Zukunft der Arbeit"Die Schwachen könnten untergehen"

Die Arbeitswelt gehört künftig der Crowd, sagt der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani. Er warnt vor einer digitalen Leistungsgesellschaft, die Schwache ausschließt. von 

ZEIT ONLINE: Herr Al-Ani, in Ihrem neuen Buch prophezeien Sie das Ende von Chefs und Festanstellungen. Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Ayad Al-Ani: Ich glaube, dass die klassische Hierarchie in Unternehmen ihren Höhepunkt erreicht und vielleicht sogar überschritten hat. Viele Mitarbeiter fühlen sich nicht motiviert und wertgeschätzt. Sie wollen eine Tätigkeit ausüben, die ihnen sinnvoll erscheint und auf die sie Lust haben. Weil sie keine Erfüllung im Job finden, bringen sie ihre Talente eben anderswo ein. Sie arbeiten dann in ihrer Freizeit an Projekten, oft auf virtuellen Plattformen, gemeinsam mit Menschen aus anderen Ländern. In solchen virtuellen Kollaborationsräumen entstehen etwa Softwareanwendungen und Designs, Dienstleistungen und Produkte, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Das macht den Unternehmen Konkurrenz. Die reagieren mit einem Kampf um ihre Eigentumsrechte – oder aber sie versuchen, die freien Produzenten und ihre Dienstleistungen für sich zu nutzen.

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ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Ayad Al-Ani
Ayad Al-Ani

Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani lehrte an der Hertie School of Governance in Berlin, war er Partner bei Accenture, Geschäftsführer Accenture Österreich und Rektor ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin. Heute beschäftigt er sich vor allem als Zukunftsforscher mit dem digitalen Wandel und hat mit Tebble ein Beratungsunternehmen gegründet, das Unternehmen dabei hilft, die Chancen des digitalen Wandels für sich zu nutzen. Al-Ani forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) auf dem Gebiet der internetbasierten Innovatione.

Al-Ani: Das Linux-Projekt ist ein Standardbeispiel für eine Software, die von der Crowd entwickelt wurde und Firmen wie etwa Microsoft ordentlich Konkurrenz gemacht hat. Einige Unternehmen wissen die Produktivität der Masse zu nutzen. Amazon etwa vermarktet die Rezensionen seiner Nutzer. Auch Hotelbewertungsplattformen verdienen mit dem Wissen der Masse ihr Geld, viele Medien veröffentlichen Artikel von Lesern, die kostenlos schreiben.

ZEIT ONLINE: Inhalte, die von Usern erstellt werden, müssen immer noch weiterverarbeitet und veredelt werden. Da muss eine Firma erst einmal investieren, ehe sie damit Geld verdienen kann.

Al-Ani: Das ist richtig. An der Schnittstelle zwischen den freien Produzenten, den sogenannten Peers, und den Unternehmen werden sich Dienstleister etablieren. Sie werden wie Makler arbeiten. So bündeln etwa Innovationsplattformen die Fähigkeiten Tausender Kreativer für Aufgabenstellungen in Unternehmen. Hier bieten sowohl Profis als auch Amateure ihre Produkte und Dienstleistungen an. Unternehmen müssen sich vorher aber gut überlegen, was sie an so eine Plattform auslagern können und wollen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Führungskräfte?

Al-Ani: Für Manager wird in Zukunft eine Schlüsselfrage lauten: Wie steuert man die Crowd und ihre Innovationsfähigkeit? Wie bekommt man diese freien Produzenten dazu, etwas zu entwickeln, das mein Unternehmen gerade braucht? Woher hole ich mir das Expertenwissen? Die Manager von morgen werden Kommunikations- und Motivationsexperten sein. Sie müssen in den Communities vernetzt sein.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass wir eine Transformation von einer Push- zu einer Pull-Ökonomie erleben. Was meinen Sie damit?

Al-Ani: Es wird zu einem Hyperwettbewerb kommen, in dem langfristige Wettbewerbsvorteile nicht mehr umsetzbar sein werden. Heute müssen immer schneller Fähigkeiten identifiziert und neu kombiniert werden, um den Mitbewerber zu attackieren. Das Management wird sich die nötigen Ressourcen deshalb auch von einer autonom produzierenden, nicht direkt beeinflussbaren Crowd holen müssen – mit immer offenem Endergebnis. Einige Beispiele gibt es heute schon. Computerfirmen beispielsweise stellen ihre Fragen an IT-Fachforen, der Spülmittelhersteller Pril wollte ein neues Logo über Social Media entwickeln lassen. Jeder konnte einen Designentwurf einbringen, über den dann im Netz abgestimmt wurde. Den Wettbewerb gewann das sogenannte Pril-Hähnchen. Das Unternehmen setzte diesen Vorschlag nicht um. Dafür wurde es mit einem Shitstorm bestraft.

Leserkommentare
  1. damit ist das Problem bestens beschrieben. Ständige Produktivität und Effizienz ist der Gott des Morgen.

