FrauentagSchafft einen Gleichstellungstag

Der internationale Frauentag zeugt von einem überholten Verständnis vom Geschlechterkampf. Wir sollen einen anderen Tag begehen, fordert Tina Groll. von 

Ausgerechnet Rainer Brüderle hat etwas Überraschendes geschafft: Er hat Männer und Frauen entzweit. Seit der Sexismus-Debatte, die sich an ihm entzündet hat, überziehen sich Männer und Frauen gegenseitig mit kollektiven Schuldzuweisungen. Die Frauen glauben, dass ihre Wut nicht ernst genommen wird. Die Männer fühlen sich zu Unrecht einem Generalverdacht ausgesetzt.

Dabei sind beide Geschlechter eigentlich einig: Sie wünschen sich mehr Gleichberechtigung, sie wollen Erfüllung und Erfolg im Beruf, finanzielle Sicherheit und auch Familie. Und beide sagen, dass die Gleichstellung der Geschlechter kein Frauenproblem ist, sondern eine Frage, die alle Menschen betrifft.

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Doch irgendwas läuft schief. Noch immer sehen sich viele Frauen als Opfer. Noch immer bestimmen die traditionellen Vorstellungen davon, wie Jungen und Mädchen zu sein haben, die Berufs- und Partnerwahl. Mädchen wählen schlechter bezahlte Frauenberufe, Jungen besser bezahlte Männerberufe. Noch immer heiraten Frauen häufig einen Partner, der scheinbar über ihnen steht. Noch immer sehen sich Männer als Ernährer und Beschützer. Noch immer zeigen die Medien Frauen oft als Opfer oder dekoratives Beiwerk und Männer als aggressive Akteure. Noch immer schaffen nur wenige Frauen den Aufstieg in Machtpositionen, noch immer müssen sich Hausmänner und Vollzeitväter gefallen lassen, dass ihre Männlichkeit infrage gestellt wird.

Die Philosophin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir hat 1949 gesagt, Frauen würden nicht nur als Mädchen geboren, sondern vor allem dazu gemacht. Das gilt auch für Männer. 

Kollektive Schuldzuweisungen führen uns nicht weiter

Beide Geschlechter erfahren Diskriminierung, wenn sie sich in die traditionelle Domäne des anderen Geschlechts begeben.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Die kollektiven Schuldzuweisungen, die es in der Sexismus-Debatte gegeben hat, bringen uns also nicht weiter; ebenso wenig übrigens die unreflektierte Vermischung von Diskriminierung mit Straftaten wie sexueller Gewalt.

Weiterbringen würde es uns vielmehr, wenn Männer und Frauen gemeinsame neue Lebensentwürfe suchen und gesellschaftliche Teilhabe, Macht und Zugang zu Entscheidungspositionen gerecht untereinander aufteilen würden. Dafür ist es wichtig, dass sich die Männer genauso an Aktionen und Diskussionen beteiligen wie die Frauen.

Der heutige Tag könnte ein Anlass sein, ehrlich, ernsthaft und mit gegenseitigem Respekt über Gleichstellung zu sprechen. Allerdings wäre es nach 102 Jahren an der Zeit, den internationalen Frauentag umzubenennen: Er wäre dann der erste internationale Tag der Gleichstellung.

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Leserkommentare
    • ngw16
    • 08. März 2013 10:40 Uhr

    Gleichstellung hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun.
    Sondern ist faktisch das Gegenteil davon.

    Gleichberechtigung, ohne wenn und aber: Ja
    Gleichstellung: Nein

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    sie führt nur nicht zu faktischer Gleichbehandlung.
    Das ist ja das Dilemma.

    In Teilbereichen sind Maßnahmen zur Gleichstellung vielleicht sinnvoll.
    Es gibt aber auch reichlich persönliche Entscheidungen, die zur Ungleichheit führen.
    Warum arbeiten so viele Frauen, kaum daß sie Kinder bekommen, freiwillig in Teilzeit? Und bleiben dabei, auch wenn die Kinder größer werden?
    Während gleichzeitig die Väter Extra-Überstunden machen, um den Einkommensverlust wettzumachen.
    Warum wählen Mädchen immer noch Ausbildungsberufe, in denen sie absehbar wenig verdienen werden und der Arbeitsmarkt prekär ist?
    Und mit dem "nach-oben-verpartnern" tun sich Männer schwer, dabei würde es sie in ihrer zugewiesenen Rolle als Familienernährer entlasten.

    Man kann es gar nicht oft genug richtigstellen.

