ArbeitsrechtSo sichern Expatriates ihren Auslandseinsatz ab

Wer im Ausland arbeiten möchte, sollte sich gründlich vorbereiten. Neben kulturellen Herausforderungen gibt es rechtliche Fallstricke. Wir zeigen, worauf es ankommt. von Ingrid Weidner

Wenn die Welt lockt und das Angebot für einen Auslandseinsatz kommt, denken viele Fachkräfte nicht über die Tücken der deutschen Sozialversicherung oder gar über Wortungetüme wie Doppelbesteuerungsabkommen nach. Meistens muss es schnell gehen. Der Arbeitgeber braucht dringend einen erfahrenen Projektmitarbeiter vor Ort, für umfangreiche Vorbereitungen fehlt die Zeit. Doch wer länger jenseits der Grenze arbeiten möchte, muss eine ganze Reihe rechtlicher Aspekte abwägen, manchmal zusätzliche Versicherungsverträge abschließen, damit kein finanzielles Fiasko droht.

Omer Dotou berät Unternehmen und Angestellte gleichermaßen, die es als Expatriates in fremde Länder zieht. Er kennt die unterschiedlichen Sozialversicherungssysteme sowie arbeitsrechtliche Besonderheiten. Manchmal wundert sich der Experte. "Viele Unternehmen unterschätzen, was eine Entsendung bedeutet und welche rechtlichen Fragen sie vorab unbedingt klären müssen", sagt Dotou, der für den Bund der Auslandserwerbstätigen (BDAE) e.V. in Hamburg arbeitet. Dort leitet der Jurist den Bereich Auslandsentsendung.

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Der vor 17 Jahren gegründete Verein berät Unternehmen und Einzelpersonen in allen Fragen einer Auslandsentsendung. Außerdem bietet der BDAE von der Kranken-, über die Arbeitslosen- oder ergänzenden Rentenversicherung alle Zusatzverträge an, die je nach Land notwendig sein können. Für einen Mitgliedsbeitrag von 102 Euro pro Jahr steht den Mitgliedern eine Länderdatenbank mit vielen Informationen zum jeweiligen Zielland zur Verfügung. Außerdem beinhaltet die Mitgliedschaft eine Basis-Beratung mit den Experten in Hamburg oder per Telefon sowie ein interkulturelles Sensibilisierungstraining und Notfallleistungen Heimbringung aus dem Ausland. "Wir sind wie der ADAC für langfristige Entsendungen ins Ausland", sagt Pressesprecherin Anne-Katrin Schulz.

Wenn die Sozialversicherungspflicht erlischt

Ob die neuen Aufgaben im Ausland überhaupt sozialversicherungsrechtlich als Entsendung gelten, prüft und entscheidet die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Diese Überprüfung muss der Arbeitgeber beantragen. Nur bei einer Entsendung und wenn es ein Sozialversicherungsabkommen mit dem Zielland gibt, das sämtliche Sozialversicherungszweige betrifft, besteht die Möglichkeit, im deutschen Sozialversicherungssystem zu verbleiben. Mit den arabischen Ländern existieren solche Abkommen bislang nicht. Die Konsequenz: Zwar sind dann keine Beiträge mehr an die Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung sowie an die Arbeitslosenversicherung fällig, allerdings erlischt auch der Versicherungsschutz.

Ob Arbeitnehmer und Arbeitgeber weiterhin freiwillig Rentenbeiträge abführen, ist Verhandlungssache. Besonders genau sollten sich aber die Entsandten die Bedingungen der Anbieter von Auslandskrankenversicherungen ansehen. Manche Versicherungen bieten nur Jahresverträge an. Erkrankt der Versicherte in dieser Zeit, kann es passieren, dass diese Erkrankung beim neuen Vertrag ausgeschlossen wird. Alle im Zusammenhang mit diesem Leiden anfallenden Kosten trägt der Arbeitnehmer anschließend selbst. Andere Auslandskrankenversicherungen begrenzen die Leistungen beispielsweise auf eine Summe von 100.000 Euro. Bei einem Krebsleiden oder einem schweren Unfall reicht dieser Betrag möglicherweise nicht aus, um die Rechnungen von Krankenhaus und Ärzten zu zahlen, auch daran sollten Abenteurer denken.

