OutsourcingSekretärin zu vermieten

Viele Freiberufler können sich keine Assistenten leisten. Firmen bieten ihnen Sekretärinnen aus Billiglohnländern zur virtuellen Miete übers Netz. Das Geschäft boomt. von Ann-Kathrin Nezik

Marco Maas ist ein gut organisierter Mann. In einer Liste hat er fein säuberlich aufgeführt, was er für seine Arbeit als freiberuflicher Datenjournalist braucht: Laptop, Terminkalender, Spezialsoftware. Bero hat er der Kategorie "Hardware" zugeordnet. Bero ist 38 Jahre alt und lebt in Kroatien. Das ist alles, was Marco Maas über ihn weiß. Getroffen hat er ihn noch nie.

Bero ist Marco Maas' virtueller Assistent. Er schreibt Rechnungen für Maas, ordnet seine Belege und überträgt Termine in dessen Onlinekalender. Er erledigt all die Aufgaben, die Maas lästig sind und zu denen ihm die Zeit fehlt – und das, ohne im Vorzimmer zu sitzen.

Anzeige

Virtuelle Assistenten sind eine Mischung aus Sekretärin und Buchhalter. Mit zwei Unterschieden: Sie leben in der Regel in Billiglohnländern und kennen ihre Chefs nur per E-Mail oder Telefon. Schon lange lagern Großkonzerne Callcenter nach Irland aus oder lassen Büroarbeiten von Indern erledigen. Neu ist, dass immer mehr Selbstständige unliebsame Tätigkeiten an preiswerte Helferlein aus dem Ausland delegieren. In Deutschland gibt es gut eine Handvoll Firmen, die virtuelle Assistenten mit Deutschkenntnissen rekrutieren und sie an viel beschäftigte Freiberufler vermitteln. Vor allem Unternehmensgründer nutzen diesen Service.

Vor zwei Jahren hat Luis Miranda das Start-up mein-virtuellerassistent.com gegründet. Mittlerweile beschäftigt er 16 Assistenten aus Osteuropa, Südafrika, den Niederlanden und den USA – auf freiberuflicher Basis. Sie beantworten E-Mails, lesen Texte Korrektur oder bereiten Präsentationen vor. Zwischen 12,50 Euro und 16,50 Euro kostet eine Assistentenstunde bei ihm. Der genaue Preis hängt davon ab, wie viele Stunden die Kunden buchen.

Arbeit ohne Auftragsgarantie

Vor allem Frauen machen den Job. Der Stundenlohn unterscheidet sich je nach Gehaltsniveau im Heimatland. Mitarbeiterinnen in den USA bekommen 8 Euro, Katja Bartkowska aus Polen dagegen nur 6,50 Euro. Die 22-Jährige ist selbst Freiberuflerin und hat sich als Übersetzerin selbstständig gemacht. Weil ihre Aufträge noch nicht ausreichen, um allein von dieser Tätigkeit leben zu können, arbeitet sie etwa zehn Stunden in der Woche als virtuelle Assistentin. Wie Bartkowski haben die meisten Assistentinnen in ihrem Heimatland noch einen anderen Job. Für sie ist es ein Zubrot, aber eines, mit dem sich nicht dauerhaft planen lässt. Eine Auftragsgarantie gibt es nicht.

Den Vorwurf, dass er Jobs ins Ausland auslagert, kann Miranda nicht verstehen: "Meine Kunden würden keine deutsche Sekretärin beschäftigen, weil sie die nicht finanzieren und auslasten könnten."

Die Kunden, das sind vor allem Freiberufler und kleine Unternehmen. Aber auch vermögende Privatleute, die ihre persönlichen Termine von einem Assistenten organisieren lassen. Dann helfen die Assistenten schon mal bei der Wohnungssuche oder versteigern den Hausrat ihrer Auftraggeber auf eBay. Ein Kunde ließ seinen Assistenten ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter aussuchen – mit dem Hinweis, sie besuche gern Konzerte. Der Assistent besorgte Karten für ein Musical.

