Arbeitsbedingungen : Kreativer durch Lärm?

Lärm ist nicht immer schlecht, behaupten amerikanische Wirtschaftswissenschaftler. Doch wer sich ihre Studie ansieht, stellt fest: Sie ist experimenteller Blödsinn.

Eine gute Nachricht für alle Großrauminsassen! Wer sich vom Gebrabbel der Kollegen und dauernder Unruhe im unmittelbaren Arbeitsumfeld in seiner Konzentration gestört fühlt, der irrt. Ja, wirklich. Lärm ist gar nicht immer schlecht für Kopfarbeiter. Im Gegenteil, er macht schöpferisch. Die Wissenschaft hat das festgestellt.

Genauer gesagt ein Assistenzprofessor für Business Administration an der University of Illinois namens Ravi Mehta und zwei Kollegen. Die Forscher kamen nach Experimenten zu dem Ergebnis, dass Menschen kreativer sind, wenn sie einem gleichmäßigen Hintergrundgeräuschpegel ausgesetzt sind. Aber wie wollen die Business Administratoren das herausgefunden haben? Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die Studie als schönes Beispiel aus dem Kuriositätenkabinett experimenteller Wirtschaftswissenschaft.

Mehta und Kollegen haben nicht etwa versucht, die tatsächliche Kreativität von Menschen zu ergründen, die unter Dauerbeschallung durch andere Menschen arbeiten (müssen). Sie haben auch nicht gefragt, ob kreative Menschen gerne freiwillig unter Dauerbeschallung arbeiten. Und sie haben auch keine historische Untersuchung angestellt: Wie viele Romane der Weltliteratur entstanden im Kaffeehaus? Entwickelte Albert Einstein die Relativitätstheorie in einem Großraumbüro? Komponierte Mozart das Requiem, während seine Kinder um ihn herumtobten?

Nein, solche allzu realen Forschungsgegenstände taugen offenbar nicht für den Erkenntnisgewinn in der Business School der renommierten University of Illinois. Da muss ein Experiment her. Also nahm man die Geräusche einer Cafeteria auf und spielte sie in verschiedener Lautstärke Probanden vor, die währenddessen Aufgaben in einer Art und Weise erledigen sollten, die man unter Ökonomen für "kreativ" hält: Zum Beispiel sollten die Probanden, wenn sie die Wörter "Regal", "Lesen" und "Ende" hörten, auf das Lösungswort "Buch" kommen. Und das gelang ihnen bei moderaten Cafeteria-Geräuschen (70 Dezibel) besser als bei gar keinen, leisen oder lauten. Daraus folgern die Ökonomen: Lärm in Maßen fördert die Kreativität

In einem ähnlichen Experiment zeigten sich die Probanden bei moderatem Lärm geneigter, "innovative Produkte" statt traditioneller zu kaufen. Auch das werten Mehta und Kollegen als Indiz für gesteigerte Kreativität - warum auch immer.

Kreativität einfach umdefiniert

Was haben Mehta und Kollegen also tatsächlich gezeigt? Vielleicht dies: Dass man real nicht existierende künstlich erzeugte Wortspielereien und Denksportaufgaben gut lösen kann, wenn man durch Umgebungsgeräusche leicht eingenebelt und damit vom wirklichen Denken abgehalten wird. Und dass die Methoden der experimentellen Ökonomie vielleicht alles mögliche zeigen können, solange man Begriffe wie "Kreativität" nur gründlich genug umdefiniert.

Für die Personalabteilungen von Unternehmen bietet sich als Erkenntnis an: Wenn wir Leute damit beschäftigen wollen, unbedeutende Problemchen zu lösen, dann ist die Cafeteria für diese möglicherweise der richtige Arbeitsplatz. Und wenn wir neue Produkte verkaufen, dann sollten wir dem Käufer auf keinen Fall die Ruhe gönnen, die er braucht, um zu überlegen, was er damit anfangen soll.

Und was bedeutet das alles für Heimarbeiter und Einzelbüroinsassen? Nun, wenn die sich von ihrer eigenen Schöpferkraft erholen wollen, können sie einfach mal zu den armen Kollegen ins Großraumbüro gehen und dort Kreuzworträtsel oder andere Denksportaufgaben lösen. Zum Arbeiten werden sie wieder im stillen Kämmerlein verschwinden. 

Erschienen in der WirtschaftsWoche

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