Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Dienstreise im Zug. Stellen Sie sich vor, Sie tun dabei etwas Unerhörtes: Sie lassen den Laptop in der Tasche und schalten das Handy aus. Sie schauen stattdessen einfach aus dem Fenster, lassen die Dörfer, Wiesen und Wälder an sich vorbeirauschen. Vielleicht haben Sie eine schöne Melodie im Ohr – Ride this train von Johnny Cash bietet sich zum Beispiel an. Und dann lassen Sie die Gedanken schweifen, träumen Sie einfach so vor sich hin.

Wer so etwas Unerhörtes tut, muss sich in den Großraumabteilen der Deutschen Bahn wie ein aus der Zeit gefallener Sonderling fühlen. Denn kaum jemand schaut da einfach nur aus dem Fenster. Wer heutzutage auf Dienstreise ist, der nutzt die Zeit im Zug oder im Flugzeug für scheinbar Sinnvolleres als abschweifende Gedanken und Träumereien. Der schlägt die Klappe seines Laptops auf und lässt statt Dörfern, Wiesen und Wäldern die Zahlenreihen von Excel-Tabellen an sich vorbeirauschen. Oder er studiert zumindest die übers Smartphone einlaufenden E-Mails. Es könnte ja sein, dass man was verpasst. Und der Chef soll nicht glauben, dass man sich nicht auch unterwegs für die Firma abrackert.

Es gab eine Zeit, und die ist noch gar nicht solange her, da konnte man unterwegs nichts verpassen. Es gab eine Zeit, da waren Zugfahrten, ob dienstlich oder nicht, "Dehnungsfugen im Alltag", wie Psychologe Stephan Grünewald sagt. Das war die Zeiten, als Waggons noch in Abteile mit sechs Sitzen aufgeteilt waren. Die Zeiten, als die sich gegenüber sitzenden Insassen eines solchen Abteils manchmal sogar ins Gespräch miteinander kamen, Reisegenossen wurden.

Keine Zeit mit Muße verschwenden?

Tragbare Computer und die Ausstattung der Reisemittel Auto, Zug und Flugzeug mit Steckdosen und Internetzugang haben die Entgrenzung der Arbeitsplätze und -zeiten möglich gemacht. Man steigt in den Zug, und da man dort arbeiten kann, tut man es auch. Laptop-Klappe auf, Schalter an. Nur ja keine Zeit mit Muße verschwenden.

Karl-Heinz Geißler ist Zeitforscher und Zeitberater. Er ist überzeugt, dass der alltägliche Weg zur Arbeit und von ihr weg eine zentrale Funktion hat. Nämlich die Funktion, den Übergang zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zu gestalten. "Der Mensch ist ein Übergangswesen, das nicht mit einem Kippschalter umschalten kann von Arbeit zu Freizeit", sagt Geißler. Das Ein-Aus-Prinzip der neuen Medien - ich schalte den Rechner ein und los geht’s – passt nicht zu uns, weil Anfangen und Beenden längere Prozesse sind. "Wenn man sich keine Zeit für diese Übergänge nimmt, dann leidet die Produktivität, das ist empirisch erwiesen. Man kann dann nicht seine ganze Energie reinstecken, weil andere Dinge noch nachhängen", sagt Geißler. Das gilt genauso für den Anfang wie für das Ende des Arbeitens: "Wenn Sie direkt aus dem Büro gehetzt ins Konzert rennen, können Sie erst ab dem zweiten Satz richtig zuhören."

Pendelfahrten ritualisieren

Wer jeden Tag lange Pendelfahrten zwischen Heim und Arbeitsplatz absolviert, oder wie Unternehmensberater an drei bis vier Tagen pro Woche auf Achse ist, für den wird das Reisen selbst zum Alltag – statt zur Dehnungsfuge. Solche Dauerdienstreisenden müssen vielleicht wirklich die eine oder andere Aufgabe unterwegs erledigen. Umso wichtiger ist es, sagt Geißler, die Übergangsphasen von Arbeit und Freizeit zu ritualisieren. Wer auf der gesamten Fahrt mit Arbeit beschäftigt ist, und noch unmittelbar vor der letzten U-Bahn-Station dienstliche E-Mails liest, der wird auch im Arbeitsmodus zu Hause ankommen. Und für entsprechende Stimmung in der Familie sorgen. Wenn sich Kinder beklagen, dass ihre Eltern zu wenig Zeit für sie haben, liegt es meist daran, dass die Eltern auch zu Hause mit den Gedanken noch bei der Arbeit sind. "Wer seine Familie pflegen und stabilisieren will, der braucht vor der Heimkehr einen Übergangsprozess", sagt Geißler. Dieses Abschalten kann man durch Muße im Zug erleichtern oder durch irgendein Ritual auf dem Heimweg, das als Zeitpuffer zwischen Arbeitswelt und Familienleben tritt. Das kann ein Umweg durch den Park sein oder ein kleiner Bummel durch die Buchhandlung.