ZEIT ONLINE: Herr Al-Ani, in Ihrem neuen Buch prophezeien Sie das Ende von Chefs und Festanstellungen. Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Ayad Al-Ani: Ich glaube, dass die klassische Hierarchie in Unternehmen ihren Höhepunkt erreicht und vielleicht sogar überschritten hat. Viele Mitarbeiter fühlen sich nicht motiviert und wertgeschätzt. Sie wollen eine Tätigkeit ausüben, die ihnen sinnvoll erscheint und auf die sie Lust haben. Weil sie keine Erfüllung im Job finden, bringen sie ihre Talente eben anderswo ein. Sie arbeiten dann in ihrer Freizeit an Projekten, oft auf virtuellen Plattformen, gemeinsam mit Menschen aus anderen Ländern. In solchen virtuellen Kollaborationsräumen entstehen etwa Softwareanwendungen und Designs, Dienstleistungen und Produkte, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Das macht den Unternehmen Konkurrenz. Die reagieren mit einem Kampf um ihre Eigentumsrechte – oder aber sie versuchen, die freien Produzenten und ihre Dienstleistungen für sich zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Al-Ani: Das Linux-Projekt ist ein Standardbeispiel für eine Software, die von der Crowd entwickelt wurde und Firmen wie etwa Microsoft ordentlich Konkurrenz gemacht hat. Einige Unternehmen wissen die Produktivität der Masse zu nutzen. Amazon etwa vermarktet die Rezensionen seiner Nutzer. Auch Hotelbewertungsplattformen verdienen mit dem Wissen der Masse ihr Geld, viele Medien veröffentlichen Artikel von Lesern, die kostenlos schreiben.

ZEIT ONLINE: Inhalte, die von Usern erstellt werden, müssen immer noch weiterverarbeitet und veredelt werden. Da muss eine Firma erst einmal investieren, ehe sie damit Geld verdienen kann.

Al-Ani: Das ist richtig. An der Schnittstelle zwischen den freien Produzenten, den sogenannten Peers, und den Unternehmen werden sich Dienstleister etablieren. Sie werden wie Makler arbeiten. So bündeln etwa Innovationsplattformen die Fähigkeiten Tausender Kreativer für Aufgabenstellungen in Unternehmen. Hier bieten sowohl Profis als auch Amateure ihre Produkte und Dienstleistungen an. Unternehmen müssen sich vorher aber gut überlegen, was sie an so eine Plattform auslagern können und wollen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Führungskräfte?

Al-Ani: Für Manager wird in Zukunft eine Schlüsselfrage lauten: Wie steuert man die Crowd und ihre Innovationsfähigkeit? Wie bekommt man diese freien Produzenten dazu, etwas zu entwickeln, das mein Unternehmen gerade braucht? Woher hole ich mir das Expertenwissen? Die Manager von morgen werden Kommunikations- und Motivationsexperten sein. Sie müssen in den Communities vernetzt sein.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass wir eine Transformation von einer Push- zu einer Pull-Ökonomie erleben. Was meinen Sie damit?

Al-Ani: Es wird zu einem Hyperwettbewerb kommen, in dem langfristige Wettbewerbsvorteile nicht mehr umsetzbar sein werden. Heute müssen immer schneller Fähigkeiten identifiziert und neu kombiniert werden, um den Mitbewerber zu attackieren. Das Management wird sich die nötigen Ressourcen deshalb auch von einer autonom produzierenden, nicht direkt beeinflussbaren Crowd holen müssen – mit immer offenem Endergebnis. Einige Beispiele gibt es heute schon. Computerfirmen beispielsweise stellen ihre Fragen an IT-Fachforen, der Spülmittelhersteller Pril wollte ein neues Logo über Social Media entwickeln lassen. Jeder konnte einen Designentwurf einbringen, über den dann im Netz abgestimmt wurde. Den Wettbewerb gewann das sogenannte Pril-Hähnchen. Das Unternehmen setzte diesen Vorschlag nicht um. Dafür wurde es mit einem Shitstorm bestraft.

"Die Biographien werden brüchiger"

ZEIT ONLINE: Wo liegt dann der Nutzen, wenn so etwas letztlich sogar zu einem Imageschaden führen kann?

Al-Ani: Unternehmen sind oft schon zu schlank und abgemagert, um Innovationen, Dienstleistungen und Produkte von eigenen Mitarbeitern entwickeln zu lassen. Aber natürlich arbeiten die Peers auch nicht umsonst – zumindest dann nicht, wenn ihre Ideen kommerzialisiert werden oder wenn ihre Arbeitsmittel wie etwa eine Software nicht mehr frei verfügbar sind, weil sie kommerzialisiert werden.

ZEIT ONLINE: Was bedeuten diese Entwicklungen für den Arbeitsmarkt?

Al-Ani: Es wird wohl viel mehr Selbstständige und viel weniger Festangestellte geben. Firmen werden sich die Mitarbeiter suchen, die gerade benötigt werden. Das erhöht die Flexibilität der Unternehmen, schmälert die Beschäftigungssicherheit. Outsourcing, Projektarbeit, verstärkter Einsatz von Freiberuflern, Konkurrenz durch User, die selber Inhalte erstellen und Amateure – alles das findet heute schon statt. In den USA mit ihrer Hire-and-Fire-Mentalität ist dieser Prozess bereits viel stärker vorangeschritten. Trotzdem arbeiten viele freiwillig als Selbstständige. Wenn man jederzeit gefeuert werden kann, ist es besser, auf eigenen Beinen zu stehen. Da hat man sein Schicksal zumindest selbst in der Hand.

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen hat das für den Arbeitnehmer?

Al-Ani: Insgesamt werden die Biographien brüchiger und wahrscheinlich auch schwieriger. Der Einzelne ist auf sich gestellt und muss sich selbst absichern. Es sind ganz ambivalente Entwicklungen. Einerseits arbeiten wir global miteinander vernetzt zusammen, andererseits wird alles stärker individualisiert. Der Druck auf den Einzelnen wird groß sein. Weil er ständig produktiv sein muss, ist er auch auf ständige Weiterbildung angewiesen. Darum wird sich auch unser Lernen verändern.

ZEIT ONLINE: Wie?

Al-Ani: Es wird normal sein, auch im höheren Alter noch etwas ganz Neues zu lernen – und zwar ebenfalls auf virtuellen Plattformen in einem globalen Kontext. Man braucht nicht mehr unbedingt eine physische Universität. Lerninhalte werden digitalisiert, Vorlesungen und Trainings sind online möglich. In der IT-Branche ist es heute schon normal, sich punktuell für das jeweilige Projekt bestimmtes Wissen anzueignen. Die große Frage wird sein: Was geschieht mit denen, die nicht mehr produktiv sein können, die nicht mehr mithalten können oder einfach nur eine Phase der Stabilität brauchen?

ZEIT ONLINE: Was geschieht mit ihnen?

Al-Ani: Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen durchsetzen könnte. So wird etwas Druck vom Individuum genommen – der Einzelne wäre dann wirklich frei, sich zu entfalten und produktiv zu sein. Es könnte eine Welt entstehen, in der der einzelne seinen Talenten und Neigungen folgen und etwas Sinnvolles tun kann. Wenn keine Absicherungsmaßnahmen getroffen werden, existiert aber das Risiko, dass es eine brutale Leistungsgesellschaft wird, in der die Schwachen untergehen.