen antun. Hier kann aber jeder gleich morgen selbst ansetzen und Dienstleistungen entsprechend wahrnehmen. Es reicht schon, bestellt man nicht heute gegen 22:30Uhr noch eine Pizza.

    Man sollte immer bedenken, hinter den "dienstbaren Geistern" stecken Menschen. Und auch diese haben Anspruch auf ein Leben, sozial und gesundheitlich.

    Wirtschaftlich ist der Nutzen sowieso eher zweifelhaft. Wir leben schließlich bereits in einer Wegwerfgesellschaft mit Überproduktion. Man muß viele Dinge schon bewußt mit Mängeln herstellen, um überhaupt noch etwas zu verkaufen.

    Der Wahn des Homo oeconomicus ist zum Scheitern verurteilt. Jeder kann ein bißchen dazu beitragen, daß dieses Scheitern nicht allzuviele Opfer kostet.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielen Dank für ihren Artikel. Sie haben sehr vielen Leuten aus der Seele gesprochen. Egoismuss und übermässiges Profistreben macht uns früher oder später alle krank. Leider sieht der Mensch das immer erst alles ein, wenn er selber betroffen ist.

  2. -- FRIEDRICH MERZ -- hatte vor ca. 10 Jahren in einer TV-Sendung geäußert, daß er die Nachtschichtzulage abschaffen möchte.

    Als Begründung führte -- FRIEDRICH MERZ -- an, daß in unserer modernen Gesellschaft die Nachtschicht keine Beeinträchtigung der Gesundheit mehr darstelle.(sic!)

    Vielleicht sollte der CDU-Politiker

    -- FRIEDRICH MERZ --

    einmal diesen Artikel lesen.

    mfg, ein ehemaliger Nachtschichtler

    Eine Leserempfehlung
  3. Vielen Dank für ihren Artikel. Sie haben sehr vielen Leuten aus der Seele gesprochen. Egoismuss und übermässiges Profistreben macht uns früher oder später alle krank. Leider sieht der Mensch das immer erst alles ein, wenn er selber betroffen ist.

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  • Schlagworte Exxon | Island | Körper
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