Stress : Wie stellt der Chef Überlastung bei Mitarbeitern fest?

Die Mitarbeiter klagen über zunehmenden Stress. Hat die Belastung wirklich zugenommen? Wie Arbeitgeber das messen können, erklärt Sabine Hockling.

Die Klage meiner Mitarbeiter über zunehmenden Stress macht mich unsicher. Wie kann ich die Belastung in meinem Betrieb messen?, fragt Mark Borchert, Hotelier.

Sehr geehrter Herr Borchert,

Sie sollten nicht allein die Belastungen in Ihrem Betrieb messen, sondern zugleich geeignete (Präventions-)Maßnahmen angehen, die individuell auf Ihre Mitarbeiter zugeschnitten sind.

Stress ist auf Dauer schädlich. Er führt nicht nur zu einer Reihe körperlicher Erkrankungen, sondern vor allem zu psychischen. Die meisten Betroffenen werden das Thema ihrem Arbeitgeber gegenüber nicht offen ansprechen. Auch wenn mittlerweile eine gewisse Sensibilität in der Öffentlichkeit besteht: Die allermeisten Mitarbeiter fürchten sich vor negativen Konsequenzen, wenn sie sich als psychisch krank outen. Dabei ist es gerade bei diesen komplexen Erkrankungen äußerst wichtig zu reagieren, denn sie führen meist zu langen Fehlzeiten.

Während Sie die physischen Belastungen in Ihrem Betrieb relativ einfach identifizieren können, wird es bei den psychischen Belastungsfaktoren schon schwieriger. Der TÜV SÜD beispielsweise hat dafür das Instrument Balance-Check entwickelt. Mitarbeiter füllen anonym einen Fragebogen aus, der sehr viele Themenbereiche umfasst. Dazu zählen etwa Handlungsspielraum, der Spaß an der Arbeit und ihre Vielseitigkeit, die vorherrschende Transparenz im Unternehmen und Möglichkeiten zur Mitsprache. Auch sozialer Rückhalt, Zusammenhalt unter den Kollegen und das Betriebsklima spielen eine wichtige Rolle. Und dann natürlich die eigentliche Belastung: Arbeitsinhalt, Arbeitsmenge und Arbeitsprozesse, eine gesunde Arbeitsumgebung und Arbeitsschutz. Auch die Vergütung und die Entwicklungsmöglichkeiten sind wichtig. In einer idealen Arbeitswelt sind alle diese Punkte gesund und so gestaltet, dass der Mitarbeiter seine Arbeit gut erledigen kann. Diskrepanzen werden aufgedeckt, indem man die reale Situation damit abgleicht. Dabei zeigt sich dann auch, wo Verbesserungen nötig sind.

Mitarbeiter sollten Mitspracherecht bei Verbesserungen haben

Wird mit allen Mitarbeitern der Balance-Check durchgeführt, dürfte sich ein realistisches Bild von der Belastungssituation in Ihrem Betrieb zeigen. Die Ergebnisse sollten Sie dem ganzen Team vorstellen – das schafft Transparenz. Diskutieren Sie mit Ihren Mitarbeitern, welche individuellen Maßnahmen geeignet sind. Auf Grundlage dieser Analyseergebnisse können Sie dann einen Plan erstellen.

Hier sollten sowohl die Mitarbeiter mit ihren Wünschen und Vorstellungen als auch die vorhandenen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wichtig: Am Ende muss jeder Mitarbeiter wissen, was konkret umgesetzt werden soll. Wer hier mit einem Expertenteam einsame Entscheidungen trifft, handelt kontraproduktiv. In Betrieben mit Betriebsrat muss zudem dieser von Anfang an informiert und in die Entscheidungen einbezogen werden.

Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie "Chefsache". Immer freitags spricht sie mit Managementexperten über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, das Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Und nicht alle Probleme und Defizite sind ad hoc zu beseitigen. Daher sollten Unternehmen regelmäßig (beispielsweise jährlich) die Belastungen messen und gegebenenfalls neu priorisieren. Neben dem Balance-Check vom TÜV SÜD gibt es weitere Instrumente zur Belastungsmessung. Der Copenhagen-Psychosocial-Questionnaire-Fragebogen (COPSOQ) zum Beispiel misst ebenfalls die psychischen Belastungen. Außerdem ist aufgrund der COPSOQ-Datenbank, die über 100.000 Antworten von Befragten enthält, eine länderübergreifende Vergleichbarkeit der Belastungen nach Berufsgruppen möglich. Die Beurteilung von Arbeitsinhalten, Arbeitsorganisation, Mitarbeiterführung und Sozialen Beziehungen (BAAM®) ermittelt anhand von drei Stufen die arbeitsbedingten psychischen Belastungen und wie sie abgebaut werden können.

Ihre Sabine Hockling

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