ZEIT ONLINE: Frau Leschber, Chirurginnen gibt es selten. Sind die Kraftakte im Operationssaal nichts für Frauen?

Gunda Leschber: Das ist Unsinn! Es mag für einige wenige Situationen gelten, etwa wenn eine Unfallchirurgin ein besonders dickes und schweres Männerbein halten muss, damit die Nägel eingeschlagen werden können. Und klar, fit sein muss man auch. Aber ich habe diese Woche auch wieder eine achtstündige Lungenoperation hinter mich gebracht. Frauen sind doch zäh!

ZEIT ONLINE: Dem Rollenklischee zufolge müssten sie bei Knochensägen und Nägeln ohnmächtig werden...

Leschber: Bei den assistierenden OP-Schwestern sagt das komischerweise niemand. Außerdem geht es gar nicht mehr grob zu im OP, die mikrochirurgischen Methoden sind viel feiner geworden und erfordern mehr Fingerspitzengefühl. Für mich ist die Chirurgie das Allerschönste. Man kann helfen, und mir ist nach 25 Jahren noch nie langweilig geworden. Jeder Mensch sieht innen anders aus und ist eine neue Herausforderung. Das ist dermaßen faszinierend!

ZEIT ONLINE: Andere Ärztinnen berichten aber, dass ihnen die männlichen Kolleginnen die fachlichen Fähigkeiten mit abschätzigen Bemerkungen absprechen.

Leschber: Klar, dumme Sprüche gibt es. Neulich habe ich aufgeschnappt, dass ein Ordinarius zu der Riege ärztlicher Mitarbeiter in seinem Gefolge sagte: "Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich jetzt mehr Frauen eingestellt habe. Es bewerben sich halt einfach keine Männer mehr!"

ZEIT ONLINE: Wie soll man da als Frau reagieren?

Leschber: So etwas überhört man einfach. Wenn man nach oben kommen will, muss man nicht nur Begeisterung aufbringen, sondern auch eine gewisse Dickfelligkeit. Frauen sind oft zu dünnhäutig und beziehen jede abfällige Bemerkung auf sich. Sie verwechseln allzu leicht Person und Sache. Ich hatte jedenfalls auf meinem Weg nach oben nie das Gefühl, dass ich benachteiligt werde. Meine Chefs waren prima.

ZEIT ONLINE: Den Aufruf von Pro Quote Medizin haben Sie trotzdem unterschrieben – warum?

Leschber: An unserer Klinik sind wir insgesamt vier Chefärzte; da sind 25 Prozent Frauenquote schnell erreicht. Aber wenn man sich die Zahlen allgemein anschaut, dann erkennt man: Es geht einfach nicht voran. Nach zehn Jahren bin ich immer noch die einzige Frau in Deutschland, die eine Thoraxchirurgische Klinik leitet. Es muss jetzt mehr Druck her. Beim jetzigen Tempo würden 450 Jahre vergehen, bis Frauen in Führungskräften gleichberechtigt vertreten sind.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es in Ihrem Fach, über das klassische Problem der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie hinaus?

Leschber: Natürlich sagt kein Chef mehr: Ich will keine Frau beschäftigen. Die Mechanismen sind heute subtiler als früher. Männer reden anders miteinander, sie haben sich ihre Rituale und Räume geschaffen. Man merkt zum Beispiel, dass manche Informationen nicht zu einem vordringen. So höre ich es immer wieder bei einer Seminarreihe für junge Kolleginnen, die ich im Berufsverband der Deutschen Chirurgen gestartet habe: "Chirurginnen auf dem Weg nach oben". Im Laufe der Zeit habe ich einen stärkeren Feministinnen-Blick entwickelt. Solange Männer die Spielregeln bestimmen, werden manche Verhaltensweisen von Frauen schräg angeschaut.

ZEIT ONLINE: Erleben Sie das auch selbst?

Leschber: Das ist schwer zu beschreiben, denn ich will auch nicht die Kollegen über einen Kamm scheren. Mit vielen gibt es ein absolut kollegiales Verhältnis. Aber je weiter man es schafft und die gläserne Decke durchstößt, desto eher sitzt man als einzelne Frau im gläsernen Käfig. Wären wir mehr, dann würde sich die ganze Kultur ändern. Deshalb ist die Quote vorübergehend wichtig.