ArbeitsbedingungenKreativer durch Lärm?

Lärm ist nicht immer schlecht, behaupten amerikanische Wirtschaftswissenschaftler. Doch wer sich ihre Studie ansieht, stellt fest: Sie ist experimenteller Blödsinn. von Ferdinand Knauß

Eine gute Nachricht für alle Großrauminsassen! Wer sich vom Gebrabbel der Kollegen und dauernder Unruhe im unmittelbaren Arbeitsumfeld in seiner Konzentration gestört fühlt, der irrt. Ja, wirklich. Lärm ist gar nicht immer schlecht für Kopfarbeiter. Im Gegenteil, er macht schöpferisch. Die Wissenschaft hat das festgestellt.

Genauer gesagt ein Assistenzprofessor für Business Administration an der University of Illinois namens Ravi Mehta und zwei Kollegen. Die Forscher kamen nach Experimenten zu dem Ergebnis, dass Menschen kreativer sind, wenn sie einem gleichmäßigen Hintergrundgeräuschpegel ausgesetzt sind. Aber wie wollen die Business Administratoren das herausgefunden haben? Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die Studie als schönes Beispiel aus dem Kuriositätenkabinett experimenteller Wirtschaftswissenschaft.

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Mehta und Kollegen haben nicht etwa versucht, die tatsächliche Kreativität von Menschen zu ergründen, die unter Dauerbeschallung durch andere Menschen arbeiten (müssen). Sie haben auch nicht gefragt, ob kreative Menschen gerne freiwillig unter Dauerbeschallung arbeiten. Und sie haben auch keine historische Untersuchung angestellt: Wie viele Romane der Weltliteratur entstanden im Kaffeehaus? Entwickelte Albert Einstein die Relativitätstheorie in einem Großraumbüro? Komponierte Mozart das Requiem, während seine Kinder um ihn herumtobten?

Nein, solche allzu realen Forschungsgegenstände taugen offenbar nicht für den Erkenntnisgewinn in der Business School der renommierten University of Illinois. Da muss ein Experiment her. Also nahm man die Geräusche einer Cafeteria auf und spielte sie in verschiedener Lautstärke Probanden vor, die währenddessen Aufgaben in einer Art und Weise erledigen sollten, die man unter Ökonomen für "kreativ" hält: Zum Beispiel sollten die Probanden, wenn sie die Wörter "Regal", "Lesen" und "Ende" hörten, auf das Lösungswort "Buch" kommen. Und das gelang ihnen bei moderaten Cafeteria-Geräuschen (70 Dezibel) besser als bei gar keinen, leisen oder lauten. Daraus folgern die Ökonomen: Lärm in Maßen fördert die Kreativität

In einem ähnlichen Experiment zeigten sich die Probanden bei moderatem Lärm geneigter, "innovative Produkte" statt traditioneller zu kaufen. Auch das werten Mehta und Kollegen als Indiz für gesteigerte Kreativität - warum auch immer.

Kreativität einfach umdefiniert

Was haben Mehta und Kollegen also tatsächlich gezeigt? Vielleicht dies: Dass man real nicht existierende künstlich erzeugte Wortspielereien und Denksportaufgaben gut lösen kann, wenn man durch Umgebungsgeräusche leicht eingenebelt und damit vom wirklichen Denken abgehalten wird. Und dass die Methoden der experimentellen Ökonomie vielleicht alles mögliche zeigen können, solange man Begriffe wie "Kreativität" nur gründlich genug umdefiniert.

Für die Personalabteilungen von Unternehmen bietet sich als Erkenntnis an: Wenn wir Leute damit beschäftigen wollen, unbedeutende Problemchen zu lösen, dann ist die Cafeteria für diese möglicherweise der richtige Arbeitsplatz. Und wenn wir neue Produkte verkaufen, dann sollten wir dem Käufer auf keinen Fall die Ruhe gönnen, die er braucht, um zu überlegen, was er damit anfangen soll.

Und was bedeutet das alles für Heimarbeiter und Einzelbüroinsassen? Nun, wenn die sich von ihrer eigenen Schöpferkraft erholen wollen, können sie einfach mal zu den armen Kollegen ins Großraumbüro gehen und dort Kreuzworträtsel oder andere Denksportaufgaben lösen. Zum Arbeiten werden sie wieder im stillen Kämmerlein verschwinden. 

