StressWie stellt der Chef Überlastung bei Mitarbeitern fest?

Die Mitarbeiter klagen über zunehmenden Stress. Hat die Belastung wirklich zugenommen? Wie Arbeitgeber das messen können, erklärt Sabine Hockling. von 

Die Klage meiner Mitarbeiter über zunehmenden Stress macht mich unsicher. Wie kann ich die Belastung in meinem Betrieb messen?, fragt Mark Borchert, Hotelier.

Sehr geehrter Herr Borchert,

Sie sollten nicht allein die Belastungen in Ihrem Betrieb messen, sondern zugleich geeignete (Präventions-)Maßnahmen angehen, die individuell auf Ihre Mitarbeiter zugeschnitten sind.

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Stress ist auf Dauer schädlich. Er führt nicht nur zu einer Reihe körperlicher Erkrankungen, sondern vor allem zu psychischen. Die meisten Betroffenen werden das Thema ihrem Arbeitgeber gegenüber nicht offen ansprechen. Auch wenn mittlerweile eine gewisse Sensibilität in der Öffentlichkeit besteht: Die allermeisten Mitarbeiter fürchten sich vor negativen Konsequenzen, wenn sie sich als psychisch krank outen. Dabei ist es gerade bei diesen komplexen Erkrankungen äußerst wichtig zu reagieren, denn sie führen meist zu langen Fehlzeiten.

Chefsache: Fragen von Führungskräften

Wie gelingt gute Personalführung und was zeichnet einen fairen Chef aus? Jede Woche, immer freitags, beantwortet die Management-Expertin Sabine Hockling in der Serie "Chefsache" Fragen von Führungskräften.

Schreiben Sie uns (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Während Sie die physischen Belastungen in Ihrem Betrieb relativ einfach identifizieren können, wird es bei den psychischen Belastungsfaktoren schon schwieriger. Der TÜV SÜD beispielsweise hat dafür das Instrument Balance-Check entwickelt. Mitarbeiter füllen anonym einen Fragebogen aus, der sehr viele Themenbereiche umfasst. Dazu zählen etwa Handlungsspielraum, der Spaß an der Arbeit und ihre Vielseitigkeit, die vorherrschende Transparenz im Unternehmen und Möglichkeiten zur Mitsprache. Auch sozialer Rückhalt, Zusammenhalt unter den Kollegen und das Betriebsklima spielen eine wichtige Rolle. Und dann natürlich die eigentliche Belastung: Arbeitsinhalt, Arbeitsmenge und Arbeitsprozesse, eine gesunde Arbeitsumgebung und Arbeitsschutz. Auch die Vergütung und die Entwicklungsmöglichkeiten sind wichtig. In einer idealen Arbeitswelt sind alle diese Punkte gesund und so gestaltet, dass der Mitarbeiter seine Arbeit gut erledigen kann. Diskrepanzen werden aufgedeckt, indem man die reale Situation damit abgleicht. Dabei zeigt sich dann auch, wo Verbesserungen nötig sind.

Mitarbeiter sollten Mitspracherecht bei Verbesserungen haben

Wird mit allen Mitarbeitern der Balance-Check durchgeführt, dürfte sich ein realistisches Bild von der Belastungssituation in Ihrem Betrieb zeigen. Die Ergebnisse sollten Sie dem ganzen Team vorstellen – das schafft Transparenz. Diskutieren Sie mit Ihren Mitarbeitern, welche individuellen Maßnahmen geeignet sind. Auf Grundlage dieser Analyseergebnisse können Sie dann einen Plan erstellen.

Hier sollten sowohl die Mitarbeiter mit ihren Wünschen und Vorstellungen als auch die vorhandenen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wichtig: Am Ende muss jeder Mitarbeiter wissen, was konkret umgesetzt werden soll. Wer hier mit einem Expertenteam einsame Entscheidungen trifft, handelt kontraproduktiv. In Betrieben mit Betriebsrat muss zudem dieser von Anfang an informiert und in die Entscheidungen einbezogen werden.