    • Lefty
    • 08. März 2013 10:43 Uhr

    Danke,Frau Groll,Sie haben in jeder Beziehung Recht.Dem ist nichts hinzufügen.

    6 Leserempfehlungen
  1. Aber international werden Frauen vielfach immer noch als knapp über Tieren angesiedelt gesehen. Die wären schon froh, wenn sie nicht beliebig vergewaltigt werden können. Für die ist der Geschlechterkampf bittere Realität. Dieser Frauen zu Gedenken ist der Sinn dieses Tages.

    28 Leserempfehlungen
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    "Dieser Frauen zu Gedenken ist der Sinn dieses Tages."

    Da bin ich bei Ihnen, aber schauen Sie sich doch mal in Deutschland um! Wird da gegen Mißständen in anderen Ländern protestiert? Nein, es wird um Vorstandsposten in DAX-Konzernen gerungen.

    "Viele Frauen sehen sich imemr noch als Opfer" (aus dem Artikel).
    Weil viele Frauen auch immer noch Opfer sind, oftmals Opfer brutalster, widerwärtigster Gewalt.

    Und nein, es geht nicht nur um Vorstandsposten. Auch wenn die Debatte gern darauf reduziert wird. Es geht auch darum, dass es bei Anzeige einer Vergewaltigung nicht mehr heisst "Die wollte es doch auch". Es geht darum, sich nicht kleiner machen zu müssen, sich nicht verstecken zu müssen. Es geht um Anerkennung eines der einfachsten Menschenrechtes - das Recht auf Unversehrtheit. Dieses Recht haben Millionen von Frauen und Mädchen weltweit nicht. Wir leben im 21. Jahrhundert und trotzdem in viel zu vielen Ländern Zustände wie im schwärzesten Mittelalter.

    raybird erinnert in wunderbar klaren Worten daran, dass diesem Rechtsanspruch, das universell sein sollte, heute gedacht werden soll.
    Es gibt noch so viel zu tun, und einer der ersten und schwersten Schritte ist Mädchen und Frauen weltweit Mut zu machen -überall, egal ob in Indien wo neugeborene Mädchen immer noch in den Abwassergraben geworfen werden, oder in Buxtehude, wo sich eine Frau nicht aus einer gewalttätigen Beziehung lösen kann.

    Gewalt gegen Frauen ist überall. Dagegen finde ich den Internationalen Frauentag, der viel mehr ist als nur ein Zeichen, nach wie vor wichtig.

  2. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Die Redaktion/au

    3 Leserempfehlungen
  3. durch den Wortteil "Gleichstellungs" ersetzt wid wie in

    "Frauenbeauftragte " - "Gleichstellungsbeauftragte"

    "Frauentag" - "Gleichstellungstag"

    ändert sich genau was? Das Wort "Gleichstellung" hat mittlerweile aus Sicht der Männer eine Bedeutung angenommen, die mit ihnen nichts oder allenfalls soviuel zu tun hat, dass im Namen dieses Wortes denselben Verdächtigungen und Anforderungen ausgesetzt werden wie zuvor.

    Solnge Männer den Eindruck haben, dass sie eh nichts zu sagen haben (und hier in der ZEIT entsprechend zensiert wird bei DIESEM Thema) geht jeder Wortgebrauch an ihnen vorbei.

    Erinnert irgendwie an die schönen Färbungen, die das Wort "Gleichheit" im Sozialismus angenommen hatte. Es ist immer eine bestimmte hegemoniale Gruppe, die über den Inhalt der Wort bestimmt. Den Beherrschten aber wird die Sprache so verkauft, als wäre es auch die ihre.

    Doch die Menschen sind nicht dumm. Schlimmstenfalls verzichten sich ganz darauf, zu sprechen. Immer noch besser, als sich Worten auszuliefern, über deren Bedeutung man selbst nicht verfügt, durch deren Gebrauch man sich also unterwirft unter etwas, worüber man noch nie befragt oder gehört worden ist.

    Demokratie geht anders.