Leserkommentare
  1. "Für mich ist er eine Ressource. Das klingt gemein, aber dafür bezahle ich ihn." – unglaublich! Wird Marco Maas auch minutengenau abgerechnet? Weil es in Deutschland – zum Glück – solche Mitarbeiter nicht gibt, verlagert man die Ausbeutung ins Ausland. Unter solch prekären Bedingungen möchte niemand arbeiten. Ein Zubrot, nicht planbar. Hierzulande werden Dauerbefristungen bei Arbeitnehmern als ein Grund dafür genannt, dass immer weniger Familien Kinder bekommen, weil die Zukunft mit solchen Jobs nicht planbar ist. Wer sich einen ordentlichen Mitarbeiter nicht leisten kann, der sollte mal überlegen, ob sein Geschäftsmodell überhaupt funktionsfähig ist! Unter dieser Argumentation, man könne sich eine/n deutschen SekretärIn nicht leisten, könnte jeder Industriebetrieb ganz locker jede Produktion im günstigeren Ausland rechtfertigen. Doch dagegen laufen die Gewerkschaften zu Recht Sturm.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    willkommen in der Welt selbstständiger Dienstleister.
    Und wo ist das Problem, wenn eine selbssständige Dolmetscherin, die vom Dolmetschen als Berufsanfänger noch nicht leben kann, sich so ein Zubrot verdient?
    Und das von zuhause aus, wo der böse Hungerlohn im Zweifel eine ganz andere Kaufkraft hat?

    • P_S
    • 01. März 2013 11:24 Uhr

    .. wo ist der Unterschied, ob ich eine Person als Teilzeitkraft festanstelle, oder ich mir die Arbeitsleistung für die Tätigkeiten wie Rechnungen schreiben, Zeiten kontrollieren, Schriftverkehr prüfen, Dokumente übersetzt (nicht jeder Muttersprachler beherscht seine Sprache, man darf nicht deutschen Schuldrill bzgl deutscher Gramatik und Rechtschreibung, auf andere Nationen transferieren) etc.

    In unserer Wirtschaft ist es so, dass Projekte aufgesetzt werden und dann mit fehlenden Personal, die zu meist aus Berarungshäusern / Leiharbeitsfirmen kommen aufgestockt werden, und sehr oft stellen diese "Frimen" dann auch die Projektassistenz. Unternehmen wie McKinsey, Ernest&Young, KPMG, Roland Berger etc. all diese machen letztlich nichts anderes, sie stellen gutbezahlte Leiharbeiter (äh Berater)!

    Als Auftraggeber muss ich mich fragen, kann und will ich mir das leisten?
    Der Job eines Assitenten ist letztlich ein Vertrauensjob!
    D.h. akzeptiere ich es, das die Konkurrenz die gleiche Person beschäftigt?
    Und hier beginnt die Marktwirtschaft...
    ist die Arbeitskraft gut will sie jeder, will sie jeder ist es kein Zubrot mehr, sondern sie verdient richtig Geld....

  2. >...und er ist die nervigen Aufgaben los, die ihn von seinem eigentlichen Job abhalten:
    > Steuererklärung machen, Rechnungen schreiben.

    ...mal eine Nachfrage fällig. Zumindest eine Steuererklärung ist ja wohl eine rechtliche Grauzone. Gleiches gilt genaugenommen für die Buchhaltung und die Umsatzsteuervoranmeldung. Ganz abgesehen davon, ob man mit dem deutschen Steuerrecht wirklich einen Assistenten im europäischen Ausland belasten sollte :-).

    Und die Idee deutsche (oder englische) Texte von Nichtmuttersprachlern erstellen und gegenlesen zu lassen ist ja auch nur bedingt clever.
    Sinnvoll sind solche Angebote sicherlich bei Kaltakquise, Übersetzung oder im Bereich Grafik/Design. Aber da gibt es ja auch in Deutschland einiges an flexiblen Angeboten.

    3 Leserempfehlungen
  3. willkommen in der Welt selbstständiger Dienstleister.
    Und wo ist das Problem, wenn eine selbssständige Dolmetscherin, die vom Dolmetschen als Berufsanfänger noch nicht leben kann, sich so ein Zubrot verdient?
    Und das von zuhause aus, wo der böse Hungerlohn im Zweifel eine ganz andere Kaufkraft hat?

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dlugi
    • 01. März 2013 10:10 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur mit konstruktiven Kommentaren. Danke, die Redaktion/jk

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/jk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dlugi
    • 01. März 2013 11:54 Uhr

    Kritik an der moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

    • FX1000
    • 01. März 2013 8:56 Uhr

    Um in Deutschland Steuererklärungen oder Umsatzsteuervoranmeldungen gegen Rechnung machen zu dürfen, muss man Steuerberater sein.

