Business-Kleidung"Ein Gentleman hetzt nicht ins Büro"

Gut gekleidet im Büro ist, wer klassische Anzüge trägt, sagt der Stil-Experte Bernhard Roetzel. Viele machen bei der Businessmode allerdings zu große Experimente. von Ferdinand Knauß

Frage: Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Bernhard Roetzel: Ja, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Maße. Auf jeden Fall macht Kleidung einen gravierenden Unterscheid für die Erscheinung eines Menschen. Jeder Mensch ist wie eine Leinwand, die man so oder so bemalen kann. Stellen Sie sich den Schauspieler Pierce Brosnan vor, den können Sie als Rocker stylen oder als Gentleman. Das heißt aber nicht, dass die Kleidung einen Gentleman machen kann, wenn er es vom Verhalten und vom Wesen her nicht ist. Umgekehrt kann man dem Menschen zum Beispiel durch Häftlingskleidung seine Persönlichkeit nehmen – oder es zumindest versuchen.

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Frage: Welche Funktion hat der Anzug im Berufsleben?

Roetzel: Es geht um die Darstellung von Status und Kompetenz. Das wird in Deutschland immer unterschätzt.

Frage: Der wahre Gentleman ist immer noch Engländer?

Roetzel: Das Wissen um die Bedeutung von Kleidung für den Ausdruck von Status und Kompetenz ist in anderen Ländern ausgeprägter. In Frankreich, Italien. England hat eine Sonderstellung, weil es  immer noch mehr eine Klassengesellschaft ist als die anderen europäischen Länder. Da drückt der Gentleman-Look immer auch ein wenig Snobismus aus. England ist das Geburtsland des Gentleman aber auch das Land, indem man gelernt hat, sich darüber lustig zu machen.

Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel ist Autor und Modeexperte.

Frage: Passt das  Gentlemanideal überhaupt zum Bild eines fleißigen, ehrgeizigen Geschäftsmannes?

Roetzel: Jedenfalls hetzt der Gentleman nicht ins Büro. Er ist eher ein Müßiggänger. Ursprünglich waren das ja auch Männer, die genug Geld hatten, damit sie keine Erwerbsarbeit machen mussten. Männer, die sich den Luxus leisten können, sich nicht nur mit ihrer Kleidung sondern mit allen möglichen Interessen und Hobbies zu beschäftigen. Ich kenne in England einen Lord, der Fledermaus-Experte ist. Er wohnt mit seinem Bruder – einem UFO-Experten – in einem Schloss, dessen Unterhalt alles Geld verschlingt. Darum leben die beiden eigentlich recht genügsam in kleinen Zimmern des Schlosses.

Frage: Im Vorwort Ihres Bestsellers Der Gentleman schreibt Nick Yapp , dass ein "wahrer Gentleman nichts dem Zufall überlässt", sondern sich nach dem Frühstück stets fragt, ob "die Fingernägel gut manikürt" sind, "der Hut im richtigen Winkel" sitzt, und "der Regenschirm so eng gerollt ist, wie es sich gehört". Da bleibt zum Arbeiten ja auch wenig Zeit.

Roetzel: Man muss unterscheiden zwischen Gentleman und Dandy. Der Dandy ist die Übersteigerung der Selbstverliebtheit und des Interesses an Kleidung ins Exzessive. Der Gentleman bemüht sich nicht zu sehr. Er hat erstklassige Kleidung, findet es aber nicht so schlimm, wenn sein Maßanzug nach einer langen Reise zerknittert ist. Diese Entspanntheit unterscheidet ihn vom bemühten Ehrgeizling, der vollkommen sein will. Der Emporkömmling ist selbst im nagelneuen Maßanzug nicht so elegant wie der Gentleman, der seinen uralten richtig zu tragen versteht.

Frage: Um mal den normalen berufstätigen Männern, die nicht zum Gentleman geboren sind, ein wenig zu helfen: Wie hält man bei der Arbeit am besten die Balance zwischen zeitlosen Konventionen, aktueller Mode und individuellem Stil?

