Homosexuelle Landwirte : Der einzige schwule Bauer im Landkreis

Ob Militär, Fußball, Handwerk oder in der Landwirtschaft: Noch immer outen sich nur wenige als schwul oder lesbisch. Homosexuelle Berufsverbände wollen das ändern.

Andreas Deyer ist gerne Landwirt, aber fast hätte er seinen Beruf aufgegeben. Weil er schwul ist und seine eigene Familie das nicht akzeptieren konnte. "Als ich mich outete, war das für meine Eltern ein Schock", erinnert sich Deyer. Ein halbes Jahr lang redete sein Vater nicht mit ihm. Der Familienbetrieb mit Milchkühen, Ackerbau und Grünland in der Bodenseeregion, den Deyer in fünfter Generation bewirtschaftet, stand vor dem Aus. Die Ehe mit seiner Frau war vorher schon in die Brüche gegangen. "Auf dem Land hat sich das alles schnell herumgesprochen", erinnert sich Deyer.

Mittlerweile lebt der Mittvierziger seit mehreren Jahren offen schwul, und es geht ihm wunderbar. Mit seinem Freund ist er für ein paar Tage nach Berlin gekommen, unter anderem um ein schwul-lesbisches Stadtfest zu besuchen. Landwirt am Bodensee ist Deyer aber immer noch. Das Verhältnis mit den Eltern hat sich eingerenkt. "Mittlerweile komme ich mit meinem Vater fast besser klar als vor meinem Outing", sagt Deyer mit badischem Akzent. Auf seinem engen T-Shirt steht "Stay true". Deyer will treu bleiben, vor allem sich selbst. Und anderen helfen. Deshalb engagiert er sich bei den Gayfarmern, der Berufsvereinigung für Schwule und Lesben in grünen Berufen.

Die Geschichte von Deyer ist nämlich kein Einzelfall. Während es schon länger für die meisten kein Problem mehr ist, dass Berlin einen schwulen Oberbürgermeister hat oder Deutschland einen schwulen Außenminister, herrscht in anderen gesellschaftlichen Bereichen weiter Diskriminierung. Noch immer ist in der Landwirtschaft, aber auch im Handwerk Outing eine Ausnahme. Im Profifußball kommt es, trotz anhaltender Debatte, praktisch gar nicht vor.

"Unsere Gesellschaft gibt sich gerne tolerant", sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders. Aber in vielen Milieus bestünden noch immer tief verwurzelte Vorurteile und Ablehnung gegenüber Homosexualität – "bis hin zu Abscheu und Hassgefühlen". Studien zeigten, dass ein Outing vor allem in traditionellen Branchen wie Bergbau, Energie, Landwirtschaft und kirchlichen Betrieben schwieriger sei als beispielsweise in Medien, Gastronomie, Kultur und Werbung. "Eine 'gläserne Decke' wie für Frauen in Führungspositionen gibt es auch für offen gelebte Homosexualität", sagt Lüders.

Homosexuelle Berufsverbände kämpfen für Gleichstellung

Immerhin gibt es mittlerweile immer mehr homosexuelle Berufsverbände. Der Bundesverband schwuler Führungskräfte, der Völklinger Kreis (VK), war einer der ersten dieser Art. Hier vernetzen sich Manager und Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur miteinander. Für Psychologen gibt es den Verband von Lesben und Schwulen in der Psychologie. Sie setzen sich für mehr Gleichstellung in ihren Branchen ein. Denn nach wie vor werden Homosexuelle mit verletzenden Vorurteilen und Ressentiments konfrontiert.

"Schwule haben alle Aids", war beispielsweise das erste, das Andreas Deyer nach seinem Outing von seinen Eltern zu hören bekam. Und eine Bekannte der Tante meinte, Homosexuelle seien doch alle "Kinderschänder". Die Region, in der die Deyers ihren Hof haben, ist eben auch eine sehr ländliche. Nach Beobachtung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes finden sich homosexuellenfeindliche Einstellungen schwerpunktmäßig in "traditionell-konservativ eingestellten" Bereichen der Gesellschaft. "Mein Vater kannte vor meinem Outing keinen einzigen Schwulen", sagt Andreas Deyer.

Der einzige schwule Bauer im Landkreis

Heute ist er in seiner Heimatregion immer noch der einzige schwule Landwirt in einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometern – jedenfalls offiziell. Inoffiziell gibt es weit mehr als nur einen homosexuellen Bauern am Bodensee und in ganz Baden-Württemberg sowieso. "Ich kenne sehr viele", sagt Deyer. Doch wenn sich jemand mal ein Outing getraut hätte, sei dies oft schiefgegangen. "Die Eltern haben das nicht akzeptiert oder das Umfeld, und deswegen wurde der Hof dann aufgegeben."

Sich bei solchen Fällen von beruflicher Diskriminierung einzuschalten, wäre Aufgabe des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Der Bereich Gender spielt in der Verbandsarbeit durchaus eine Rolle, der DBV arbeitet etwa intensiv mit dem Deutschen Landfrauenverband zusammen, der sich für die Interessen von Frauen und Familien im ländlichen Raum einsetzt. Mit den Gayfarmern gibt es keine Kooperation. Das Thema Homosexualität sei "bisher nicht aufgetreten", sagt der Sprecher des Bauernverbandes, Michael Lohse.

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