SpieleManager lieben "Die Siedler von Catan"

Strategie- und Gesellschaftsspiele sind Einführungen in unternehmerisches Denken und Handeln. Sogar erfahrene Manager schwören auf den Lerneffekt. von Sebastian Wenzel

Kai-Oliver Brand ist verzweifelt. Der Associate Director der DZ Bank sucht nach Lehm. Nur damit kann er eine neue Produktionsstätte errichten und expandieren. Den perfekten Standort hat er schon gefunden: das Gebirge am Wald. Bauarbeiter haben dort einen Stollen in die Berge getrieben und ein riesiges Erzvorkommen entdeckt. Aber ohne Lehm kein Produktionsgebäude und kein Erz. Brand blickt zu seinem Konkurrenten. Er könnte Lehm liefern. Doch der Mitbewerber schüttelt den Kopf. Die Verhandlung ist beendet, bevor sie angefangen hat. Einen Trumpf hält Brandt noch in der Hand. Er spielt seine Kontakte zur Unterwelt aus. Räuber sabotieren in Brands Auftrag die gegnerische Lehmgrube und legen die Produktion lahm. Das Opfer nickt anerkennend. Kein feiner, aber ein guter, regelkonformer Zug.

Lehrstück in Ökonomie

Beim Gesellschaftsspiel Die Siedler von Catan kämpfen erfahrene Spieler mit harten Bandagen. Catan ist eines der erfolgreichsten Spiele der vergangenen Jahre – und ein Lehrstück in Ökonomie. Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg erscheint diese Woche die vierte große Catan-Erweiterung. Sie heißt Entdecker und Piraten und macht das Spiel noch komplexer. Längst gibt es digitale Versionen für Laptops wie für Tablets oder Mobiltelefone. Auch andere Verlage präsentieren in Nürnberg Spiele, mit denen Manager strategisches Denken trainieren oder ihr Verhandlungsgeschick schulen. "Im Spiel erfährt man viel über das Verhalten seiner Mitmenschen. Das hat auch im realen Leben Vorteile", sagt Klaus Teuber, der Erfinder von Catan.

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In seinem Spiel sammeln die Teilnehmer Lehm, Erz, Holz, Wolle und Getreide. Mit den Rohstoffen bauen sie Siedlungen oder investieren in den technischen Fortschritt. Das Grundspiel erfand der gelernte Zahntechniker 1995. Es ist Teubers Meisterwerk und hat sich weltweit über 18 Millionen Mal verkauft. Catan ist sozusagen das Monopoly der Neuzeit. Unter deutschen Managern hat es dem Klassiker bereits den Rang abgelaufen. Auf der Onlineplattform Xing verraten 228 Personen, dass sie Die Siedler von Catan mögen. Darunter Geschäftsführer, Unternehmensberater und Projektmanager. Monopoly kommt nur auf 72 Anhänger. Auch bei amerikanischen Managern ist Catan beliebt. Besonders viele Fans hat es im Silicon Valley. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg spielt es, schreibt die Washington Post. Und der Mitbegründer von LinkedIn, Reid Hoffman, schwärmt im Wall Street Journal: "Die unterschiedlichen Würfelergebnisse zwingen die Spieler ständig dazu, ihre Strategie an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Das ist, als ob man ein Start-up leitet."

Zeit zu expandieren

Brand ist glücklich. Auf diesen Moment hat er gewartet. Endlich ist die Summe der zwei weißen Würfel eine Sechs. Endlich produziert seine Siedlung Lehm. Das zeigt ein Chip auf der Lehmgrube an. Darauf prangt ebenfalls eine Sechs. Immer wenn Würfelergebnis und die Zahl auf dem Chip übereinstimmen, darf Brand Rohstoffe in die Hand nehmen. Sein Lager ist gefüllt. Zeit zu expandieren. Der Banker errichtet eine weitere Siedlung. Die Erzproduktion kann beginnen. Eine kluge Entscheidung: "Der größte Anfängerfehler ist es, zu Beginn den Bau von Siedlungen zu vernachlässigen und nur in die Siegpunktekarte 'Längste Handelsstraße' zu investieren", sagt Teuber. "Das ist, als würde ein Unternehmen Investitionen tätigen, die kurzfristig das Renommee heben, aber keinen nachhaltigen Ertrag erwirtschaften."