Sabine Hockling
Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie Chefsache. Seit 2014 im neuen Format: Immer freitags spricht sie mit der Managerin Linda Becker über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, der Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Und nicht alle Probleme und Defizite sind ad hoc zu beseitigen. Daher sollten Unternehmen regelmäßig (beispielsweise jährlich) die Belastungen messen und gegebenenfalls neu priorisieren. Neben dem Balance-Check vom TÜV SÜD gibt es weitere Instrumente zur Belastungsmessung. Der Copenhagen-Psychosocial-Questionnaire-Fragebogen (COPSOQ) zum Beispiel misst ebenfalls die psychischen Belastungen. Außerdem ist aufgrund der COPSOQ-Datenbank, die über 100.000 Antworten von Befragten enthält, eine länderübergreifende Vergleichbarkeit der Belastungen nach Berufsgruppen möglich. Die Beurteilung von Arbeitsinhalten, Arbeitsorganisation, Mitarbeiterführung und Sozialen Beziehungen (BAAM®) ermittelt anhand von drei Stufen die arbeitsbedingten psychischen Belastungen und wie sie abgebaut werden können.

Ihre Sabine Hockling

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Leserkommentare
  1. 1. Kritik

    Es mag idiotisch erscheinen, im Wirtschaftsressort Kritik an ökonomistischen Beiträgen zu üben; aber das Unvermögen, die Stressbelastung seiner Angestellten zu erfassen, ist doch eher ein philosophisches Versäumnis als ein statistisches oder analytisches. "Nicht alles, was zählbar ist, zählt und nicht alles, was zählt, ist zählbar." Warum nicht einmal dieses einfache Zitat beherzigen?

    Wohl zeigt sich, dass das Geschick, Geld zu verdienen, eine ebenso überschätzte Fähigkeit ist wie das Geschick vermeintlich großer Männer der Vergangenheit, andere in den Tod zu schicken und dadurch an Macht zu gewinnen - wenn man nicht einmal imstande ist, die einfachsten menschlichen Grundregeln bzw. die Regeln guter Führung zu verinnerlichen.

    Eine Leserempfehlung
    • andkin
    • 15. April 2013 11:03 Uhr

    ... und ich frage mich, weshalb diese realität sich 2013 in artikel der zeit immer noch nicht zeigt.
    eine sehr einfache, klare, praxisnahe anleitung zur gerechten sprache finden Sie unter:
    http://www.berlin.de/impe...
    schöne grüße
    andkin

  2. Liebe andkin (vermutlich w),

    ich bekomme das blanke Entsetzen, wenn ich den Anhang Ihres Kommentars lese. Als ob man nicht genug Herausforderungen im Alltag hätte als auch noch die Sprache gleich zu stellen. Genau solche Mitmenschen (w) veranlassen bei Mitarbeitern (w) und Führungskräften (w) Augenrollen und Missverständnis, da sie sich bevormundet fühlen. Behalten Sie Ihre Selbstüberzeugung, jedoch idoktrinieren Sie bitte nicht. Durch den ständigen Fingerzeig auf eine gefühlte Ungerechtigkeit entsteht erst einmal Diskriminierung! Viel wichtiger, ob jemand geschlechtsspezifisch angesprochen wird, sollte m.E. ein geschlechtsunspezifisches Verhalten gegenüber den Mitarbeiter (m/w) sein. Ich weigere mich, aus Liebe zu einer jahrhundertelange gewachsenen Sprache, eine zwanghafte Neutralität aufzusetzen. Viel mehr stehe ich täglich in der Verantwortung (beiderseitige) Ungerechtigkeiten im Verhalten meiner Mitarbeiter auf ein produktives Niveau zu bringen.

    Es grüßt Sie recht herzlich

    Chad Kruski (m)

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Chefsache
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitgeber | Betriebsklima | Stress | TÜV | Chef
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