ZEIT ONLINE: Herr Lotze, Sie spüren als Detektiv kriminellen Mitarbeitern nach. Was sind die häufigsten Vergehen?

Manfred Lotze: Bislang wurden wir vor allem beauftragt, wenn Arbeitgeber den Verdacht hatten, dass ihre Mitarbeiter stehlen, bestechlich sind oder Geld unterschlagen. Seit einiger Zeit beobachten wir, dass Trennungskriminalität stark zunimmt. Sie ist mittlerweile einer der häufigsten Gründe, weshalb Unternehmen detektivische Hilfe in Anspruch nehmen.

ZEIT ONLINE: Was genau ist Trennungskriminalität?

Lotze: Man spricht davon, wenn wichtige Mitarbeiter kündigen und trotz Wettbewerbsverbot bei der Konkurrenz anheuern oder vertragliche Pflichten verletzen. Oder wenn sie Patente, Innovationen oder ganze Kundendaten mitnehmen oder Betriebsgeheimnisse verraten. Jüngst hatten wir den Fall, dass eine ganze Abteilung mit sieben Personen zur Konkurrenz ging – inklusive Geschäftsführer, Einkaufs- und Vertriebsleiter sowie Außendienstmitarbeitern. Das waren Mitarbeiter, die teilweise 20, 30 Jahre lang im Unternehmen waren. Wenn so etwas passiert, ist das für einen Arbeitgeber eine dramatische Situation. Er verliert wichtiges Know-how, er verliert Marktanteile, Kundendaten und Kundenkontakte sowie Einkaufskonditionen. Es dauert Jahre, bis er das wieder aufgebaut hat. Allein um neues Personal zu rekrutieren, sind große Investitionen nötig. Trennungskriminalität kann Arbeitgeber in den Ruin treiben.

ZEIT ONLINE: Aber was ist daran illegal, den Arbeitgeber zu wechseln, wenn die Konkurrenz ein besseres Angebot macht?

Lotze: In der Regel hat der Arbeitgeber ja vorgesorgt: Mitarbeiter in Schlüsselpositionen verpflichten sich durch ihren Arbeitsvertrag unter anderem dazu, keine Betriebsgeheimnisse zu verraten. Der Arbeitgeber ist dann gut beraten, zusätzlich ein Wettbewerbsverbot  zu vereinbaren. Verstoßen die Mitarbeiter dagegen, ist das illegal. Dann kann der Ex-Arbeitgeber klagen. In dem Fall mit der abgeworbenen Abteilung hat unser Kunde umgehend Unterlassungsklage beim Arbeitsgericht erhoben und Recht bekommen. Damit waren die ausgeschiedenen Mitarbeiter daran gehindert, bei der Konkurrenz sofort tätig zu werden.

ZEIT ONLINE: Wie ermitteln Sie in diesem Bereich? 

Lotze: Wir überprüfen, ob die Aussagen der ehemaligen Mitarbeiter wahrheitsgemäß sind und ob sie sich etwa an das Wettbewerbsverbot halten. Ein beliebter Trick ist, dass die Mitarbeiter zum Schein bei einer Tochterfirma des Konkurrenten beschäftigt sind, aber in Wirklichkeit natürlich direkt für die Konkurrenz arbeiten. Wir setzen zur Beobachtung immer mindestens zwei Personen ein. Häufig ist auch ein Tarnauto notwendig. Ein Teil der Vorermittlungsarbeit erfolgt aber auch schon vom Büro aus. Wichtig ist, dass wir alles gerichtsfest dokumentieren und gegebenenfalls als Zeugen vor Gericht oder außergerichtlich bei einer Gegenüberstellung unsere Ergebnisse zur Zielsetzung des Kunden einbringen.

ZEIT ONLINE: Wie bemerkt ein Arbeitgeber denn, dass die Mitarbeiter zur Konkurrenz übergelaufen sind?

Lotze: Indizien dafür sind etwa, wenn ein Mitarbeiter auf einer Schlüsselposition überraschend kündigt und sich um die ehrliche Antwort nach der neuen Arbeitsstelle zu drücken versucht. Oder  wenn er zuvor häufig Kontakt mit Vertretern der Konkurrenz hatte und dieses Unternehmen kurz nach dem Weggang des Mitarbeiters plötzlich stark expandiert und meist recht aggressiv im großen Stil Kunden mit günstigeren Konditionen gewinnt. Nicht selten werden Patente verletzt, wenn es gelungen ist, den Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung abzuwerben.

ZEIT ONLINE: Wie wehren sich Firmen gegen die Überläufer?

Lotze: Hierzu verweise ich zunächst auf die gesetzlichen Pflichten der Unternehmensleitung, wonach Schadensfälle zu verhindern sind. Hier droht sogar persönliche Haftung.

Manche vereinbaren mit wichtigen Mitarbeitern ein Wettbewerbsverbot. In der Regel schreibt dies dann vor, dass man zwei Jahre nach Ausscheiden aus dem aktuellen Job nicht für die Konkurrenz arbeiten darf. Dafür muss der Arbeitgeber 50 Prozent des bisherigen Gehaltes dem früheren Mitarbeiter zahlen. Oder Firmen handeln mit Führungskräften ein Abwerbeverbot aus, damit es nicht zu einem Weggang einer ganzen Abteilung kommen kann. Und natürlich muss der scheidende Arbeitnehmer das Firmenlaptop und Mobiltelefon komplett in einem unversehrten Zustand zurückgeben – und zwar ohne Computerviren. Der Ex-Mitarbeiter darf auch keinen Zugang mehr zum Unternehmen haben – weder digital noch real. In einem Fall hatte sich ein früherer Mitarbeiter morgens, wenn das Putzteam tätig war, Zugang zur Firma verschafft. Er knackte das Passwort und verriet dem neuen Arbeitgeber stets die aktuellen Zahlen seines früheren Arbeitgebers.