Die Gemeinsamkeiten zum Alltag in der Bank oder dem Büro sind bei Gesellschaftsspielen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Viele Spiele entführen eher in Fantasiewelten. Die meisten Menschen möchten beim Spielen nicht an die tägliche Arbeit erinnert werden. Deshalb kleiden Verlage Wirtschaftsspiele häufig gern in ein historisches Gewand. "Beliebte Schauplätze sind Norditalien während der Renaissance oder die Niederlande während der Reformationszeit. Damals tauchten viele der noch heute gültigen ökonomischen Grundmechanismen erstmals auf", sagt der Sprecher der Spiele-Autoren-Zunft Ulrich Blum. Und noch eines haben viele Spiele gemeinsam: Bei fast allen funktioniert der Kapitalismus wie im Lehrbuch. Finanzkrisen oder Konsumentenboykotte sind Fremdwörter. "Niemand will sich am Spieltisch mit Krisen beschäftigen", sagt Blum. Spiele mit reinen Wirtschaftsthemen haben es schwer. Sie erscheinen entweder bei Kleinverlagen oder verschwinden nach wenigen Jahren wieder vom Markt. So wie Schwarzer Freitag von Friedemann Friese, das Kosmos 2010 veröffentlichte. Das Spiel thematisiert einen Börsencrash. Doch der Absatz stürzte anscheinend ins Bodenlose wie die Aktienkurse während einer Wirtschaftskrise. Kosmos verkauft heute nur noch Restposten.

Leserkommentare
  1. Ich bin selbst ein Schachspieler. Dann sollte ich ja ein kompletter Guru sein, was strategisches Denken betrifft. Vielleicht sollte ich Manager coachen.
    Natürlich bilden Spiele stets ein Teil der "Realität" ab, aber man sollte die Lerneffekte nicht überbewerten. Es sind zumeist sehr schlechte Modelle, wo die besten Strategien nichts mit der Realität zu tuen hat.
    Zudem werden hier solche allgemeinen Aussagen getroffen, die in sich wenig wert sind. Für ziemlich jede Beschäftigung kann man Eigenschaften zuschreiben, welche für Manager wichtig (sein könnten).
    Beispiel Kochen: Dabei muss man auch planen und den Ziel definieren. Dabei lernt man zudem, dass man häufig mit kleinen Veränderungen viel erreichen kann (Salz in der Suppe). Zudem zeigt sich dabei, wie wichtig die Qualität und frische der Produkte ist. Man sollte den Mut haben, dass alte, schon gammelnde Gemüse wegzuschmeißen. Wird man jetzt ein besserer Manager, wenn man regelmäßig kocht?
    Ich glaube kaum, dass ein wirklich guter Manager Siedler von Catan spielt, um was daraus zu lernen.

    6 Leserempfehlungen
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    Beim Brettspiel, von dem Siedler von Catan das deutlich verbreitetste ist, von dem es aber eine für außenstehende unglaubliche Fülle gibt (wir reden von mehreren Tausend Neuheiten jedes Jahr), die Catan auch in der Komplexität übertreffen, werden Fähigkeiten zur Abstraktion und Verständnis von komplexen Mechanismen sowie das Entwickeln von Strategien zum Ausnutzen dieser Mechanismen zum eigenen Vorteil gefördert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das als sehr guter Katalysator für Fähigkeiten funktioniert.

    Nur sind hier Spielmechanismen drin, die sich auch auf Zufall berufen. Durch die riesige Vielfalt ist kein Spiel derart ausanalysiert wie Schach, das jede Partie in der exakt gleichen Grundstellung mit komplett vorgegebenen und offen liegenden Randbedingungen beginnt. Als ehemaliger Schachspieler kann ich die Realitätsferne der Schachspieler, die glauben, dadurch strategisches Denken gelernt zu haben, nachvollziehen, auf die reale Welt übertragen fehlt ihnen aber der Aspekt des Zufalls, der doch einen sehr wichtigen Anteil ausmacht - flexibel reagieren zu können auf verschiedene Einflüsse und vor allem auf Einflüsse durch mehr als einen Mitakteur.

    Agricola ist schon ein sehr sinnvolles Brettspiel, aber es vernachlässigt die Interaktion etwas. Ich empfehle Spiele, die vielleicht auf den ersten Blick gar nicht so aussehen, aber dahinter knallharte und gute Mechanismen haben - damit kann man tatsächlich sehr gut "denken lernen".