"Grundsätzlich ist alles verhandelbar", betont Dotou. Gehalt, Firmenwagen, Heimflüge oder die Frage, wie die Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge investiert werden. Auch über das Schulgeld für die mitreisenden Kinder lässt sich verhandeln. "Oft zahlt der Arbeitgeber sogar das Hauspersonal für Manager", sagt Dotou aus seiner Erfahrung mit den Beratungsgesprächen. Auch über die Bedingungen der Rückkehr sollten Arbeitnehmer mit ihren Vorgesetzten sprechen. Arbeitgeber haben gegenüber ihren Angestellten eine Fürsorgepflicht. Manche Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern eine vorbereitende Beratung durch Experten.

"Neben einem Entsendungsvertrag erhält der Mitarbeiter einen neuen, lokalen Arbeitsvertrag. Damit unterliegt der Arbeitnehmer auch einer ganzen Reihe von arbeitsrechtlichen Verpflichtungen des Ziellandes", mahnt Dotou. In den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi Arabien gelten auch im Arbeitsleben andere Gesetze als in Europa. "Dort ist das Arbeitsrecht an die Scharia gekoppelt", sagt der Jurist. Für ausländische, nicht-muslimische Arbeitnehmer heißt das beispielsweise, dass sie religiöse Rituale einhalten müssen. Während des Fastenmonats Ramadan gelten beispielsweise reduzierte Arbeitszeiten. Doch auch Ausländer dürfen in dieser Zeit in der Öffentlichkeit oder auf der Baustelle weder essen noch trinken. Wer dagegen verstößt, dem droht die Ausweisung oder eine Anklage.

"Es gibt dort ein Streikverbot", erklärt Dotou. Auch die Arbeitszeiten unterschieden sich. Während in Deutschland in vielen Branchen die 40-Stunden-Woche üblich ist, beträgt die wöchentliche Arbeitszeit auf der Arabischen Halbinsel 48 Stunden, meistens verteilt auf fünf, manchmal auch auf sechs Tage. Allerdings beginnt dort die Arbeitswoche schon am Sonntag und endet am Donnerstag.

Mit vielen Staaten unterhält die Bundesrepublik ein sogenannten Doppelsteuerabkommen. Darin ist festgelegt, wie das Gehalt besteuert wird. Die Vereinigten Arabischen Emirate galten in den Boomjahren als attraktiver Arbeitsort, denn bis zum Jahr 2010 zahlten deutsche Arbeitnehmer dort keine Steuern. "Bei Beibehaltung des deutschen Wohnsitzes werden die während der Tätigkeit in den VAE erzielten Einkünfte in Deutschland voll versteuert. Dies gilt auch für sämtliche geldwerte Vorteile wie beispielsweise Mietkostenzuschuss, Schulgeld für die Kinder, Hausmädchen oder Chauffeurdienste, die in voller Höhe in Deutschland zu versteuern sind", sagt Dotou. Steuererklärungen müssen dann in Deutschland eingereicht werden. "Am besten ist es, einen Steuerberater zu beauftragen, der mit den steuerrechtlichen Besonderheiten vertraut ist", empfiehlt Dotou. Auch diese Kosten übernehmen manche Arbeitgeber.

Eine gute Anlaufstelle für Alltagsfragen sind soziale Netzwerke wie Xing. Dort haben sich verschiedene, nach Zielländern sortierte Gruppen gebildet, in denen sich Neue und Erfahrene austauschen und gegenseitig helfen. Oft gibt es im Unternehmen auch Kollegen, die schon in dem Land gelebt haben, in das der angehende Expatriate entsandt werden soll. Meistens teilen die Ehemaligen gerne ihre Erfahrungen mit den Neuen. Gut vorbereitet reist es sich leichter. Eine Auslandsentsendung bleibt trotzdem ein großes Abenteuer, für manche auch das größte ihrer beruflichen Karriere.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Arbeitsrecht | Auslandseinsatz | Arbeitgeber | Arbeitnehmer | Arbeitszeit | Expatriate
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