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    • sneug
    • 08. März 2013 16:58 Uhr

    eine kleine anmerkung zum anfang - die frauenbeauftragte heißt offiziell gleichstellungsbeauftrage (zumindest in öffentlichen einrichtungen) und ja dabei sollte man es auch belassen, denn durchaus kann auch eine nicht-frau diskriminiert werden, leider wird das viel zu oft unter den teppich gekehrt!
    wo ich Ihnen jedoch vehement widersprechen muss, ist bei der these "Solange Männer den Eindruck haben, dass sie eh nichts zu sagen haben (und hier in der ZEIT entsprechend zensiert wird bei DIESEM Thema) geht jeder Wortgebrauch an ihnen vorbei." - Frage: WO genau soll das denn so sein? führungspositionen sind vorrangig weiterhin von männern besetzt (und nein ich möchte nicht sagen, dass die männer schuld haben), das impliziert doch, dass sie was zu sagen haben?! männer sind auch weiterhin im schnitt die mehr-verdiener innerhalb der familie (was wiederum impliziert, dass sie durchaus was zu sagen haben!).
    bitte verwechseln Sie nicht "was-zu-sagen-haben" mit "sich-auch-was-sagen-lassen"
    FAKT ist doch, dass es eine lösung nur dann geben kann, wenn auf allen ebenen geredet und zugehört und nachgedacht/reflektiert wird!

  4. eine kleine Korrektur noch - ein Gleichberechtigungstag wäre noch angebrachter als ein Gleichstellungstag.
    Wir dürfen es unseren Mitmenschen überlassen, dass sie sich das Lebensmodell ihrer Wahl aussuchen, solange keine dritten dabei zu Schaden kommen.
    Die Ansicht von Frau Simone de Beauvoir ist leider schon etwas veraltet. Auch die Soziologie hat erkannt, dass man nicht durch die Erziehung und das Umfeld jedem das seine Rollenbild aufdrücken kann.

    Die Geschichte von David/Brenda muss sich nicht wiederholen:
    http://www.bbcgermany.de/EXKLUSIV/programm/sendung_271.php

    6 Leserempfehlungen
  5. allein mir fehlt der Glaube

    Über was schreibt Frau Groll sonst so zur Gleichstellung/Gleichberechtigung der Vertreter BEIDER Geschlechter?
    http://www.tina-groll.de/Themen/Gleichstellung
    Wie Frauen sich wehren können,
    Frauen in der Arbeitswelt - gläserne Decke für Frauen,
    Frauenquote,
    Frauen in Medien

    23 Leserempfehlungen
  6. Mädchen wählen schlechter bezahlte Frauenberufe, Jungen besser bezahlte Männerberufe.

    Wie wollen Sie das ändern? Mit einem Umerziehungslager?

    Hoffentlich nicht.

    Wie wäre es damit, die Menschen zu Akzeptieren?

    Ich schlage einen Akzeptanz-Tag vor.

    20 Leserempfehlungen
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    Die Umerziehungslager gibt es schon. Man nennt sie "Girls' Day". Und als Pendant dazu, um Jungs in subalterne, schlechter bezahlte Berufe zu drängen, seit neuestem auch den "Boys' Day".

    Meiner Meinung sollte der Stadt zwar dafür sorgen, dass jede Person unabhängig von ihrem Geschlecht jeden Beruf anstreben kann. Er sollte aber nicht kraft seines vermeintlichen überlegenen Wissens oder aufgrund irgendwelcher ideologischer Vorbehalte versuchen, die Berufswahl selbst beeinflussen.

    Man könnte es ändern, indem man z.B. die Berufe besser bezahlt, oder Frauen ermutigt besser bezahlte Berufe zu wählen, statt auf einen Ernährer zu warten.

    Viele Frauen müssen lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Das bedeutet auch: Einen Beruf zu wählen, der einen ernährt, sofern man da Optionen hat. Das "sich verlassen auf andere" muss aufhören! Das ist Abhängigkeit. Dafür brauchen wir kein Umerziehungslager- nur Logik!

    Ich kann und will nicht akzeptieren, dass es Menschen -im besonderen Frauen- erlaubt wird, den einfachsten Weg zu gehen und damit sehenden Auges in die Armut zu rennen. Sie müssen die Verantwortung übernehmen und hinterfragen, warum sie sich auf ein Beschäftigungsverhältnis einlassen, dass sie sich nicht leisten können (neben schlechter Bezahlung auch Teilzeitarbeit) und unter Umständen die Konsequenzen ziehen. Zu erwarten, dass Schatzi alles regelt ist verantwortungslos und unfair gegenüber dem Partner.

    Gleichberechtigung bedeutet nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Pflichten. Aber die Pflichterfüllung im besonderen wird von Frauen noch zu wenig gefordert. Erst wenn es Usus ist, dass Frauen auch berufliche Pflichten selbstverständlich übernehmen, gibt es auch weniger Ressentiments bei Führungsaufgaben.

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