Erschienen in der WirtschaftsWoche

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Leserkommentare
    • Mari o
    • 07. Mai 2013 9:42 Uhr

    nein aber bei J.S.Bach tobten die Kinder herum
    und Beethoven litt unter Tinnitus.wahrscheinlich über 70 Dezibel . Tag und Nacht.Depremierende Erkenntnis:kreative Menschen arbeiten unter allen Bedingungen kreativ.Normalsterbliche suchen ständig nach idealen Bedingungen,aber es hilft nichts.

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    • whale
    • 07. Mai 2013 11:31 Uhr

    Beispiele à la Mozart und Bach taugen nicht wirklich, denn hier haben wir es wirklich mit Ausnahmekünstlern zu tun. Biografen können vielleicht Rückschlüsse ziehen über die tatsächliche Arbeitssituation (sprangen wirklich die Kinder herum oder hielten die Ehefrauen den Geldverdiener dann doch den Rücken frei?), und es spielen sicher viele Faktoren mit hinein. Wer eine Großfamilie ernähren muss, ist ja auch zur Arbeit quasi verdammt; das mag den einen beflügeln und den anderen zur Verzweiflung treiben. Gelegenheit zu totalem Müßiggang macht jedenfalls auch nicht unbedingt kreativ...
    Ich persönlich denke, dass eine chaotische Lebenssituation kurzfristig durchaus kreativen Input geben kann, langfristig ist sie wohl eher zermürbend. So ähnlich ist das mit punktuellem Lärm - wenn's nicht grad der Presslufthammer ist. Ein bisschen Gequassel oder angenehme Musik im Hintergrund kann einen in Schwung bringen, auf Dauer - oder wenn man wirklich nachdenken muss - nerven solche Geräusche dann doch.

  1. 2. hmmmm

    Ich könnte geneigt sein, Herrn Knauß zuzustimmen, dass Kreativität hier seltsam definiert wurde.
    So wie Journalisten Wissenschaft normalerweise widergeben, wäre ich jedoch selbst hier vorsichtig, ohne die Originalarbeit gelesen zu haben.
    Aber: Den Wissenschaftlern vorzuwerfen, Experimente durchgeführt zu haben, und nicht "Kreative (...) gefragt" zu haben sowie eine "historische Untersuchung" durchgeführt zu haben, ja, auf so einen absurden Vorwurf kann nur ein Journalist der Wirtschaftswoche kommen.

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    was glänzt, dem stimme ich ja zu..
    nach überfliegen der Studie scheint mir die von Metha verwendete Methode (RAT, 1962 von Martha Mednik entwickelt) jedoch eine eher verbreitete Methode zu sein.
    Eine detaillierte Kritik der Methode wäre also auf jeden Fall informativer gewesen, als einen ihrer Benutzer durch den Kakau zu ziehen...

  2. ...was habt ihr denn da für einen Artikel übernommen? Der Schreibstil ist ja übelste Polemik und dann noch so plump, dass bei mir beim lesen das Bedürfnis aufkam die Autoren der Studie in Schutz zu nehmen.

    Und das obwohl ich eigentlich ein Freund von ruhigen Einzeplatzbüros bin.

    Die Studie hätte eine ernsthaftere Entgegnung vertragen als eine Ansammlung von Rethorischen Tricks.

    2 Leserempfehlungen
    • mazee
    • 07. Mai 2013 10:09 Uhr

    Die Operationalisierungen von Kreativität entstammen weitgehend der gängigen (psychologischen!) Literatur. Design, Durchführung und Auswertung der Experimente sind auf hohem Niveau. Selbstverständlich sollte man bei der Erforschung des Zusammenhangs von Geräuschpegel auf Kreativität und letztlich Kaufentscheidungen – das Paper erscheint im (renommierten) Journal of Consumer Research – primär auf Methoden der historischen Wissenschaften und der Japanologie zurückgreifen, da gebe ich dem Autor völlig recht ;-)

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    • Ortrun
    • 07. Mai 2013 10:54 Uhr

    @2: Die Studie ist im Artikel verlinkt.
    @3: Es ist nicht der Sinn einer Glosse...

