MitarbeitermotivationTrällern für den Teamgeist

Wer zusammen singt, kann auch zusammen arbeiten. Das ist die Idee von Gesangscoachings für Teams und Firmenhymnen. Das kann auch schiefgehen. von 

Die Mitarbeiter beim kanadischen Blackberry-Hersteller Research in Motion sind unzufrieden: Tausende Kollegen verloren ihren Job, der Verkaufsstart des neuen Blackberrys wurde um Monate verschoben, der Konzern steckt tief in der Krise. Was tun?, fragten sich im vergangenen Jahr drei hochrangige Manager des Unternehmens. Kurzerhand griffen sie zu Mikro, Gitarre und Keyboard, dichteten das Lied "Keep on loving you" der US-Band REO Speedwagon um und produzierten für ihre Angestellten ein Musikvideo. Der Tenor des Songs: Alles wird gut. Blackberry liebt euch.

Dass die Führungsriegen von deutschen Firmen wie ThyssenKrupp, Volkswagen oder der Deutschen Bahn in Krisenzeiten je zu einem solchen Mittel greifen werden, scheint kaum vorstellbar. Dennoch: Singen steht inzwischen auch bei den deutschen Unternehmen hoch im Kurs. Das gemeinsame Trällern soll die Gemeinschaft und die Identifikation mit dem Unternehmen stärken. Manche Konzerne lassen sich dafür eine eigene Firmenhymne komponieren, andere laden sich externe Trainer ein.

Anzeige

So auch die Kölner Firma Alpha Trains. Einmal im Jahr fahren die 70 Mitarbeiter zusammen weg. Anfangs arbeiten sie in Workshops, später klettern sie gemeinsam, bauen Türme und Flöße, fahren Kanu – alles, um den Teamgeist zu fördern. Warum eigentlich nicht mal Singen?, dachte sich die Mitarbeiterin Simone Strempel im vergangenen Jahr und schlug es ihrem Chef vor.

Zusammen singen, zusammen arbeiten

"Ich habe die Idee zurückgewiesen", sagt Shaun Mills, der Kopf von Alpha Trains. Dank der Beharrlichkeit seiner Mitarbeiterin stimmte er schließlich doch zu und lud Adrienne Morgan Hammond und Bettina Dölken ein. Die Musikerin und die Trainerin haben die Firma TeamSing gegründet – und bieten ein ungewöhnliches Teamcoaching an. Ihre Klienten sollen zusammen singen. "Darüber lernen sich die Menschen besser kennen und wachsen in kürzester Zeit zu einem Team zusammen", sagt Bettina Dölken. Viele hätten anfangs großen Respekt vor dem Singen. "Wir ermuntern sie dann, über ihren eigenen Schatten zu springen." Die Idee: Wer Seite an Seite trällern kann, arbeitet auch besser zusammen.

Dass Menschen gemeinsam während der Arbeit singen, hat schon lange Tradition. Im Mittelalter sangen sie Zunftlieder. Im 18. Jahrhundert thematisierten die Handwerker in ihren Liedern ihre Wünsche und Hoffnungen auf ein besseres Leben. Während der Industrialisierung entstanden die Arbeiterlieder, in denen die Menschen die Ausbeutung und den Klassenkampf besangen. Zur selben Zeit wurden die ersten Werkschöre gegründet, in denen nach Feierabend das Liederbuch aufgeschlagen wurde.

Ein besonderes Merkmal dieser Lieder: In der Regel dachten die Arbeiter sich selbst die Texte aus. Heute gibt es eine entgegengesetzte Form des Gesangs: die sogenannte Firmenhymne. "Firmenhymnen sind eine Managementmethode, mit denen die Führungskräfte die Mitarbeiter an das Unternehmen binden wollen", sagt der Kulturwissenschaftler Rudi Maier von der Fachhochschule St. Gallen.

