Soziale Arbeitgeber : Will keiner einen sinnvollen Job?

Viele Menschen wünschen sich eine sinnstiftende Arbeit. Doch Karrierewege im Sozialsektor gelten als unattraktiv. Eine Studie erforscht jetzt die Ursachen.

Eigentlich wollte Sabine Neumeyer in einem Bildungsprojekt in Indien arbeiten, als Lehrerin für benachteiligte Kinder. Doch kurz bevor sie ihren Job antrat, wurde ihr ein fester Job in der Marketingabteilung eines Unternehmens angeboten. Neumeyer entschied sich für die Sicherheit. Acht Jahre ist das her. Die 35-Jährige hat seitdem einige Stufen auf einer absehbaren Karrierelaufbahn genommen, nur hin und wieder kommt sie ins Grübeln. "Immer wenn es bei der Arbeit mal wieder drunter und drüber geht, wenn ich Vorgaben bekomme und wenig selbst entscheiden kann, dann frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich?" Ihre Arbeit, sagt Neumeyer, habe keinen Sinn. Außer dass sie ihrer Firma helfe, den Umsatz zu steigern.

Wie Sabine Neumeyer geht es vielen. Ob Berufseinsteiger, Berufserfahrene in der Mitte der Karriere, Jobrückkehrer oder ältere Beschäftigte kurz vor der Rente: Fast jeder sähe es gerne, wenn seine Arbeit nicht nur die Umsätze nach oben treibt, sondern auch einen höheren Sinn ergibt. In den sozialen Berufen gäbe es solche Jobs. Allerdings glauben in Deutschland nur die wenigsten Erwerbstätigen, dass der Sozialsektor sichere Beschäftigungsverhältnisse, gute Gehälter und Aufstiegschancen zu bieten hat. Soziale Unternehmen gelten eher als unattraktive Arbeitgeber. Das geht aus einer Untersuchung der Organisation Ashoka hervor, die diese in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung McKinsey erstellt hat und die ZEIT ONLINE vorliegt.

Die Studie stellt eine einfache Frage: Warum gelingt es sozialen Unternehmen nur so schwer, geeignetes Fachpersonal zu gewinnen? Immerhin ist mehr als Drittel der Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagiert. Rund 39 Prozent wünschen sich eine Tätigkeit, die sie als sinnstiftend empfinden. Einen Job im Sozialsektor können sich aber nur wenige vorstellen.

Für die Studie wurden knapp 1.800 Personen im Alter zwischen 18 und 80 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung befragt. 60 Prozent von ihnen gaben an, die Karrieremöglichkeiten im Sozialsektor zu kennen. Doch nur acht Prozent wären auch bereit, für ein Unternehmen der Branche zu arbeiten. Bei den Berufseinsteigern sind es sogar nur vier Prozent. Dabei sind viele Schüler und Studenten während ihrer Ausbildung ehrenamtlich engagiert. Wenn es aber um einen richtigen Job geht, entscheiden sich die allermeisten für eine konventionelle Laufbahn.

Geringe Gehälter schrecken ab

Warum ist das so? Glaubt man der Studie ist ein wichtiger Grund das Gehalt. Demnach glaubt eine Mehrheit, dass das Gehaltsniveau in diesen Berufen nicht ausreiche. 63 Prozent der Befragten sagten, dass sie ihren Job nicht zugunsten eines sozialen Berufs aufgeben würden, wenn sie dann weniger verdienen.

Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Tatsächlich entsprechen die Gehälter im Sozialsektor im Durchschnitt in etwa jenen im öffentlichen Dienst oder liegen knapp darunter.  Einsteiger verdienen rund 25.000 Euro brutto im Jahr, Berufserfahrene 35.000 Euro. Führungskräfte haben ein durchschnittliches Bruttojahreseinkommen von 45.000 bis 80.000 Euro, zeigt die Studie. Für viele Fach- und Führungskräfte aus der freien Wirtschaft sind solche Löhne nicht attraktiv. Auch fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und Karriereperspektive hindern viele daran, bei einem sozialen Unternehmen anzuheuern.

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