    Selbst um Buchhaltung anbieten zu dürfen, muss man eine kaufmännische Ausbildung und 3 Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Unglaublich!

    http://de.wikipedia.org/w...ührungshelfer

    Grauzone? Kann sein. Je nach dem wie es organisiert ist. Da sollte mal die Steuerberaterkammer genauer hinsehen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Um in Deutschland Steuererklärungen oder Umsatzsteuervoranmeldungen gegen Rechnung machen zu dürfen, muss man Steuerberater sein.
    Wenn man die Erklärung im Auftrag des Mandanten erstellt und er sie unterschreibt, kann das jeder machen. Steuerberatend darf man allerdings nicht auftreten !
    Ob es allerdings klug ist, seine Umsatzsteuererklärung von eienem Inder oder Amerikaner machen lassen, lasse ich mal dahingestellt sein !

  5. Dieses Outsourcing wird doch lange nicht nur von Unternehmern und Freiberuflern genutzt, die sich ansonsten diesen Service nicht leisten können.

    Der Verlag mit der Zeitung mit den vier Buchstaben z.B. hat seinen Schriftverkehr zum Teil nach Polen ausgelagert und e-mails werden sogar von Germanistikstudenten in Singapur bearbeitet.

    Da die Sprachkenntnisse nicht denen von Muttersprachlern entsprechen sind die Ergebnisse dementsprechend manchmal grotesk bis mies - aber Hauptsache der Gewinn ist maximiert und der dumme Kunde macht es ja auch mit.

    Das Gejammer über den miesen Service ist dann groß aber die Zeitung darf auch nichts kosten und die Zustellung sollte am besten auch noch kostenlos sein.

    3 Leserempfehlungen
    • Dlugi
    • 01. März 2013 10:10 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur mit konstruktiven Kommentaren. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

  6. Das Geschäftsmodell hat mE fast nur Vorteile für alle Beteiligten.
    - die Arbeit wird entgegen häufiger Kritik in hervorragender Qualität und mit hoher Motivation geleistet (es geht dabei nicht nur um Geldersparnis, gute Sekretärinnen in Deutschland sind sehr rar geworden). Insbesondere die deutschen Spachkenntnisse dürften bei den "Germanistikstudenten in Singapur" häufig besser sein als bei den Absolventen der deutschen Schulsysteme.
    - die gezahlten Löhne/Arbeitskosten (selbständige Tätigkeit!) sind meiner Kenntnis nach eher im oberen Bereich der jeweiligen Länder.
    - Rechtliche Grauzonen können überall im Arbeitsleben entstehen, meist übrigens zum Nachteil der Arbeitgeber. Steuererklärungen darf natürlich jedermann ausfüllen, unterschreiben und einreichen muß der Steuerpflichtige.
    - eine "Auftragsgarantie" (gemeint ist wohl Einkommensgarantie) kann nur jemand vermissen, dessen Denken sich vollständig im Arbeitnehmerverhältnis bewegt. Jeder "kleine" Selbständige (zB Einzelhandel) kennt die Tage, an denen kein Kunde kommt und kein Auftrag. So ist das natürlich auch im hier angesprochenen Geschäftsmodell.

    usw.

    mfg GH

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also Sie koennen mal so spassesweise Werbung damit machen, dass Sie als Nicht-Steuerberater Steuererklaerungen fuer Dritte gewerblich ausfuellen. Machen Sie es einfach und Sie werden sehen was passiert. Das Problem ist doch folgendes, selbst ein Start-up Unternehmen hat Konkurrenten, die sich ggf. eine deutsche Sekretaerin leisten koennen. Nun hat das Start-up Unternehmen aber einen Kostenvorteil, den das etablierte Unternehmen nur ausgleichen kann, indem es seine Sekretaerin feuert und auch eine Sekretaerin in Vietnam beschaeftigt (Da sind 5 EUR/h wahnsinnig viel Geld). Und wenn man die Sache weiterdenkt, werden im Extrem eben alle deutschen Sekretaerinnen arbeitslos, diese muessen aber durch die verbliebenden deutschen Arbeitnehmer finanziert werden, was wiederum die Loehne erhoeht, so dass dann als naechstes der Anreiz besteht noch mehr virtuelle Arbeitsplaetze in Billiglohnlaendern zu verlagern (das kann alles moegliche sein, wenn man Fantasie hat). So dreht sich diese Spirale dann weiter. Gleichzeitig wird die Nachfrage in DE zwangslaeufig, wegen des geringeren BIP zurueckgehen und wenn das Start-up nicht zufaelligerweise fuer das Ausland produziert, wird es deshalb ggf. zugrunde gehen. Dann sind alle Verlierer.
    Aber Sie werden schon recht haben, am besten waere die Welt, jeder Arbeitnehmer wuerde als selbststaendiger Hungerloehner sein Dasein verbringen. Deshalb waren die Menschen im 18-19 Jahrhundert in Manchester alle so gluecklich.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Callcenter | Ebay | Euro | Hardware | Service | Irland
Service