ReputationDas Geheimnis eines guten Rufs

Helfen macht beliebt. Aber nicht die Hilfe selbst, sondern die Zahl der Hilfsempfänger ist entscheidend, das fanden Forscher in einer neuen Studie heraus. von Ferdinand Knauß

Ein guter Ruf ist bekanntlich leicht zu ruinieren. Viel schwieriger und interessanter ist die Frage, wie er zu erlangen ist. Eine einfache und überall gültige Antwort dürfte darauf kaum zu geben sein. Aber zumindest für ein 500-Einwohner-Dorf auf der Karibikinsel Dominica scheint die Frage nun geklärt zu sein.

Die drei amerikanischen Anthropologen Shane Macfarlan, Robert Quinlan und Mark Remiker haben rund 20 Monate lang die als Selbstversorger lebenden Einwohner beobachtet. Sie kommen in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences  zu dem Schluss, dass die "prosoziale Reputation" nicht einfach dadurch zustande kommt, dass man viel Gutes tut, sondern dass man es möglichst vielen antut.

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Die Dorfbewohner leben vom Obstanbau und Fischfang. Zusätzliches Geld verdienen sie sich mit dem Verkauf von ätherischen Ölen, die sie aus den Blättern des Lorbeer-Baumes gewinnen. Diese werden in einer Art Pachtsystem bewirtschaftet. Die Männer des Dorfes sind für unterschiedliche Bäume zuständig, was sie damit verdienen, dürfen sie behalten. Allerdings ist die Arbeit nicht alleine zu schaffen. Alle zehn Monate braucht man zur Destillation des Öls Hilfe von zwei anderen Männern. Sie sind also auf einander angewiesen.

Nicht viel Gutes tun, sondern vielen Gutes tun

Dennoch ist es üblich, dass der Besitzer eines Baumes erst einmal allein mit dieser Arbeit beginnt, anstatt um Hilfe zu bitten. Dann kommen andere und helfen. Die Regel im Dorf lautet: Hilft dir jemand beim Destillieren, musst du ihm später auch assistieren. "Weil das Dorf klein und die Arbeit nicht zu übersehen ist, erkennen die Menschen, wann sie verpflichtet sind zu assistieren", sagen Macfarlan und Kollegen. Wer einen Dorfgenossen unterstützt, gewinnt dadurch dessen Hilfe zu einem späteren Zeitpunkt – das Öl selbst behält der Besitzer allein.

Die Forscher dokumentierten, wer wem beim Destillieren half. In den ersten zehn Monaten wurde 193 Mal Öl aus den Lorbeerblättern destilliert, 92 Männer arbeiteten mit. In der zweiten Phase waren an 272 Destillationen 101 Männer beteiligt. Es bekommt also längst nicht jeder dieselbe Hilfe. Die Forscher ermittelten den Ruf von jenen 53 Männern, die in beiden Phasen mitgearbeitet hatten.

Die Analyse ergab: Einen guten Ruf genossen vor allem diejenigen, die besonders vielen anderen geholfen hatten. Mehrmals einer Person zu helfen bessert den Ruf aber nicht so sehr auf wie jeweils einmal verschiedenen Männern beizustehen. Das führt aber dazu, dass sich diese kooperativen wie beliebten Arbeiter nicht bei allen Helfern revanchieren konnten. Das wiederum könne dafür sorgen, dass jene Kollegen bald wieder als unkooperativ gelten würden.

Ein weiteres Problem: Jüngere Destillateure waren besser angesehen als ältere. Ein Grund könnte den Forschern zufolge sein: Die Öl-Destillation ist eine anstrengende Arbeit und deswegen ließen sich manche lieber von jungen Kollegen helfen.

Erschienen in der Wirtschaftswoche

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Leserkommentare
  1. Leider sind am Ende des Beitrages die aussagen etwas schwer verständlich.

    Was ich mir mitnehme ist, dass es vorteilhafter sei vielen verschiedenen zu helfen u weniger immer den gleichen. Aus meiner Einschätzung würden aber gerade wiederholtes Helfen Sinn machen, weil die erfolgreiche arbeitsbezieung und eine gelungene zusammenarbeit zu erneuten helfen führen könnte. Also zu fixen Teams.
    Ein anderes Ergebnis passt ganz gut dazu, dass es für den eigenen guten ruf wichtig sei, dass viele in der Gruppe von dem altruistischen handeln erfahren. Grundsätzlich finde ich die Ergebnisse, dass kooperatives verhalten sich auch evolutionär beweisen könnte, als hoffnungsvoll für die Spezi Homo sapiens.

