HirnforschungOhne Belohnung läuft gar nichts

Eigentlich müssten wir alle unser Leben ändern. Hirnforscher Gerhard Roth und Erziehungswissenschaftler Gerhard de Haan erklären, warum wir das trotzdem nicht tun. von Ferdinand Knauß

Frage: Die Klimaforscher predigen uns nun schon seit Jahren, dass es einer radikalen Umkehr bedarf. Energie zu sparen, wird ja auch von fast allen als sehr erstrebenswert angesehen. Und trotzdem sinkt der Verbrauch nicht so, wie er es wohl müsste, um die Risiken des Klimawandels aufzufangen. Was ist das eigentlich für ein seltsames menschliches Phänomen, wenn alle etwas wollen, aber kaum jemand etwas konkret dafür tut? Warum tun wir so oft nicht das, was wir eigentlich als notwendig erkannt haben?

Gerhard Roth: Die Beziehung zwischen Einsicht und Handeln ist sehr kompliziert, weil sich der Einsicht immer die Erwartung einer Belohnung ankoppelt. Wir fragen uns bewusst oder unbewusst: Was habe ich davon, dass ich der Einsicht folge? Das sind Dinge, die wir oft nicht genau beschreiben können. Und dann wundern wir uns und finden Ausreden, warum wir es doch nicht getan haben. Viele Gründe, die zur Handlungssteuerung beitragen, erleben wir nicht rational.

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Frage: Die Vernunft ist also generell kein Grund für unsere Handlungen?

Roth: Die Vernunft alleine sowieso nicht. Die Vernunft führt erst dann zur Einsicht, wenn sie emotional angekoppelt ist. Aber auch die Einsicht alleine führt noch nicht zur Handlung. Sein Verhalten ändert man nur, wenn daraus Belohnungen folgen. Je materieller diese Belohnung ist, desto schneller wirkt sie, aber desto schneller verliert sie auch wieder ihre Wirkung. Und wenn sie ausbleibt, ist die Enttäuschung groß. Unter Verlusten leidet man doppelt so sehr, wie man Gewinne genießt. Am Anfang ist eine materielle Belohnung als Anreiz wichtig, aber darauf aufbauen müssen soziale Belohnungen, wie Lob oder Titel.

Deren positive Wirkung lässt langsamer nach. Nur die intrinsische Belohnung, die man sich selbst gibt, die macht nie satt ­ im Gegenteil. Warum half Mutter Theresa? Weil Altruisten sich selbst belohnen ­ durch Ausschüttung von körpereigenen Opioiden im Belohnungszentrum des Gehirns.

Gerhard Roth

Gerhard Roth ist Hirnforscher an der Universität Bremen.

Gerhard De Haan: Diese Orientierung an der Belohnung darf man sich allerdings nicht so vorstellen, als hätten wir da ein rationales Kalkül. Ökonomen denken das oft fälschlicherweise. Aber wir kalkulieren das nicht durch. Ich fühle mich auch belohnt, wenn ich eine Freude daran habe, etwas Neues zu tun. Wir haben da eher so eine Art innerer Heuristik.

Frage: Gilt das wirklich für uns alle? Oder gibt es nicht auch den Typus des rationalen Entscheiders, des Managers, der alles genau durchrechnet?

Gerhard de Haan

Gerhard de Haan ist Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin
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De Haan: Dann würde der doch keinen 5er BMW fahren. Es ist doch eine völlig irrationale Entscheidung, so ein teures Auto anzuschaffen. Vielleicht entscheidet er sich an manchen Stellen rational fürs Unternehmen. Aber auch da meist nicht. Aus Psychologensicht kann ich sagen: Wir folgen unseren Gewohnheiten. Die Ökonomen kennen das als Pfadabhängigkeit der Entscheidung.

Roth: Es ist ja auch die Frage, was Rationalität bedeutet. Es gibt nicht die eine Rationalität. Extrem rational wäre irgendein kleines Gurkenauto, das kaum Sprit verbraucht. Aber da setzt sich der Manager nicht rein.