    Ach was rede ich. Jedes mal das Gleiche: Sobald die Zeit mal eine richtig schöne Glosse bringt schreien dutzende kommentatoren "das ist aber so unsachlich..."

    @Autor: Super! Ich habe herzlich gelacht über die kreativen Formulierungen... Hoffentlich bleibt mir das Großraumbüro auch in Zukunft erspart.

    5 Leserempfehlungen
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    Der Artikel befindet sich in der Kategorie Karriere, in der Unterkategorie Beruf, als Themengebiet wird Arbeitsbedingungen angegeben und als Schlagworte Großraumbüro, Konzentration, Lärm, Ökonomie.
    Das eine Artikel eine Glosse sein soll, ist keine Entschuldigung für Unsachlichkeit, in Medien die sich als seriös sehen sollten auch nur seriöse Beiträge veröffentlicht werden.

    "@2: Die Studie ist im Artikel verlinkt."

    Ach, tatsächlich?
    Ich hatte heute morgen einfach keine Zeit, den Originalartikel zu lesen, ich musste in die Arbeit; überraschend, gell?

    • arno51
    • 07. Mai 2013 11:23 Uhr

    war es gerade so laut, könnten Sie das Ganze bitte noch einmal wiederholen?

  3. Die gestellten Aufgaben sind einfach und sehr speziell, aber ohne Kreativität nicht zu lösen. Die Versuchsanordnung erfüllt das Merkmal der Reproduizierbarkeit, würde man die Propanden in ein Kaffee setzen, könnten einzelne Ereignisse das Ergebnis beeinflussen, die sich an anderer Stelle nicht mehr reproduzieren lassen, wie z.B. geklapper mit Geschirr.
    Wie bei jedem komplexen Phänomen, kann man aus einzelnen Studien keine allgemeinen Schlüsse über ein Phänomen in jeder Situation ziehen. Dem Problem sind die Autoren sich aber bewusst, am Ende ihrer Studie weisen sie auf weitere Faktoren hin, die im Bezug auf Lärm untersucht werden sollten, wie den Einfluss von Musik, von Gesprächen und den Einfluss der verwendeten Sprache.
    Die gestellte Aufgabe kann man auch nicht beliebig komplex machen, da sonst die Gefahr besteht das andere Faktoren zu großen Einfluss gewinnen, z.B. das Wissen der Propanden.
    Der Vorschlag des Autors eine historische Untersuchung durchzuführen hat genau diese Schwächen, kein Mensch weiß unter welchen genauen Bedingungen die Romane geschrieben wurden, mit welchen Problemen der Autor sich noch rumschlagen musste und wann er die entscheidenten Ideen hatte, die können ihm schon viel früher gekommen sein, lange bevor er den Roman schreiben wollte. Ohne ein genaues Protokoll über Umgebung und Einflüsse während des Schreibens, würde eine historische Untersuchung nur sehr grobe Ergebnisse liefern.

    • whale
    • 07. Mai 2013 11:31 Uhr

    Beispiele à la Mozart und Bach taugen nicht wirklich, denn hier haben wir es wirklich mit Ausnahmekünstlern zu tun. Biografen können vielleicht Rückschlüsse ziehen über die tatsächliche Arbeitssituation (sprangen wirklich die Kinder herum oder hielten die Ehefrauen den Geldverdiener dann doch den Rücken frei?), und es spielen sicher viele Faktoren mit hinein. Wer eine Großfamilie ernähren muss, ist ja auch zur Arbeit quasi verdammt; das mag den einen beflügeln und den anderen zur Verzweiflung treiben. Gelegenheit zu totalem Müßiggang macht jedenfalls auch nicht unbedingt kreativ...
    Ich persönlich denke, dass eine chaotische Lebenssituation kurzfristig durchaus kreativen Input geben kann, langfristig ist sie wohl eher zermürbend. So ähnlich ist das mit punktuellem Lärm - wenn's nicht grad der Presslufthammer ist. Ein bisschen Gequassel oder angenehme Musik im Hintergrund kann einen in Schwung bringen, auf Dauer - oder wenn man wirklich nachdenken muss - nerven solche Geräusche dann doch.

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  • Schlagworte Großraumbüro | Konzentration | Lärm | Ökonomie
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