    "Es wird wohl viel mehr Selbstständige und viel weniger Festangestellte geben. Firmen werden sich die Mitarbeiter suchen, die gerade benötigt werden. Das erhöht die Flexibilität der Unternehmen, schmälert die Beschäftigungssicherheit........Der Druck auf den Einzelnen wird groß sein. Weil er ständig produktiv sein muss...."

    Es wird keine Absicherungen geben, der "Schwache" wird untergehen.

    Schöne neue Welt. Irgendwer wird es wieder schönreden. Traurig.

    17 Leserempfehlungen
    • edgar
    • 14. März 2013 19:17 Uhr

    Seite 1 "Die Schwachen könnten untergehen"
    Seite 2 "Die Biographien werden brüchiger"

    Ad.1 könnten ???
    Ad.2 werden ???

    Das ist doch schon Realität ....

    22 Leserempfehlungen
  2. Das allermeiste, was in Deutschland hergestellt wird, hat mit Software nichts zu tun und kann nicht in die crowd ausgelagert werden.
    Nicht die Bandarbeit in der Autofabrik, oder das Bettenmachen im Hotel, nicht der Transport der Waren von einem Ort zum anderen, nicht das Herstellen und Veredeln von Nahrungsmitteln ...

    Man muss sehr enge Scheuklappen für das eigene Fachgebiet haben, um solch eine These zu wagen.
    Laberbacke-für-Laberbacken-Literatur. Komplett irrelevant.

    14 Leserempfehlungen
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    • Oyamat
    • 15. März 2013 0:12 Uhr

    Vielleicht hilft es, sich zu erinnern, daß nicht alles explizit gesagt werden muß? Etwa, daß Arbeitsplätze durch Automatisierung verschwinden?

    Die Crowd muß keine Brötchen backen - das macht der Backvollautomat, inklusive Einschweißen und in Kartons einfüllen. Die Crowd muß keine Autos bauen - das macht die Fertigungsstraße. Die Crowd muß keine Straßen asphaltieren - das macht die Truppe autonomer Straßenbauwagen, vorne hobelt einer des alten Asphalt weg und sammelt ihn zur Wiederverwertung, dann wirft der zweite frischen Asphalt ab und der dritte walzt ihn platt. Dann kommt noch einer mit der Wasserkühlung und der letzte malt die Striche wieder hin.

    Veredeln von Nahrungsmitteln können heute schon Großmaschinen. Häuser bauen noch nicht, aber was sollte passieren, das verhindert, daß das auch noch kommt?

    Soziale Tätigkeiten werden noch am längsten Widerstand dagegen leisten können, aber auch dort werden längst technische Hilfsmittel eingesetzt, um menschliche Arbeit zu ersetzen. Sänftenträger braucht eben kein Mensch, wenn es elektrische Rollstühle gibt. Verkäufer werden durch vom Kunden zu bedienende Scanner ersetzt. Lehrer werden schlimmstenfalls eben durch youtube-Videos abgelöst.

    Al-Ani thematisiert das nicht, aber es ist doch längst gut zu beobachten. Und nach den sozialen Tätigkeiten bleibt dem Menschen kaum noch etwas, das er besser kann als Geräte. Kreativ sein allerdings ist noch so eine Nische.

    MGv Oyamat

    ... ist das alles kalter Kaffee, denn dies wurde alles schon zur dot.com-Blase prophezeit.

    Der Mensch ist eben noch Mensch.

    Sollen wir uns etwa virtuell fortpflanzen?

    Virtuell essen?

    Häuser bauen?

    Oder laden wir uns abends in die Cloud, um morgens mit einem frischen Software-Update downgeloadet zu werden?

    Logischerweise wird weiter computerisiert und automatisiert - aber ich sehe da viel eher eine Parallelbewegung in der Cloud.

    Das die gesamte Arbeitswelt virtualisiert wird, ist schlicht die Vision eines überkandidelten Technikfanatikers, da haben Sie recht.

  3. ...10% aller Arbeitskräfte hinter sich und das wird sich in der Zukunft nicht viel ändern.
    Die meisten arbeiten im Tertiärsektor und der stellt nicht nur die meisten Menschen ein (um die 70% wenn ich mich richtig erinnere) er hat auch den größten Anteil am BIP.
    In Zukunft wird man allein schon wegen der Demografie genau dort mehr Menschen brauchen.
    Natürlich wird das Internet einen großen Beitrag dazu leisten, aber letzten Endes kann man da mit virtuellen Plattformen kaum helfen, das ist noch gute alte Handarbeit, wie im Handel, im Transport, im Tourismus, Altenpfege, medizinische Versorgung etc.
    Virtuelle Plattformen die über Länder oder Kontinente spannen wird es geben und das ist auch gut so, aber es werden mehrheitlich Freizeitbeschäftigungen, Hobbyprojekte bleiben. Vielleicht wird der eine oder andere damit auch Geld verdienen aber das wäre eher ein Nebeneffekt.
    Die meisten Menschen in der Zukunft werden auch wie bisher ihr Geld mit Handarbeit verdienen und das in Vollzeit mit Festeinstellung weil es immer weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt geben wird die diese Jobs machen wollen...