Leserkommentare
  1. ...gutes Interview, danke dafür! Viel schlauer bin ich aber nicht geworden. Ich stimme überein: "Man kann menschliches Verhalten überhaupt nicht vorhersagen." Aber warum dann das ganze neuro- und verhaltenswissenschaftliche Geplänkel vorher? Die Einsicht, dass man zur Veränderung im nahen Umfeld anfangen sollte, teile ich. Aber hat das nicht auch mit Reife zu tun, wenn man nicht gleich die ganze Welt retten will?

    2 Leserempfehlungen
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    "hat das nicht auch mit Reife zu tun, wenn man nicht gleich die ganze Welt retten will?"

    Ich würde sagen, es hat mit Reife zu tun, wenn ich erkenne, dass ich nicht gleich die ganze Welt retten kann. Aber das ich sie retten will ist eine ganz andere Seite der Buchhaltung. Das ist unter Umständen eine Voraussetzung dafür, das man es überhaupt auf sich nimmt, es zu versuchen.

    Ein sehr interessanter Artikel übrigens, dem stimme ich zu!

  2. "Roth: Sie sagen es. In der Neurobiologie gibt es das Second-Hit-Modell: Der zweite Einschlag hat oft die entscheidende Wirkung, weil der erste noch latent war."
    Mir fällt dazu spontan die zweite Bombe auf Nagasaki ein (der Hintergrund ist zwar differenzierter, aber wie gesagt - spontan, und dazu eben "Einschlag").
    Nach weiterem Nachdenken fallen mir auch Erziehungserfahrungen bei Kindern ein.

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    • raly
    • 15. April 2013 3:00 Uhr

    mir faellt da spontan der zweite Weltkrieg ein, der erste hatte eben noch nicht gereicht

  3. Das ist eine These, die ich seit langem vertrete.
    Das fing bereits bei der Bändigung des Feuers an: Niemand sah voraus, was daraus werden würde. Doch natürlich war die Bändigung des Feuers technologisch eine Großleistung.
    Ebenso hat niemand die Folgen der Industriellen Revolution vorausgesehen, die natürlich ebenfalls eine technologische und intellektuelle Großleistung war.
    Menschliche Intelligenz schafft pausenlos - bis hin zur Kernspaltung - bewundernswerte, staunenswerte Ergebnisse, die von der Bändigung des Feuers bis hin zur Atomenergie, vom Semaphoren bis hin zum Handy, von Notizblock und Abakus bis hin zum Rechner reichen - deren Folgen jedoch für die menschliche Intelligenz schon längst nicht mehr absehbar sind.
    Und da sich die Inkompatibilitäten zwischen menschlicher Intelligenz und menschlichem Begriffsvermögen immer enger an einander schmiegen, wird dies alles eher bald zum Zusammenbruch der Menschheit führen.

    2 Leserempfehlungen
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    - deren Folgen jedoch für die menschliche Intelligenz schon längst nicht mehr absehbar sind.

    @gceschmidt
    Ihren Beitrag finde ich sehr interessant, weil ich nämlich zu der gleichen Erkenntnis gekommen bin. So wie im Interview gesagt wurde, ist die Intelligenz ein Werkzeug und ich bin der Meinung, dass wir dieses Werkzeug nicht richtig verwenden können. Dazu gibt es einen ganz tollen Dokumentarfilm, in dem das von Anthropologen erklärt wird. Wir haben alte Hardware (Gehirn), die seit 50000 Jahren unverändert ist und eine Software (neuste Entwicklungen/HiTech), die komplett neu ist. Dh. wir haben Software, die nicht kompatible zu unserer vorhanden Hardware ist. Auch haben die Anthropologen erläutert, warum wir nicht fähig sind, vorauszuschauen, also die Folgen in 30 Jahren zu erkennen. Falls Sie der Dokumentarfilm interessiert, hier der Link:

    http://www.youtube.com/wa...

