KonfliktfähigkeitZögern, aussitzen, wegducken

Job, Wirtschaft, Politik – überall werden Probleme ausgesessen, sagt der Coach Roland Jäger. In seinem neuen Buch will er den Deutschen Konfliktfähigkeit beibringen. von 

Cover von "Ausgesessen"

Cover von "Ausgesessen"  |  © Orell Füssli Verlag

Jürgen drückt sich vor Konflikten. Statt in die Auseinandersetzung mit seinem Mitarbeiter zu gehen, dessen Fehler ihm viel Arbeit macht, jammert er lieber herum. Motivieren kann er seine Mitarbeiter auch nicht.

Konfliktscheue Führungskräfte wie Jürgen gibt es viele. Das hat zuletzt erneut die Gallup-Studie festgestellt. Der Manager-Trainer Roland Jäger geht in seinem neuen Buch Ausgesessen mit diesen Chefs ins Gericht. Die Kultur des Nicht-Entscheidens in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik koste uns die Zukunft, schreibt der Autor. Jäger will seinen Lesern Konfliktfähigkeit und eine konstruktive Streitkultur beibringen.

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"Ein Ziel nicht sofort zu erreichen wird als Gesichtsverlust vor den anderen empfunden. Das hat mit dem Vorherrschen eines unreflektierten Leistungsgedankens und Perfektionismus zu tun", schreibt Jäger. Er setzt sich ein für einen Perspektivenwechsel: Ein Ziel noch nicht erreicht zu haben, ist doch nur ein Zwischenzustand.

Jäger empfiehlt Entscheidern, ihre Willenskraft zu stärken. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer sehr starken Volition auch außergewöhnlich erfolgreich sind. Sie können sich leichter auf etwas fokussieren, ihre Emotionen und Stimmungen besser managen als andere. Sie lassen sich also nicht so leicht verunsichern und geraten nicht schnell in Panik. Sie wissen sich durchzusetzen und planen vorausschauend.

Konflikte steuern

Doch warum gelingt es nur wenigen, Konflikte zu steuern? Jäger sieht hier ein klassisches ängstliches Verhaltensmuster als Ursache. Aus Angst vor einer Eskalation leugnen viele Chefs ein Problem zunächst. Sie ziehen sich zurück, statt aktiv zu handeln. Doch dieses Zögern verschärft den Konlifkt, bis er eskaliert.

Eskalationsstufen von Konflikten

Nach Konfliktforscher Glasl gibt es neun verschiedene Konfliktstufen.

In Stufe 1 verhärtet sich ein Problem, auf Stufe 2 wird darüber diskutiert. Kommen die Beteiligten nicht zu einer Lösung, kommt es zu Stufe 3: Nun macht sie von Taten statt Worten Gebrauch.

In Stufe 4 schließen die Gegner Koalitionen. Eskaliert ein Streit weiter, kommt es in Stufe 5 zum Gesichtsverlust. Der Gegner wird öffentlich bloß gestellt. In Phase 6 drohen sich die Parteien. Es kommt zu ersten Vernichtungsschlägen (Stufe 7), der andere soll vernichtet werden (Stufe 8) – bis beide am Ende gemeinsam in den Abgrund stürzen (Stufe 9).

Jäger will diesen Prozess durchbrechen und früher ansetzen. "Es gibt nie den richtigen Moment, nur den frühmöglichen. Und der ist jetzt", lautet sein Plädoyer. Aus der Forschung ist bekannt, dass Konflikte in mehreren Eskalationsstufen verlaufen. Je niedriger die Stufe, desto einfacher lässt sich ein Problem lösen. Weil Aussitzen aber in der Regel zu einer rasanten Verschärfung führt, denken konfliktscheue Menschen, dass jedes Problem nur mit einem hohen Aufwand zu lösen ist – sie haben bisher ja nur Eskalation erlebt. Bei ihnen entsteht eine Konfliktspirale aus Angst vor der Konfrontation, die erst Recht eine Konfrontation hervorruft.