Und das haben die deutschen Firmen anscheinend bitter nötig: In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Gallup gaben rund ein Viertel der deutschen Arbeitnehmer 2012 an, keine emotionale Bindung zum Arbeitgeber zu haben. Die Folge: demotivierte Angestellte, schlechte Arbeitsergebnisse. Die Firmenhymnen sollen helfen, dies zu ändern.

Leserkommentare
  1. ...ich sehe meine Mitarbeiter und Vorgesetzte unter der Woche öfter als meine Frau, meine Kinder und meine Freunde - und die drei konnte ich mir aussuchen.
    Das bischen Freizeit das ich habe will ich wirklich nicht damit verbringen, eine Hymne auf meinen Arbeitgeber zu singen.
    Teamarbeit ist sowieso überschätzt.
    Es ersetzt fachlichche Kompetenz mit sozialer.
    Die wahre Leistung bringt jeder Einzelne für sich allein. Tatsächlich wird ein engagierter Mitarbeiter vom Team ausgebremst. Er selbst ist mit seinen Aufgaben oft nämlich schon längst fertig und will weiter machen, aber nein, er muss ja auf seine schwächeren Teamkollegen warten, damit die ganze Sache eine Teamleistung bleibt. Dabei spielt es dann überhaupt keine Rolle, ob er alleine effektiver arbeiten könnte, Hauptsache, das Team hat zusammengearbeitet.
    Ich bin meinem Arbeitgeber dankbar das er mich eingestellt hat, dafür bekommt er meine Leistung und ich am Ende des Monats meinen Gehalt und wir sind wieder quit. Am nächsten Ersten fängt diese Beziehung von vorne an.
    Emotional gebunden bin ich mit Menschen die ich in meinem und die mich in ihrem Leben haben wollen - gesungen habe ich nur mit meinen Töchtern bis diese mich baten damit aufzuhören :-)

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Lyaran
    • 18. März 2013 8:10 Uhr

    Aber in vielen Bereichen kann ein einzelner Arbeiter nicht alleine die Aufgaben erledigen und muss eben im Team arbeiten. Wenn der einzelne dabei eventuell 20% Arbeitsleistung einbüst aber 5 Kollegen 10% gewinnen dient das der Teamleistung und somit der Aufgabe. Dazu muss man eben etwas sein Ego nach hinten stellen aber man kann sich ja klarmachen anderen geholfen zu haben.

    Das ganz scheint mir aber nur ein weiterer Gag der externen Berater. Alter Wein in neuen Schläuchen aber bestens bezahlt. Was als nächstes? "Mensch ärgere dich nicht" um Konfliktfähigkeit im Team zu verbessern?

    Aber zugegeben: Der Manager von RIM singt besser als 80% der Sänger die von Zeit online in der Musikspalte als großer neuer Hype vorgestellt werden :)

  2. Identifikation mit dem Unternehmen entsteht, wenn dieses Mitarbeiter fair behandelt, und wenn in schweren Zeiten das Management eher bei sich selbst die Gürtel enger schnallt als Kollegen zu entlassen.

    Doch vielleicht gibt es tatsächlich Naivlinge, die sich stattdessen von solchen "gecoachten" Managementeinfällen, wie im Artikel beschrieben, geistig über den Tisch ziehen lassen. Ich fände soetwas hochgradig peinlich und demütigend.

    19 Leserempfehlungen
    • Lyaran
    • 18. März 2013 8:10 Uhr

    Aber in vielen Bereichen kann ein einzelner Arbeiter nicht alleine die Aufgaben erledigen und muss eben im Team arbeiten. Wenn der einzelne dabei eventuell 20% Arbeitsleistung einbüst aber 5 Kollegen 10% gewinnen dient das der Teamleistung und somit der Aufgabe. Dazu muss man eben etwas sein Ego nach hinten stellen aber man kann sich ja klarmachen anderen geholfen zu haben.

    Das ganz scheint mir aber nur ein weiterer Gag der externen Berater. Alter Wein in neuen Schläuchen aber bestens bezahlt. Was als nächstes? "Mensch ärgere dich nicht" um Konfliktfähigkeit im Team zu verbessern?