    ...das wir als Gattung viel blöder sind als wir uns eingestehen ist klar, kein Thema. Fast alle großen Probleme der Menschheit (Hunger, Ungerechtigkeit, div. Krankheiten, etc.) liesen sich heute lösen wenn die Menschheit nur wollte.
    Aber das wir bald zusammenbrechen?
    Allein die Tatsache das wir seit fast 70 Jahren in der lage sind uns alle per Knopfdruck umzubringen und es bisher doch nicht gemacht haben, zeigt doch das noch Hoffnung für die Menschheit besteht.
    Wahrscheinlich muss es noch schlimmer kommen, aber die Geschichte der Menschheit lehrt uns das der Mensche lernfähig ist.

    Um Konrad Adenauer zu zitieren:
    "Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt's nicht."

    • tobmat
    • 15. April 2013 10:30 Uhr

    "Das fing bereits bei der Bändigung des Feuers an: Niemand sah voraus, was daraus werden würde."

    Dummheit und Intelligenz haben nichts mit Prophezeiungen zu tun. Würde man bei jeder Entdeckung im Vorraus versuchen alle Folgen abzuschätzen, dann würde man nie vorwärts kommen.
    Die Zukunft ist ungewiss. Daran hat sich auch heute noch nichts geändert.
    100 %-Voraussicht einzufordern ist daher zwecklos.

  4. "Es wird einen harten Kern der Resistenten geben. Nach unseren Simulationen sind das so etwa 25 Prozent der Gesellschaft." ....
    Na das deckt sich doch prima mit dem momentanen Zuspruch für die neue Partei AfD mit ca. 24% .... ;-) ... Theorie bestätigt ....

    3 Leserempfehlungen
  5. Und sogar die Märtyrer tun es nicht unter 72 Jungfrauen.

    Was würde ein Affe tun, wenn man ihm die menschliche Grosshirnrinde
    transplantieren könnte? Er würde den Zuwachs an Intelligenz nutzen, um seine
    Affentriebe in Konkurrenz zu seinen Artgenossen noch intensiver ausleben und bis zum Exzess steigern. Also sehr menschlich handeln.

    Und würde man dem Menschen unter die Grosshirnrinde ein Affenhirn
    transplantieren, dann würde er sich vermutlich nicht viel anderes verhalten als heute. Nur würde er für sein Bunga Bunga womöglich Schimpansenweibschen bevorzugen.

    Es gibt aber auch Menschen, die nur deshalb etwas tun, weil sie eine edle Gesinnung haben. Und deren Belohnung besteht darin, dass sie vor sich selbst bestehen können, oder ihrem Mitgefühl Geltung verschaffen indem sie Hilfsbereit sind.

    Eine Leserempfehlung
    • raly
    • 15. April 2013 3:00 Uhr
    7. .....

    mir faellt da spontan der zweite Weltkrieg ein, der erste hatte eben noch nicht gereicht

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Second-Hit-Modell"
  6. - deren Folgen jedoch für die menschliche Intelligenz schon längst nicht mehr absehbar sind.

    @gceschmidt
    Ihren Beitrag finde ich sehr interessant, weil ich nämlich zu der gleichen Erkenntnis gekommen bin. So wie im Interview gesagt wurde, ist die Intelligenz ein Werkzeug und ich bin der Meinung, dass wir dieses Werkzeug nicht richtig verwenden können. Dazu gibt es einen ganz tollen Dokumentarfilm, in dem das von Anthropologen erklärt wird. Wir haben alte Hardware (Gehirn), die seit 50000 Jahren unverändert ist und eine Software (neuste Entwicklungen/HiTech), die komplett neu ist. Dh. wir haben Software, die nicht kompatible zu unserer vorhanden Hardware ist. Auch haben die Anthropologen erläutert, warum wir nicht fähig sind, vorauszuschauen, also die Folgen in 30 Jahren zu erkennen. Falls Sie der Dokumentarfilm interessiert, hier der Link:

    http://www.youtube.com/wa...

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