Roetzel: Business-Kleidung ist Status-Kleidung. Das ist eine Uniform, die seit Jahrzehnten, im Grunde seit über einem Jahrhundert feststeht. Individualität hat da sehr wenig Raum. Man kann nur mit ganz kleinen Details Akzente setzen. Mit der Krawatte, der Art der Hemdstreifen oder vielleicht einem farbigen Strumpf. Aber im Grunde kann es nur darum gehen, das Vorgegebene so perfekt wie möglich darzustellen.

Frage: Also macht man es mit allzu modischen Anzügen falsch?

Roetzel: Ich bin in Gesellschaft immer am altmodischsten und schlichtesten von allen gekleidet. Und meine Leser finden das gerade beeindruckend. Jegliches Bemühen um Schnickschnack ist eigentlich zu viel. Die elegantesten Männer sind immer die, die Jahrzehnte lang das gleiche anziehen.

Frage: Lassen Sie uns einige aktuelle Modephänomene durchzugehen: Harald Glööckler mit seinen exzentrischen Glitzeranzügen finden Sie vermutlich nicht so toll.

Roetzel: Nein. Kein stilvoller Mann zieht so etwas an. Wenn man wie ein Mode-Opfer herumläuft, fällt man negativ auf. Aber die Sprache der klassischen Kleidung versteht jeder. Wenn man dazu noch normal, bescheiden, humorvoll auftritt, wird man nicht angepöbelt. Ich lief neulich in Berlin durch die U-Bahn, da rief ein Punk mir zu: Cool, Humphrey Bogart. Ich habe noch nie eine negative Reaktion erlebt.

Leserkommentare
  1. "Ein Topmanager muss seine Sachen nicht im Rucksack mit sich herum tragen."

    Die Zeiten, in denen den Top-Managern immer ein Kofferträger hinterherlief sind glücklicherweise vorbei. Und vielen Top-Managern wäre heute der Kofferträger eher peinlich, was ich durchaus als Fortschritt sehe.

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    "Roetzel: Es geht um die Darstellung von Status und Kompetenz. Das wird in Deutschland immer unterschätzt."

    Der Mann klingt doch, als erhöhe ein schwarzer Einreiher gleich den IQ.

    Ich versuche, Kompetenz durch meine Handlungen am Arbeitsplatz darzustellen. Wenn man unfähig ist kann mans ja mit der Kleidung versuchen. Das klappt aber meist nicht lange.

    Ein Stück weit möchte ich Ihnen Recht geben: kein Kofferträger mehr hinter dem Top-Manager. Der trägt sein Aktenköfferchen nun selbst. Kein Kofferträger mehr auf dem Hauptbahnhof. Nun tragen wir Reisende unsere Reisekoffer selbst. Kein Aufzugführer mehr im Fahrstuhl im Kaufhaus. Den Knopf können wir auch selbst drücken. Weitere Beispiele loeßen sich ohne Mühe finden.
    Alles richtig.
    Aber richtig ist auch: Das und noch viele weitere waren Jobs für Menschen, die - ohne despektierlich sein zu wollen - oftmals keine Kandidaten für den Nobelpreis waren. Die Menschen, die früher diese und weitere Jobs verrichtet haben, brauchten keine Ausbildung, mussten noch nicht einmal den Schulabschluss gemacht haben. Sie wurden sicherlich nicht reich von ihrer Arbeit, aber sie konnten damit sich selbst und ggf. auch ihre Familie ernähren.
    Heute sind diese Menschen, die früher genau diese Jobs gemacht haben, oftmals langzeitarbeitslos und beziehen ALG II, umgangssprachlich auch Hartz IV genannt.
    Ist das wirklich ein Fortschritt?

