Leserartikel

BerufWir brauchen eine Zivildienstpflicht

Die Abschaffung der Wehrpflicht war falsch, sagt Leser J. Wanke. Seine Berufung zum Krankenpfleger hat er dem Zivildienst zu verdanken. Diese Chance sollten alle haben. von Jeremias Wanke

Nach meinem Abitur 2010 war ich ratlos. Was kann ich? Wo liegen meine Interessen? Welchen Weg soll ich einschlagen? In dieser Situation erhielt ich meinen Musterungsbescheid, wurde für tauglich erklärt und eingezogen. Rückblickend war das ein Glücksfall.

Den Wehrdienst verweigerte ich und suchte halbherzig nach einer Stelle, um Zivildienst zu leisten. In meiner Heimat, dem Landkreis Wesermarsch, war das Angebot dürftig. Ich wurde zum Probearbeiten in ein Krankenhaus eingeladen und nahm die Stelle an, schließlich wollte ich nicht zwangsweise eine Arbeit zugewiesen bekommen.

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Dieses Krankenhaus hatte in sechs Monaten mehr Einfluss auf meine Selbstfindung und Berufswahl als zwölf Jahre Schullaufbahn und sämtliche Pflichtbesuche im Berufsinformationszentrum zuvor. Das Arbeiten auf der internistischen Station bereitete mir mehr Freude, als ich mir jemals hätte vorstellen können.

Menschen waschen und engen Kontakt mit fremden Körperflüssigkeiten haben? Bei dieser Vorstellung hätte zu Schulzeiten müde gelächelt. Doch nun verlängerte ich meinen Zivildienst um drei weitere Monate und bewarb mich um einen Ausbildungsplatz zum Krankenpfleger. Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Seit 2011 bin ich Krankenpfleger in Ausbildung und gehe gerne zum Dienst.

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Der Zivildienst hat mir geholfen, meinen Weg zu finden. Dass er mit dem Wehrdienst abgeschafft wurde, halte ich für einen Verlust. Zum einen für Menschen wie mich, die nach der Schule Orientierung suchen. Zum anderen aber auch, weil wir angesichts des akuten Pflegenotstands auf die Chance verzichten, junge Menschen für soziale Arbeit zu begeistern.

Der Zivildienst als staatsbürgerliche Pflicht für Männer und Frauen könnte mit Stellenangeboten im Ausland auch internationalen und europäischen Austausch fördern. Jenen, die nicht wollen, könnte die Option des Wehrdienstes als Ersatzleistung angeboten werden.

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Leserkommentare
  1. großer rundumschlag: vom eigenen als glücklich empfundenen werdegang über ein bedauern der abschaffung der wehr/zivildienspflicht und dann auch noch zur forderung einer allgemeinen dienstpflicht kommen

    anmaßend. selbst wenn noch "sachzwänge" geltend gemacht werden.

    verstehe nicht, wie man derartige ketten assoziieren kann.

    38 Leserempfehlungen
    • persef
    • 15. März 2013 13:20 Uhr

    Auch ich habe einige Bekannte, die den beruflichen Weg ins Soziale gefunden haben durch ihre Erfahrungen beim Zivi.

    Mir selbst war es "dank" T5 nicht vergönnt das Jahr zu haben. Meine anfängliche Freude darüber ist über das Zusehen bei Freunden aber bald der Erkenntnis gewichen, dass das eine Jahr Selbstfindung mit angeschlossener Verantwortungslehre dem Einzelnen sehr viel bringt.

    6 Leserempfehlungen
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    • Otto2
    • 15. März 2013 14:07 Uhr

    Ich will nicht bestreiten, dass in Ihrem oder einigen anderen Fällen es so war, wie Sie es beschreiben. Bei Lichte besehen ist es das gleiche Argument, dass die Befürworter der Wehrpflicht anführten, um diese zu erhalten. (Zur Erinnerung: Es hieß, man bräuchte unbedingt die Wehrpflicht, um geeignetes Personal für die Karriere als Berufsoldat zu interessieren.)
    Außerdem, ist Ihr Argument untauglich, weil diese Forderung (rein logisch)dann jeder Beruf, in dem es einen Mangel an geeigneten Bewerbern gibt, berechtigterweise erheben könnte.
    Es besteht auch die Gefahr, dass diese Art Zivis als Lohndrücker ausgenutzt werden, weil die Betreiber von Pflegeheimen Lohnkosten an den Zivis sparen und diese unter Umständen ungewollt auch als Lohndrücker gegenüber regulären Angestellten ausgenutzt werden.

    • persef
    • 15. März 2013 15:09 Uhr

    Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenswelten mit anderen Prioritäten. In meinem Umfeld kam Bundeswehr für niemanden in Frage, da niemad Lust hatte, von Idioten umgeben im Flecktarn durch Schlamm zu robben, nur um dabei angeschriehen zu werden. Eine drastische Einstellung, aber es war so;p

    Karrierepläne, im sozialen Bereich gab es aber auch nicht, wenn überhaupt gab es technische Ambitionen. Immerhin bei 4 Leuten (von 10) hat der Zivi dann die Richtung geändert.

    Der Aspekt, dass viele nach der Schule noch keine konkreten Pläne haben ist mE auch nicht zu unterschätzen. Auch wenns nicht im sozialen Bereich endet, man hat immerhin noch einmal ein Jahr Zeit sich Gedanken zu machen.