    • Oyamat
    • 20. April 2013 11:33 Uhr

    Zitat: "Dann sollte ich ja ein kompletter Guru sein, was strategisches Denken betrifft. Vielleicht sollte ich Manager coachen."
    Um Strategie auch tatsächlich im "wirklichen Leben" einsetzen zu können, muß sie immer von sozialer Kompetenz begleitet sein. Mit purer sozialer Kompetenz ohne "reine" Strategiefähigkeit kommt man insgesamt sogar noch weiter als mit purer Strategiefähigkeit ohne soziale Kompetenz. Und an soziale Kompetenz kommt man entweder, indem ein Freund einem beisteht, oder indem man sie selber aufweist. Aber bei völliger sozialer Inkompetenz ist die Chance auf einen solchen Freund nicht eben hoch.

    Deswegen ist so viel strategisches Denken, das die Menschheits-Geschichte schon gesehen hat, auch ohne Auswirkungen geblieben: verpufft geradezu. Eine Verschwendung, nicht anders als die Produktion von tonnenweise Pollen und Samen, die nie aufgehen...

    MGv Oyamat

    kommt es bei Siedler von Catan nicht nur auf Konkurrenz, sondern auch auf Zusammenarbeit an - wer Siedler als reines Konkurrenzspiel begreift, hat es falsch verstanden.
    Übrigens könnten die Manager auch Carcassonne lernen - das eröffnet bei jedem neuen Spiel auch neue Möglichkeiten.

    Um bei ihrem Beispiel zu bleiben müssten sie
    nicht Manager, sondern Generäle beraten.

    Abgesehen davon ist Schach viel zu sehr planbar, dauert
    lange, hat keine Spielerinteraktion und ist nur für zwei Spieler.

    Catan hat eine Zufallskomponente, dauert nicht so lange,
    alle Spieler sind durch den Handel auch im Zug des Gegners
    eingebunden und es ist für mehr als zwei Spieler.

    Sie verstehen jetzt vielleicht, das der Schachvergleich
    etwas unangebracht ist?

  2. Bei "Acquire" handelt es sich um ein ebenso komplexes, wie spannendes Wirtschaftsspiel. Zwar ist mir das Primat der Ökonomie im "wahren Leben" zuwider, doch bei diesem Spiel macht es dann doch mal Spaß, auf ein "immer mehr" hinzuarbeiten. Ich empfehle das Spiel jedem, der kein Problem damit hat, sich auch mal zwei Stunden einem Tischspiel zu widmen und dem es Spaß macht, strategisch zu denken.

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  3. um soziale Interaktion zu lernen, werden die nun schon zum Siedler-Spielen verdonnert. Wahrscheinlich in der Vorstandssitzung.

    4 Leserempfehlungen
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    sind doch recht simpel, denn sie sind, wie im wahren Leben, den Regeln des Spieles geschuldet und dienen nicht der Gemeinschaft, sonder nur dem eigenen Profit. Wer gibt dem Mitspieler schon ein Erz für die zum Sieg benötigten zwei Steine, wenn er erkennen kann, dass der Mitspieler mit dem Erz zuvor gewinnt? Ich tat das nie, schließlich will ich doch gewinnen.

    Aber eines bleibt bestehen, kein anderes Spiel habe ich jemals 12 Stunden am Stück eine ganze Nacht durch gespielt, aus reiner Freude an der Abwechslung, die es aufgrund der immer wieder neuen Landkarte.

  4. Beim Brettspiel, von dem Siedler von Catan das deutlich verbreitetste ist, von dem es aber eine für außenstehende unglaubliche Fülle gibt (wir reden von mehreren Tausend Neuheiten jedes Jahr), die Catan auch in der Komplexität übertreffen, werden Fähigkeiten zur Abstraktion und Verständnis von komplexen Mechanismen sowie das Entwickeln von Strategien zum Ausnutzen dieser Mechanismen zum eigenen Vorteil gefördert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das als sehr guter Katalysator für Fähigkeiten funktioniert.