    6 Leserempfehlungen
  4. ...aber hier haben wir es doch mit einem klassischen Tunnelblick zu tun. Natürlich kommt es in der IT-Arbeitswelt eher auf geistige Leistungen an, als auf Maschinen und Produktionsabläufe. Dank dem Internet und der immer weiter fortschreitenden Vernetzung kann ich mittlerweile praktisch von überall arbeiten. Aber auch wenn die IT immer wichtiger wird, sind wir doch nicht der Nabel der Welt. Der Großteil aller Arbeitskräfte in Deutschland wird auch weiterhin den üblichen Arbeitsregeln folgen - da kann man doch nicht Kulturen aus der IT als Vergleich heranziehen.
    Nebenbei: Der Vergleich mit der Linux-Welt hinkt ungemein. Kein Manager muss und wird als "Makler" zwischen der "Crowd" und seinen Projekten fungieren müssen. Wenn ein bestimmtes Betriebssystem benötigt wird, werden bestehende Systeme für diesen Zweck angepasst. Diese mögen zwar von der "Crowd" entwickelt worden sein, Support und Development (für den Unternehmenszweck) müssen aber weiterhin von professionellen Dienstleistern, die vertraglich gebunden sind, erbracht werden. Oder glaubt der Herr Wissenschaftler ernsthaft, ich würde im Falle eines Fehlers erstmal gemütlich in Foren und Chats um Hilfe bitten und mich entspannt in meinem Stuhl zurücklehnend auf eine Antwort warten, während meine Kunden mir die Tür eintreten?
    Natürlich wünschen sich alle (!) Arbeitnehmer mehr Wertschätzung. Das deutsche Motto "Nicht getadelt ist gelobt genug" ist nicht gerade motivierend. Aber dieser Text hat mit der Realität nichts zu tun

    12 Leserempfehlungen
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    Die Sache wird scheitern. Sie liegen mit Ihrer Einschätzung völlig richtig Michael-Steiner. Wissenschaft ist mit Sicherheit eine wichtige Sache.Wissenschatler, die sich im Elfenbeinturm verlaufen haben und nicht einmal mehr durch die virtuellen Schiessscharten in das wirkliche Leben blicken, sind nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern für die Wirtschaft und die Gesellschaft.

  5. Schirrmacher hat schon recht, dass alle Lebensbereiche kompatibel zum digitalen/ rechnerischen Erfassen gemacht werden. Überall sollen sich die Menschen der Software anpassen und nicht umgekehrt! Nennt sich euphemistisch "Sachzwang"...;) Kann sich Thomas Assheuer nicht einmal auf diesen Themenkomplex stürzen?!!

    Bezeichnend, wie wenig Kommentare dieser Artikel generiert. Für die ZO-Community und wohl auch Teile der Redaktion ist Thema Nr.1 offensichtlich "homo oder hetero", gähn:))))))

    3 Leserempfehlungen
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    Danke, auf Schirrmacher wollte ich auch gerade verweisen, "Ego- Das Spiel des Lebens", sehr lesenswert - und erschreckend. Seine These ist zwar nicht zwingend, aber die Schlussfolgerungen beschreibend erschreckend präzise, was um uns herum geschieht.

    Bisher ist die Software leider noch so, dass wir uns ihr anpassen müssen. Die einzige Lösung (die nicht vollkommen unrealistisch rückwärtsgewandt ist) ist es, bessere Software zu entwickeln, dich sich eben auf die Bedürfnisse und Arbeitsweisen des Menschen einstellt.

    Das ist sicher auch ein Hauptziel aller Software-Entwickler.

    Es hilft nicht viel diese Entwicklung zu bejammern, denn eine Technologie die einmal in der Welt ist, wird nicht wieder verschwinden, sondern sich mit der fortschreitenden Entwicklung immer weiter verbreiten, auch wenn es letztendlich schädlich ist. Das ist fast wie ein Naturgesetz.

    Ich hoffe, dass die Technologie sich in ihrer Entwicklung zunehmend uns anpasst. Leider bleibt einem in dieser Situation nur der Zweckoptimismus.

  6. Danke, auf Schirrmacher wollte ich auch gerade verweisen, "Ego- Das Spiel des Lebens", sehr lesenswert - und erschreckend. Seine These ist zwar nicht zwingend, aber die Schlussfolgerungen beschreibend erschreckend präzise, was um uns herum geschieht.

    6 Leserempfehlungen
    • eSight
    • 14. März 2013 21:08 Uhr

    hat es geschafft, Darwin zu zitieren -.-

    Btw, Es fehlt an Fachkräften in der IT und zwar ganz gewaltig, Gute Informatiker gibt es nicht in Massen. Bis 2015 werden europaweit geschätzt 700000 Stellen aufgrund fehlender Arbeitskräfte im IT Sektor nicht besetzt sein.

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