Blockierte Wirbelsäule, Schmerzen im Gelenk? Der Nacken steif, die Schultern verspannt? Wenn der Bewegungsapparat schwächelt, ist Hilfe meist nicht weit: Spätestens an der übernächsten Straßenecke gibt es eine Physiotherapie: Dienstbare Fachkräfte für Körpermobilität bitten dort die Gepeinigten auf ihre Pritschen, erfragen das Befinden und eliminieren mit geübten Handgriffen Blockaden und Verhärtungen. Ihr Netz ist dicht geknüpft: In deutschlandweit mehr als 36.000 Praxen dienen Therapeuten der Beweglichkeit. Die Branchenbücher sind voll, in manchen Stadtvierteln gibt es mehr Physio-Praxen als Bäcker, Apotheken oder Drogeriemärkte.

Auch in dörflichen Regionen ist der Bedarf groß, weil der Landarzt die alternden Patienten gern zur Krankengymnastik schickt, wenn das Budget gerade nichts anderes zulässt. So wird in Deutschlands Physiotherapien gegen Rezept oder Bares mobilisiert, eingerenkt, gekräftigt, gelindert – oft unter Zuhilfenahme von Ultraschall und Wärmepacks. An sechs Tagen pro Woche, für gestresste Vielarbeiter gern auch bis in die Abendstunden hinein.

Das Wohlgefühl des Patienten beim Verlassen der Pritsche ist Ergebnis einer knallharten Kalkulation – zulasten der Therapeuten. Die Praxen müssen aufwändig um Kunden werben – mit großen Lettern an den Fensterscheiben und einem breiten Therapieangebot von Massage, Lymphdränage und Krankengymnastik über Manuelle Therapie und Osteopathie. Hinzu kommen Geldbringer-Produkte wie Ölgüsse, Hot-Stone- oder Honig-Mandel-Massagen.

Fortbildung am Wochenende, montags wieder zum Patienten

Doch die Ausbildungsstellen vermitteln angehenden Physiotherapeuten davon kaum etwas. Obwohl die Fachschüler bis zu 350 Euro im Monat zahlen, erwerben sie den Großteil ihres Könnens erst nach ihrer Berufsausbildung – ebenfalls auf eigene Kosten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Neben vielen Wochenendkursen für 250 bis 300 Euro sind Manuelle Therapie und Lymphdränage am häufigsten nachgefragt – beides sind unverzichtbare Fertigkeiten für alle, die einen Job wollen. Svenja Brackmann, angestellte Physiotherapeutin in Berlin, schob nach der Physio-Schule eine Zwei-Jahres-Fortbildung in Manueller Therapie nach – für 3.000 Euro. Einen Kurs in Lymphdränage zahlte zwar das Arbeitsamt, die 37-Jährige nutzte dafür aber die Elternzeit ihres Kindes, um ihre Praxis nicht zu belasten.

Der Wissensdurst ist enorm: Die Weiterbildungspläne der Praxen und Kliniken sind gut gefüllt, manche Physiotherapeutin hat im Jahr nur elf Nettogehälter zur Verfügung, weil sie das zwölfte an Fortbilder überweist. In anderen Branchen übernimmt der Arbeitgeber diese Kosten oder organisiert Seminare intern, weil die Unternehmen davon profitieren. Physiotherapeuten zahlen dagegen selbst – und reichlich, vollständiger Kostenersatz ist nahezu undenkbar. Sie reisen Hunderte von Kilometern zu Kursen, für die sie Erholungsurlaub nehmen oder das Wochenende nutzen. Montag stehen sie dann wieder am Patienten.

"Man muss seinen Beruf richtig gern machen, um diese Opfer zu bringen", sagt Svenja Brackmann. "Ich fühle mich nach jedem Kurs neu bereichert." Sie hat Glück: Ihre derzeitige Chefin zahlt die meisten Fortbildungen, die Praxis im Boom-Bezirk Prenzlauer Berg läuft bestens. Doch das ist die Ausnahme. Während bei Medizinern die entbehrungsreiche Facharztausbildung nach wenigen Jahren endet, ist die Selbstausbeutung bei Therapeuten ein Dauerzustand.

Solches Samaritertum gehört seit Jahren zum Selbstverständnis der Branche: "Physiotherapeuten sind so von ihrem Beruf überzeugt, dass sie ein Maximum an Wissen mitnehmen wollen", sagt Frank Dudda, Geschäftsführer des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V. "Die Rentabilität steht dabei im Hintergrund." Selbstironisch spottet das Weiterbildungsforum auf physio.de über die "Lieblingsbeschäftigung der Physiotherapeuten". Andere lassen Selbstkritik durchklingen: "Wir sind so blöd, es so zu machen", sagt ein Gesundheitsarbeiter schroff und frustriert.

Kliniken und Praxen profitieren von dem Wissenszuwachs der Mitarbeiter aber nur wenig, weil durch deren hinzugewonnene Kompetenz kaum zusätzlich Geld in die Kasse kommt. Für eine Manuelle Therapie kann eine Praxis im Bundesschnitt nur 11 Cent pro Minute mehr abrechnen als für eine herkömmliche Krankengymnastik. Die Fortbildung dafür zieht sich aber über drei Jahre hin und kostet bis zu 4.000 Euro. Die bei Schlaganfallpatienten gefragte Bobath-Therapie ist ähnlich teuer, bringt aber sogar noch weniger ein als die traditionelle Krankengymnastik.

Die Tricks der Fortbildungsanbieter

Profiteure sind die Fortbildungsanbieter. Für sie sind die Absolventen ein gewaltiger Markt: In fingerdicken Katalogen offerieren sie Kurse von Atemtherapie bis Sensomotorik. Und stoßen auf reges Interesse: In den Ballungszentren sind die Angebote oft Monate vorher ausgebucht. Denn leitende Physiotherapeuten sind zur Weiterbildung gesetzlich verpflichtet – und die Untergebenen ziehen willig nach. Das stärkt die Nachfrage. 

Trickreich sichern sich Anbieter ihre Einnahmen, indem sie unter einem Dach Schüler ausbilden und Fortbildungskurse anbieten. "Da versuchen Unternehmen in Einzelfällen womöglich, sich spätere Einnahmen zu sichern", sagt Andrea Heinks vom Verband ZVK. Manch Kursleiter trachtet zudem nach persönlicher Gewinnmaximierung: Statt für den 300 Euro teuren Wochenendkurs schriftliche Seminarunterlagen auszuhändigen, bot ein Referent das von ihm verfasste Fachbuch an, für weitere 70 Euro, wie eine Teilnehmerin berichtete.