  2. das keine Frau, man könnte meinen, nur Männer wären Manager und würden sich gut kleiden. Wobei Frauen es gut haben, da reicht Bluse und hautenge Pens, um als gut gekleidet zu gelten. Ansonsten wirkt das ganze für mich ziemlich eitel. Es kommt auf das an, was im Anzug steckt. Mancher strahlt noch im Overall Würde und Stolz aus, während andere immer so aussehen, als ob ihr 400-Euro-Anzug für sie zu groß ist. Selbst auf Messen sehe ich selten Manager in Anzügen herumlaufen.

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  3. "Jeder Mensch ist wie eine Leinwand, die man so oder so bemalen kann."

    Man kann auch eine Chips-Tüte so bemalen, dass der Eindruck von viel wohlschmeckendem Inhalt entsteht. Nach dem Öffnen findet man oft nur eine enttäuschend kleine Menge eines unangenehm riechenden und ungesunden Industrieproduktes, das es irgendwie geschafft hat, im Lebensmittelregal plaziert werden zu dürfen.
    Bio-Obst sieht hingegen auf den ersten Blick nicht so attraktiv und appetitlich aus. Setzt sich aber gottseidank zunehmend am Markt durch.

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  4. Oje, ich fürchte, bei uns arbeitet kein einziger Gentleman. Dabei haben wir 7000 Mitarbeiter. Na ja, ist wohl auch besser so, weil: "Jedenfalls hetzt der Gentleman nicht ins Büro. Er ist eher ein Müßiggänger." und wer will schon solche um sich haben und auch noch dafür bezahlen (vor allem wenn sie in abgelegenen Schlössern UFOs züchten).

    Danke, der Artikel hat mir sehr die Augen geöffnet über das wahre Wesen der Gentlemen :-) aj

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  5. Was ist ein "Gentleman"?

    Ob der arme, aber fleiße Wenzel ein Gentleman war?

    Ich war immer der Meinung, dass der der sich selbst "Gentleman" nennt kiner ist.

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  6. Gut, dass ich mir um soetwas keine Gedanken machen brauche :)
    Jetzt mal erlich: Wir haben auf der Arbeit Männer, die laufen in Ponchos rum, weil sie das gut finden und wir haben wieder Mitarbeiter, die kommen im Anzug, weil sie das gut finden. Die meisten kommen einfach in normalen Klamotten an.

    Bei uns geht es halt mehr darum, was einer sagt und macht, anstelle wie er auftritt.

    Was meiner Meinung nach allerdings zutrifft: Der Gentleman trägt die Anzüge, weil sie ihm gefallen und er benimmt sie wie ein Gentleman, weil er den Stil schätzt und den guten Umgangston. Ein Blender kleidet sich so, um Eindruck zu schinden.

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    Ich finde es kommt halt darauf an, dass es passt. Wer in einer kleinen Firma im Büro arbeitet und den ganzen Tag keinen Kundenkontakt hat, kann auch in Jeans und Pulli ordentlich und angemessen gekleidet sein.
    Dagegen sind die 16-jährigen Azubis in der Sparkasse, die von Mutti in einen übergroßen Anzug gesteckt wurden ("da wächst er ja noch rein") eher peinlich, obwohl "angemessen" gekleidet. Da wäre Jeans und Hemd besser.

  7. 7. .....

    Top-Manager in Jogginghose. Vor dem hätte ich wesentlich mehr Achtung als vor einem im Maßanzug.

    Und irgendwie ist es schade, dass das Ziel scheinbar ist "Anzug tragen und nicht dumm angemacht werden"...

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  8. "Roetzel: Es geht um die Darstellung von Status und Kompetenz. Das wird in Deutschland immer unterschätzt."

    Der Mann klingt doch, als erhöhe ein schwarzer Einreiher gleich den IQ.

    Ich versuche, Kompetenz durch meine Handlungen am Arbeitsplatz darzustellen. Wenn man unfähig ist kann mans ja mit der Kleidung versuchen. Das klappt aber meist nicht lange.

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    Antwort auf "Fortschritt"

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