  2. Nichts gegen diese Studie, aber ob man aus *einer* Studie von *einem* 500-Seelen-Dorf in *einer* uns fremden Kultur etwas generelles für die gesamte Menschheit ableiten kann?

    Die Antwort ist klar: Nein, kann man nicht. Leider tut die Überschrift so. Mein Gott, wo ist der Journalismus hingekommen!

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  3. Wobei ich den Forschern natürlich ihren längerfristigen Aufendhalt an so exotisch netten Orten gönne :-))

    Auf die Idee das "Reputation" in ihrer heutigen Bedeutung zumeist mit einem hohen Ansehen egal auf welcher Ebene gleichgesetzt , vor allem durch die Anzahl positiv wahrgenommener Tätigkeiten und weniger durch den Umfang der Einzeltat erzeugt wird , kann man nun auch bequem und mit ein bisschen Lebenserfahrung ohne Studie kommen .

    Allein das kollektive Gedächnis der Menschen bedingt einen solchen Effekt , da die größere Einzeltat erheblich schneller in Vergessenheit gerät , als eine Vielzahl kleinerer Taten über einen längeren Zeitraum von dem auch eine größere Anzahl von Menschen profitiert , die einem durch Mundpropaganda eben diese Reputation sichern .

    Das Offensichtliche zu studieren mausert sich scheinbar zu einer unter Forschern beliebten Methode , um mal aus den Elfenbeintürmen an die frische Luft zu kommen.

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  4. ... "Klientel", auch Nachbarschaftshilfe und was es dergleichen Beschreibungen dafür gibt. Bei den Römern war das üblich, im politischen System und man sprach vom "do ut des". In der Steinzeit und schon davor war das die einzige Art zu Überleben.

  5. Man wird also dadurch beliebter, dass man vielen Menschen so ein bisschen hilft, anstatt wenigen Menschen richtig. Hm. Wäre ich jetzt so gar nicht drauf gekommen. Auch wenn Angela Merkels Flutopferhilfeempfänger davon wohl gerade ein Lied singen können.

    Ergänzungsfrage: Wird man dadurch ein besserer Forscher, dass man während vieler Forschungstage so ein bisschen forscht, anstatt wähend weniger Forschungstage auch mal ordentlich?

    Und sicher, dass dieser Artikelt hematisch nicht zu dem gehört, der mir hier gerade weiter unten angezeigt wird: ,,Wie nimmt man eine bezahlte Job-Auszeit? Drei Mitarbeier möchten drei Monate Urlaub auf Insel XY machen. Am besten bezahlt. Welche Möglichkeiten es gibt, lesen Sie hier." ?

    Ich habe manchmal so das Gefühl, das laxe Studenten- und Prüfungsleben von so manchem Kultur-Anthropologen setzt sich auch in dessen späterem Berufsleben konsequent fort.

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  6. Die Überschrift lautet: "Aber nicht die Hilfe selbst, sondern die Zahl der Hilfsempfänger ist entscheidend, das fanden Forscher in einer neuen Studie heraus."

    Das ist also eine irreführende Zusammenfassung. Kein guter Journalismus, meiner Meinung nach - selbst dann, wenn der Artikel diese Irreführung später noch korrigiert.

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    Antwort auf
  7. Wenn 500 Personen mit ihrer Arbeit einen Fluss verdrecken und eine Person versucht diesen sauber zu halten,
    dann ist die Hilfe für die eine Person qualitativ besser (nachhaltiger).
    Oder anders:
    Da eine Person in den Augen der Anderen immer der Andere ist, erlangt der Begriff Reputation dort die wohl positivste Bedeutung, wo "die Anderen" mit Toleranz und Anerkennung sowie, frei von Neid oder Mißgunst der helfenden Person begegnen. Egal wie Vielen, oder Wenigen sie hilft. Die Qualität einer Hilfe ist primär also keine Frage von Quantität.
    Der Vorteil großzügiger Toleranz liegt darin, das Intoleranz sich dann auf wenige Sachverhalte beschränkt, doch diese sachlich deutlicher definiert. So erweitert sich ein Gemeinschaftssinn und verfestigt die Stärke der Gemeinsamkeit.
    Schliesslich sind Menschen auf dem Weg eine Weltgemeinschaft zu Sein. Da dürfen Studienergebnisse aus einem 500 Seelendorf vielleicht auch mal anders interpretiert werden. oder?
    -
    Doch lese ich den Artikel frei nach Definitionen des werten Schulz von Thun, bewegt er zum vergnüglichen Schmunzeln.
    So oder So, danke.

  8. Ich habe noch etwas hinzuzufügen: Helfen macht am meisten Spaß mit dem Geld anderer Leute, und man kann sich trotzdem dafür feiern lassen.

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