MBA-Absolventen bei Abschlussfeier in Hamburg © REUTERS/Fabian Bimmer

Manchmal gelingt der Karrieredurchbruch erst mit der Promotion. Unternehmensberatungen wie McKinsey oder die Boston Consulting Group etwa werben um junge Talente mit Doktortitel. Sie bieten Absolventen Einstiegsprogramme, in denen die Promotion mit dazugehört. "Maßgeschneiderter Einstieg" nennt McKinsey das. "Ohne Titel geht es nicht. Wer keinen Doktortitel hat, steigt nicht in die Top-Jobs auf – und bekommt auch weniger Gehalt", sagt Daniel Altmann, der als Junior-Berater arbeitet und nebenberuflich in BWL promoviert.

Immerhin gehe es darum, den Kunden auf Augenhöhe zu begegnen, sagt Altmann. Der 30-Jährige schreibt seine Dissertation in Form von Essays, auch damit er schneller fertig wird. Drei Aufsätze muss er über ein Managementthema publizieren – fertig ist die Doktorarbeit. Mit echter Forschung, das gibt der Doktorand selbst zu, hat das nicht viel zu tun. "Die Dissertation ist für mich einfach Grundstein für den nächsten Karriereschritt."

Auch die Karriereberaterin Svenja Hofert sagt: "Bei Unternehmensberatern und Steuerprüfern erfüllt der Doktortitel vor allem einen Prestige- und Statuszweck." Wer in der Branche promoviere, dem gehe es darum, schnell aufzusteigen und die nächste Gehaltsstufe zu erreichen. "Bei einigen Kandidaten kann man da schon eine gewisse Neigung zur Abkürzung entdecken", sagt Hofert. Sie berät Jobeinsteiger und weiß, dass die Promotion aus Karrieregründen gerade unter Anfängern in der Finanz- und Beratungsbranche verbreitet ist.

Tim Hagemann, Professor für Arbeitspsychologie in Bielefeld, hält dieses karrieregetriebene Promovieren durchaus für ein Problem. Die Arbeiten seiner Studenten und Doktoranden prüft er mit einer Plagiatssoftware. Auch unterstellt er vielen nebenberuflichen Promotionen ein geringeres wissenschaftliches Niveau. "Wem es um echte Forschung geht, der promoviert hauptberuflich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität und steckt viel Zeit in seine Dissertation. Nebenberufliche Promotionen haben meiner Beobachtung nach häufiger wissenschaftliche Fehler. Die Plagiatsaffären von zu Guttenberg oder Koch-Mehrin bestärken diesen Vorbehalt", sagt Hagemann.

Der Doktor als tickende Zeitbombe

Doch warum ist der Titel überhaupt so wichtig? Nach Ansicht von Hagemann habe eine Promotion noch immer einen gewissen psychologischen Effekt. "Ein Doktortitel ist ein Zeichen von Glaubwürdigkeit, Seriosität und Autorität", sagt der Psychologieprofessor. Zahlreiche Banken, Unternehmensberatungen oder auch Rechtsanwaltskanzleien setzen auf diesen Effekt und rekrutieren promovierte Kandidaten für repräsentative Aufgaben. Zwar wurde bisher kein Vorstandsvorsitzender als falscher Doktor entlarvt, Hagemann könnte sich aber vorstellen, dass Firmen bald genauer hinsehen. "Es ist denkbar, dass Unternehmen eines Tages die Abschlussarbeiten ihrer Bewerber checken. Die Software dafür kann man sich im Netz runterladen."

Bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) kann man sich so etwas nicht vorstellen. "Im Doktor sehen wir keine Zeitbombe, und wir checken auch nicht die Dissertationen unserer Bewerber", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Promovierte Bewerber sind bei PwC gern gesehen. "Nach unserer Erfahrung sind Mitarbeiter mit Promotion ambitionierter und engagierter", sagt Marius Möller, Personalvorstand bei PwC. Vielleicht auch, weil sich der Doktortitel schlicht auszahlt. Über Branchen und Positionen hinweg verdienen Promovierte durchschnittlich zwischen 500 bis 1.000 Euro brutto mehr im Monat als solche ohne die höchsten akademischen Weihen. Das hat die Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet.

"Grundsätzlich schafft ein Doktortitel beste Voraussetzungen für Karriere. Und in der Pharmabranche, Biotechnologie, Medizin oder Forschung und Entwicklung ist die Promotion die Eintrittskarte, ohne die es selbst auf normaler Mitarbeiterebene nicht geht", sagt der Managementtrainer Roland Jäger. "Hier ist der Titel ein reiner Kompetenznachweis, mit dem eher dezent umgegangen wird."

Karriereberaterin Hofert hat auch Klienten, die ihren Titel lieber verschweigen. "Gerade für eine Karriere im Mittelstand kann ein Titel sogar hinderlich sein. Da braucht es den Showeffekt für den Kunden nicht. Sogar ein MBA wird da schon als too much empfunden", sagt sie. Und immer brächte ein Titel auch nicht mehr Einkommen, sagt sie. "Gerade in überlaufenen Branchen sinkt das Lohnniveau. In Medien, Werbung und Marketing haben viele Fachkräfte eine Promotion – und verdienen schlecht."