Wie es besser geht, zeigt der Autor in seinem Buch anhand konkreter Beispiele aus seiner Coachingarbeit auf. Jäger unterfüttert seine Aussagen mit zahlreichen Studien aus der Arbeitspsychologie und Managementtheorie. Das gibt dem Buch Tiefe. Am Ende zeigt er Alternativen auf. Ausgesessen ist ein pointiertes und kluges Buch, das anregt zur Selbstkritik und das konkrete Vorschläge für ein anderes Verhalten macht.

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Leserkommentare
  1. Mal wieder so ein "Ratgeber", der sich unglaublich wichtig nimmt, auf eine Melange aus populär- oder pseudowissenschaftlichen "Erkenntnissen" beruht.
    Es sein den Leuten ja gegönnt, sich irgendwie ihre Brötchen (und SUV's) zu verdienen. Aber muss es immer diese "das-ist-jetzt-ganz-was-Neues-und-unglaublich-wichtig-für-ihr-Leben-Attitüde" sein.
    Ich kann solche "Coachingschmarrn" nur noch lächerlich finden.

    5 Leserempfehlungen
  2. 2. Merkel

    Ich kann dem persönlich auch nichts abgewinnen, aber vielleicht könnte es ja unserer Kanzlerin trotzdem gut tun?

  3. Und wann ist Herr Jäger das letzte Mal über die Autobahn gefahren?

    Eine Leserempfehlung
  4. So richtig was Neues ist darin nämlich nicht zu finden. Die wichtigen Dinge des Lebens wurden schon bei den alten Griechen besprochen, danach gabs nur noch aufgewärmtes.

    4 Leserempfehlungen
  5. DIE ZEIT sollte uns Lesern gegenüber schon so fair sein, einen inhaltsleeren Werbeblock auch als solchen zu kennzeichnen.

    Ich halte dagegen: Wer sich zu diesem durchaus spannenden Thema seriös und grundlegend informieren möchte, dem sei die mittlerweile aktualisierte Habilitation von Friedrich Glas sehr empfohlen:

    https://portal.dnb.de/opa...

    Auch für den Einstieg ins Thema und aus Sicht der Praxis sind auch die weiteren Schriften Glasls lesenswert. Wer die Gelegenheit hat, diesen wirklich kompetenten und zugleich bescheiden auftretenden Mann erleben zu können, wird beeindruckt sein.

    Konflikte in Unternehmen sind das komplexeste und auch für den externen Berater belastendste Aufgabenfeld, was sich im Beratungsgeschäft finden lässt. Da ist allein schon aus Respekt den Mitarbeitern gegenüber eine hohe Qualität der Qualifikation vonnöten.

    2 Leserempfehlungen
  6. Wer Krieg will, der kann Krieg kriegen! Wegducken? Kommt ja gar nicht infrage!

  7. Weil sie sich nicht wegducken, oder was aussitzen, sondern sofort losbrüllen, wenn ein anderer ihrer Meinung nach etwas nicht in ihrem Sinne erledigen. Und die Angebrüllten haben dann Angst. A, weil sie glauben, dass der Choleriker vielleicht tatsächlich Recht hat, B, weil sie befürchten, dass es nur so aussehen könnte, dass der Choleriker Recht hat, warum sonst müsste er einen Wutausbruch bekommen. Der Choleriker wirkt dann schon im unteren Bereich wie eine Führungskraft, die auch anderen gleichgestellten Kollegen sagen kann wo es lang geht, wirkt kompetent, weil er angebliche Misstände anspricht. Und wird als erster befördert, weil alle anderen ja das Maul halten. Und je weiter oben, desto mehr Choleriker, weil es ja so schön funktioniert mit dem Anschreien.

  8. Sorry, im oberen Post hätte es " ein anderer erledigt" heißen sollen. Man kann sich vorher zehnmal seinen Text durchlesen, aber erst wenn er gepostet ist sieht man seinen Deutschfehler.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Autor | Buch | Chef | Emotion | Forschung | Führungskraft
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