    Nur sind hier Spielmechanismen drin, die sich auch auf Zufall berufen. Durch die riesige Vielfalt ist kein Spiel derart ausanalysiert wie Schach, das jede Partie in der exakt gleichen Grundstellung mit komplett vorgegebenen und offen liegenden Randbedingungen beginnt. Als ehemaliger Schachspieler kann ich die Realitätsferne der Schachspieler, die glauben, dadurch strategisches Denken gelernt zu haben, nachvollziehen, auf die reale Welt übertragen fehlt ihnen aber der Aspekt des Zufalls, der doch einen sehr wichtigen Anteil ausmacht - flexibel reagieren zu können auf verschiedene Einflüsse und vor allem auf Einflüsse durch mehr als einen Mitakteur.

    Agricola ist schon ein sehr sinnvolles Brettspiel, aber es vernachlässigt die Interaktion etwas. Ich empfehle Spiele, die vielleicht auf den ersten Blick gar nicht so aussehen, aber dahinter knallharte und gute Mechanismen haben - damit kann man tatsächlich sehr gut "denken lernen".

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich bin toll."
    • Oyamat
    • 20. April 2013 11:33 Uhr

    Zitat: "Dann sollte ich ja ein kompletter Guru sein, was strategisches Denken betrifft. Vielleicht sollte ich Manager coachen."
    Um Strategie auch tatsächlich im "wirklichen Leben" einsetzen zu können, muß sie immer von sozialer Kompetenz begleitet sein. Mit purer sozialer Kompetenz ohne "reine" Strategiefähigkeit kommt man insgesamt sogar noch weiter als mit purer Strategiefähigkeit ohne soziale Kompetenz. Und an soziale Kompetenz kommt man entweder, indem ein Freund einem beisteht, oder indem man sie selber aufweist. Aber bei völliger sozialer Inkompetenz ist die Chance auf einen solchen Freund nicht eben hoch.

    Deswegen ist so viel strategisches Denken, das die Menschheits-Geschichte schon gesehen hat, auch ohne Auswirkungen geblieben: verpufft geradezu. Eine Verschwendung, nicht anders als die Produktion von tonnenweise Pollen und Samen, die nie aufgehen...

    MGv Oyamat

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  5. wenn Manager schon "positive" Lerneffekte bei "Siedler von Catan" erzielen, dann muss man tatsächlich froh sein, dass die Simulation "Junta" verboten wurde. Das liegt aber vermutlich eher daran, dass "Junta" das Politische entlarvend echt darstellt. Neben formaler Brettstrategie ist es hier noch erheblich wichtiger Päkte mit Mitpielern zu schließen (regelkonform auch durch geheime Vier- oder Mehraugengespräche im Nebenzimmer) nur um sie in der nächtsn Runde durch ein Attentat besser aus dem Weg räumen zu können. Der Staatsputsch als spielerische Simulation, da versteht jeder recht schnell, dass das System nicht nach Freund und Feind unterscheidet, wenn er am Ende Sieger sein will, weil er das meiste Geld auf einem Schweizer Nummernkonto horten konnte. Wirklich seltsam, dass dieses Spiel verboten wurde, ein Spiel, dass in der Anleitung schon darauf hinweist, dass man sich vorab klar sein soll, dass es eben ein Spiel ist.

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    "Junta" ist weder verboten noch indiziert, zumindest nicht das Brettspiel.

  6. 7. Junta

    "Junta" ist weder verboten noch indiziert, zumindest nicht das Brettspiel.

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    habs gerade ausprobiert. Aber das alte Spiel "Bananenrepublik" ist kaum käuflich zu erwerben (Amazon neu fast 80 Euro). Da erlag ich wohl einem Mythos, es sollte idiziert werden.

  7. sind doch recht simpel, denn sie sind, wie im wahren Leben, den Regeln des Spieles geschuldet und dienen nicht der Gemeinschaft, sonder nur dem eigenen Profit. Wer gibt dem Mitspieler schon ein Erz für die zum Sieg benötigten zwei Steine, wenn er erkennen kann, dass der Mitspieler mit dem Erz zuvor gewinnt? Ich tat das nie, schließlich will ich doch gewinnen.

    Aber eines bleibt bestehen, kein anderes Spiel habe ich jemals 12 Stunden am Stück eine ganze Nacht durch gespielt, aus reiner Freude an der Abwechslung, die es aufgrund der immer wieder neuen Landkarte.

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