Führungskräfte : Viele Chefs glauben an die Zeitmanagement-Lüge

Die Anforderungen an den Teamleiter haben sich vervielfacht und sind nicht mehr zu schaffen. Aber Zeitmanagement wird ihm kaum weiterhelfen, erklärt Sabine Hockling.

Meine Aufgaben haben sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Die Folge: Ich schiebe einen enormen Berg an unerledigten Aufgaben vor mir her. Hilft mir ein effektives Zeitmanagement?, fragt Thomas Meyer, Vertriebsleiter Elektrogroßhandel.

Sehr geehrter Herr Meyer,

viele Beschäftigte sitzen der Zeitmanagement-Lüge auf, mit mehr Organisation und Disziplin seien auch alle Aufgaben zu schaffen. Das führt zu Frustration und Selbstzweifel. Wer zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit erledigen soll, dem helfen keine schlauen Strategien. Was er braucht ist mehr Zeit oder weniger Aufgaben.

Die Buchautorin und Trainerin Cordula Nussbaum kritisiert viele populäre Zeitmanagement-Ratschläge. Ihr zufolge sei es falsch, eine Methode für alle zu proklamieren. Das funktioniere nicht, weil jeder Beschäftigte und seine Arbeitsbedingungen individuell seien. Nussbaum teilt Beschäftigte in zwei Gruppen: die Systematisch-Analytischen, die Daten, Fakten und Struktur brauchen und die Kerativ-Chaotischen, die oft Querdenker sind, viele Ideen haben und auch eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. Der Autorin zufolge bevorzugt die erste Gruppe durchaus ein Zeitmanagement. Die andere Gruppe dagegen kann damit nichts anfangen. Sie arbeiten gerne parallel an Projekten. Darum ist für diese Menschen der Tipp, auf eine bürokratische Planung zu setzen, sogar kontraproduktiv. Sie werden durch Zeitmanagement eingeschränkt.

Ein weiterer Irrglaube ist die Annahme, dass Zeitpläne immer Verbindlichkeiten schaffen. Bei Tätigkeiten und Berufen, in denen regelmäßig Unvorhergesehenes geschieht, sind Zeitpläne sinnlos. Die ständig anzupassenden Tages- und Wochenpläne fressen Zeit und fördern Frust. Auch der Tipp, wichtige Dinge gleich zu Beginn des Arbeitstages zu erledigen, um später nicht von Kollegen oder Telefonaten gestört zu werden, ist ebenfalls nicht für alle Tätigkeiten umsetzbar.

Individuelle Lösungen sind besser als Allgemeinratschläge

Besser ist es, sich ein eigenes System zu überlegen, das dem persönlichen Tages- und Wochenablauf gerecht wird. Dafür benötigen Sie allerdings Zeit zum Üben, bis Sie herausgefunden haben, was für Sie funktioniert. Und es kann auch sein, dass es gar nicht funktioniert.

Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie "Chefsache". Immer freitags spricht sie mit Managementexperten über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, das Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Auch heißt es immer wieder, Überlastung entstehe, weil nicht effizient gearbeitet werde. Häufig wird dann das Pareto-Prinzip aus dem Hut gezaubert, nach der 80 Prozent der Arbeit in 20 Prozent der Zeit erledigt werden könnten. Diese Methode soll helfen, die Priorität auf die wichtigen Teile des Projektes zu legen. Meist entpuppt sich auch das als Schwachsinn, beispielsweise, wenn die Effizienz zu Lasten der Kundenbindung geht. Prüfen Sie daher genau, ob es wirklich nur um Prioritäten oder Zeitverschwendung geht. Denn das Mehr an Aufgaben löst sich in der Regel nicht mit einer effizienteren Struktur.

Auch die Mär vom aufgeräumten Schreibtisch gehört zu den unsinnigen Zeitmanagement-Tipps. Die Schreibtischordnung eines Mitarbeiters sagt nichts über seine Arbeitsqualität aus. Nehmen wir wieder die zwei Gruppen der Beschäftigen: Systematisch-analytische Personen sind strukturiert und beginnen in der Regel keine neue Aufgabe, wenn noch eine unerledigte auf dem Tisch liegt. Sie haben dementsprechend auch nicht unnötige Dinge auf dem Schreibtisch, sondern immer nur Unterlagen des aktuellen Vorgangs. Ist dieser abgeschlossen, ist der Schreibtisch leer.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wissenschaftliche Quellen

Schön dass Sie eine wissenschaftliche Quelle angegeben haben. Ich würde mir bei Artikeln, die sich auf Studien oder ähnliches beziehen auch die Angabe der Primärquelle wünschen. Dies würde meiner Meinung nach die Qualität von Zeitungsartikeln deutlich erhöhen, interessierten Lesern weitere Informationsmöglichkeiten bieten und sich auch positiv auf Leserdiskussionen auswirken.

Vielleicht liest ja jemand aus der Redaktion diesen Beitrag und nimmt das mit in die nächste Redaktionsbesprechung. Wäre schön.

Quelle ist angegeben

Hallo argumentativ,

Quelle stehe im Text. Frau Hockling bezieht sich auf die Trainerin und Buchautorin Cordula Nussbaum sowie allgemeine Erkenntnisse aus der Arbeitspsychologie (http://www.kreative-chaot...). Leider lassen sich in einer 3.000-Zeichen-Kolumne nicht alle Studien etc. erwähnen und verlinken. Aber wir reichen so etwas auf Wunsch der Leser in der Regel im Kommentarbereich nach.

Bestes,

Tina Groll

Die Gelassenheit der Führungskräfte

"Wirklich wichtige Personen haben es allerdings nicht nötig, dieses "Busy-Spielchen"zu spielen. Sie sind entspannt, gehen souverän mit ihren Aufgaben um und haben Raum für Spontanität."

Dem ersten Satz stimme ich zu. Solche Spielchen sind nervtötend.

Dass Führungskräfte immer entspannt sind und Zeit für Unvorhergesehenes haben, ist etwas unscharf ausgedrückt. Dass eine Führungskraft ihren Job in 40 Stunden schafft und dabei entspannt ist, halte ich für Illusion.

Man könnte sagen: Eine echte Führungskraft NIMMT sich schlichtweg die Zeit (zur Not von der Freizeit) ... und das vor allem, ohne darüber zu meckern, überall Stress zu verbreiten oder sich in irgendeiner Weise zu beschweren. Die Führungskraft verbreitet Ruhe und Gelassenheit trotz 60-Stunden-Woche. Das würde ich sofort unterschreiben. Nicht, dass ich Überstunden gut fände, aber so ist das in der Arbeitswelt realistischerweise.

kann ich nur bestätigen.

mittlerweile ist es oft so, dass mit einem minimum an personal gearbeitet wird, denn je weniger personal = gleich mehr gewinn. alles, was zusätzlich an arbeitslast hinzukommt - und viele projekte kann man nicht einfach nach plan durchführen - bedeutet mehrarbeit für einen/mehrere angestellte. da kann man seine zeit noch so gut managen, wie man will, zu viel ist zu viel.

@6 Vegan Society

> und emofinde diese Kategorisierung dümmlich.

Das sind auch keine Kategorien, sondern Idealtypen - die können nützlich sein, wenn eben nicht "einordnet", sondern die Wirklichkeit anhand der von Idealtypen aufgespannten Koordinaten "misst" ... Sie können sich aber damit trösten, dass die Autorin - so wie sie schreibt - den Unterschied auch nicht versteht ;-)

Und etwas mehrdimensionaler als die im Text beschriebene Bipolarität darf's natürlich schon sein ...

Gruß,
Tezcatlipoca