    Aber zugegeben: Der Manager von RIM singt besser als 80% der Sänger die von Zeit online in der Musikspalte als großer neuer Hype vorgestellt werden :)

    Antwort auf "Auch das noch..."
  3. Nein danke - ein Grund mehr, dass ich meine Freiberuflichkeit zu schätzen weiß.
    Viele Leute singen schlichtweg nicht gern, genauso wie andere ungern Sport machen. Dann soll man sie auch lassen. Die anderen können sich ja zum Singen oder zum Fußballspielen oder zum Bowling verabreden, dafür brauchen sie aber keine Coaches. Und für mich als Deutsche ist das Singen von Hymnen - inklusive des hier angesprochenen Bindungsgedankens - leider auch immer noch arg negativ besetzt.

    4 Leserempfehlungen
  4. bitte verschont mich mit innovativen Gehirnwäsche Methoden und
    leitet das Geld für den externen Coach oder Hymnen-Komponisten einfach auf die Gehälter der Mitarbeiter um. Das ist Motivation Genug.

    p.s. Und nur so am Rande, es ist nicht einfach Namen auswendig zu lernen (geschweige den Teamgeist aufzubauen) von Mitarbeitern die nach 3-6 Monaten eh nicht mehr in der Abteilung arbeiten ;)

    4 Leserempfehlungen
  5. "Wir schuften gern für die Company!
    Die Überflieger Company!
    Sie schindet dich gern bis zum tot!
    Bist du erstmal alt ist die pension rausgeknalt und dein büro wird dann dein sarg!
    Unsere Company die Überflieger Company,
    aber jetzt wird wieder etwas geschafft!!"

    -Postal-Movie-

    2 Leserempfehlungen
  6. ... aber in Deutschland haben Firmen die aus den USA kommen mit dieser Methode keinen Erfolg. Ob nun bei Nokia, Heinz o.ä. Firmen, die meisten Mitarbeiter, finden das bescheuert, hassen es förmlich und noch mehr, dass man sich mit der Firma identifizieren "muss" (die meisten arbeiten hier eher zum leben, nicht für das "opfern" in der Arbeitswelt).

    Sicher gibt es auch einige Menschen, die begeistert mit in der Reihe stehen, aber das sind auch genau die Menschen, die bei allen Events ganz vorne in der ersten Reihe stehen und jubeln. Meine Erfahrung und meine Bekannten haben mich eher eins gelehrt:
    Deutsche sind beim Thema Hymnen und Singen für eine Gruppe seit sicher über 50 Jahren sehr, sehr skeptisch geworden. Diese Gruppenmentalität kann z.B. funktionieren in den USA, wie das Beispiel "die Welle" zeigte, aber in Deutschland, da ist es glücklicherweise sehr schwer, weil wir noch eher Individualisten sind, keine Schulhymnen singen und auch sonst wenig "Stolz" für etwas entwickeln, oder anders: Wir sind keine Borgs.

    Also liebe Experten, achtet auf die Mentalität der Bevölkerung, sonst werdet ihr schnell hohe Fluktuationen im Job haben als ihr glaubt! Für mich klingt das alles zu sehr nach Scientology und ähnlichen Ideologien!

    6 Leserempfehlungen
  7. und Menschen dazu zwingen, sie zu singen?

    Mal sehen, welche Assoziationen da so freischwingend kommen.
    Mobutu? Nordkorea? Hitler?

    Übrigens meine ich mich zu erinnern, dass irgendeine Firma das vor vielen Jahren schon einmal probiert hat, und dummerweise hat dann jemand den Song an die Titanic geleakt, kann das sein? Ich kann es nicht finden, meine mich aber zu erinnern, damals sehr gelacht zu haben.

    Einzige Hoffnung: Bevor solche Sachen einreissen, auf einer Managementebene angekommen zu sein, die sich erlauben kann, fein zu lächeln und zu sagen, "ich singe nicht.". Oder doch vorher die Revolution.

    Muss mir noch überlegen, was von beidem besser wäre.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service