    Auch ich habe mich anfänglich über meine "Untauglichkeit "gefreut und musste dann in späteren Jahren immer mehr feststellen,dass mir da wohl etwas entgangen war. Die persönliche Erfahrung eines Sozial-Engagements ist eine zutiefst menschliche. Aber als junger dummer Hüpfer versteht man das noch nicht. Heute kann ich nur jedem jungen Menschen raten, sich sozial zu engagieren. Rotes Kreuz, Feuerwehr, THW, Altenpflege, Schülerbetreuung, es gibt viele Möglichkeiten. Und es hilft beim Erwachsenwerden. Und wer einsam ist und Freunde braucht, hier findet er sie.

    Der Verfasser des Artikels hat nicht recht, wenn er den Ersatzdienst wieder zur Pflicht machen will. Aber er hat darin recht, dass dieser Pflichtdienst früher sicher in vielen Fällen sinnstiftend war. Und ich pflichte ihm auch darin bei, dass man sich überlegen sollte, zwischen dem Ende der Ausbildung und dem Beginn des Berufs ein soziales Jahr für beide Geschlechter dazwischen zu schalten. oder auch später, wenn man im Beruf bereits erfolgreich war. Der Gedanke ist, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben.

    Sie hätten sich doch gern freiwillig sozial betätigen dürfen, um nicht so benachteiligt zu werden.

  2. 3. [...]

    [...]

    Btw: Ich bin dafür ein Zwangsjahr Informatik einzuführen, denn das mache ich gerne und bin der Meinung, dass auch jeder andere Deutsche mit der Informatik zwangsbeglückt werden muss.

    PS: Für die berufliche Selbstfindung gibt es Praktika. Warum gibt es eigentlich keinen Aufschrei bei solchen Artikeln, in denen Zwangsarbeit und Aberkennung fundamentaler Rechte wie das der Freizügigkeit gefordert wird?

    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    55 Leserempfehlungen
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    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Zwangsarbeit greift fundamental in Grundrechte ein und wäre daher höchstens bei einem schwerwiegenden Notstand, der mit grundrechtsschonenderen Mitteln nicht zu bewältigen wäre, vorübergehend zu dulden.

    Ich bin entsetzt, wie wenig über Grundrechte bekannt ist, wenn Zwangsarbeit aus volkspädagogischen Gründen auch nur in Erwägung gezogen werden kann.

    "PS: [...] Warum gibt es eigentlich keinen Aufschrei bei solchen Artikeln, in denen Zwangsarbeit und Aberkennung fundamentaler Rechte wie das der Freizügigkeit gefordert wird?"

    Weil sich jeder über 18 sicher sein kann, dass er davon nicht betroffen sein wird.

    Gängelungen nur für Andere sind für die Nicht-Betroffenen doch sehr angenehm.

    • ptk
    • 15. März 2013 13:32 Uhr
    5. Absurd

    Nur weil der Zivildienst in Einzelfällen zur Selbstfindung beigetragen hat soll nun jedermann Zwangsarbeit leisten. Das ist wirklich absurd. Jeder, der Orientierung sucht, kann ja freiwillig den Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Nur weil ich meine Erfüllung im Physikstudium gefunden habe, fordere ich nicht das Pflichtphysikstudium für alle.

    Es gibt durchaus gute Argumente für einen Pflichtdienst, auch wenn ich ihn nicht befürworte. Das hier präsentierte ist jedoch keines.

    Ein ehemaliger Zivi

    22 Leserempfehlungen
  3. Nur, weil einige Jugendliche Probleme mit der Berufsfindung haben, müssen wir doch nicht allen Männern, die das nicht haben, ganze Jahre ihres Lebens stehlen. Für diese problematischen Jugendlichen braucht man dann andere Angebote, aber doch keine, bei der allen anderen Jahre ihres Berufslebens geraubt werden, nur damit die Spätzünder gleichgestellt werden. Das kann nicht ein Ziel von Förderung sein.

    Ungefähr zweihundert Staaten auf der Welt schaffen es ohne Zivildienst - der im Endeffekt durch Lohndumping, was er ja war, die Jobs in dem Bereich sogar unattraktiver gemacht hat. Klar, Zivildienstleistende durften nie "echte" Jobs erledigen und gefährden. Wir haben gelacht.

    Zangswerbung hingegen braucht die Bundeswehr - die hat nämlich echte Probleme, Nachwuchs zu gewinnen. Wenn, dann so rum. Ach, und wenn wir mal wieder zuwenige Ingenieure oder Finanzbeamten haben, dann müssen alle Jugendlichen diese Jobs auch für ein Jahr zum Dumpinglohn erledigen; vielleicht findet ja der eine oder andere Gefallen daran.

    12 Leserempfehlungen
    • 可为
    • 15. März 2013 13:43 Uhr

    war es schon zu meiner Zivi-Zeit, fühlte sich auch so an, und wird es auch wieder wenn sowas verpflichtend eingeführt würde!

    [...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    9 Leserempfehlungen
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    • 可为
    • 15. März 2013 14:04 Uhr

    für den Staat, die Gesellschaft, das Kollektiv ist etwas was sich nur in echt kommunistischen Staaten finden lassen sollte - i.e. Nordkorea oder Kuba

    Das ist systembedingt nicht mit freiheitlichen Ansichten bei uns vereinbar; ein Punkt in dem sich das GG vor der Abschaffung m.E. nach selbst widersprach.

    aber das zu behaupten ist Nonsen !

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Abitur | Arbeit | Ausbildung | Ausbildungsplatz | Berufswahl | Heimat
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