Merkmethoden : Leichter lernen mit Mnemotechniken

Bis ins hohe Alter können wir leicht dazulernen. Ob Namen, Zahlen oder Sprachen, es braucht nur die richtigen Techniken. Wir stellen die besten vor.

Der Kunde am Telefon will den Kollegen sprechen. Einfach durchstellen – aber wie war noch gleich die Durchwahl? Vielen Menschen fällt es schwer, sich Zahlen zu merken, denn anders als Wörter sind sie abstrakt und häufig ohne Bedeutung.

Hier setzen gleich verschiedene Gedächtnistechniken an, auch Mnemotechiken genannt. Einfach ist das Zahl-Form-System: Es ordnet jeder Ziffer von 0 bis 9 ein Symbol zu, das ihr ähnlich sieht oder eine Assoziation zur Ziffer in Gang setzt. Die Null kann dann beispielsweise eine Kugel sein, die Eins eine Kerze, die Zwei wird durch einen Schwan dargestellt, die Drei etwa durch einen Dreizack, die Vier mit einem vierblättrigen Kleeblatt gedanklich verknüpft, die Fünf mit einer Hand und so weiter.

Wer sein Zahl-Form-System auswendig beherrscht, kann es nutzen, um sich kurze Zahlenreihen wie beispielsweise Telefonnummern besser einzuprägen. Dazu überlegt er sich aus den Symbolen eine kleine Geschichte. Ist die Durchwahl des Kollegen also -154, dann käme in der Geschichte eine Kerze, eine Hand und ein Kleeblatt vor – und zwar genau in der Reihenfolge der Ziffern und am besten mit einer Verknüpfung zu dem Kollegen. Der Kollege könnte also auf dem Schreibtisch eine Kerze stehen haben, an der er sich die Hand verbrennt und sie mit einem Kleeblatt heilt. Das ist ein seltsames Bild, und gerade weil es ungewöhnlich ist, lässt es sich gut erinnern: Es ist merk-würdig.

Für komplexere Zahlenreihen gibt es das Majorsystem, das in der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt und seither vielfach variiert wurde. Auch dieses ersetzt Ziffern, allerdings durch Laute, aus denen dann phonetisch Wörter gebildet werden. Den Zahlen 0 bis 9 werden Konsonanten zugeordnet, sogenannte Ersatzkonsonanten. Eine genaue Übersicht ist hier zu finden. Aus den Ersatzbuchstaben bildet man schließlich konkrete, vorstellbare Bilder. So hat jeder, der diese Technik anwendet, sein eigenes Majorsystem. Alltagsanwender formulieren mit 100 Bildern von 0 bis 99 aus. Das genügt, um sich selbst lange und komplexe Zahlenreihen zu merken. Wenn man ganz neu mit der Technik beginnt, dauert es allerdings ein wenig, bis man das System spielend beherrscht.

Doch diese Zeit ist sinnvoll investiert, denn Gedächtnistraining regt das Gehirn an und führt zu einer besseren Vernetzung der Gehirnzellen. Diese Entwicklung von neuen synaptischen Verbindungen wird Neuroplastizität genannt. In manchen Arealen des Gehirns bilden sich sogar täglich neue Gehirnzellen, was als Neurogenese bezeichnet wird. Auch dieser Prozess kann durch körperliches und geistiges Training begünstigt werden. Gerade mit zunehmendem Alter kann man mit gezieltem Training dem altersmäßigen Abbauprozess des Gedächtnisses entgegenwirken.

Denken verändert das Hirn

Besonders virtuos wenden Gedächtnissportler solche Techniken an. Auf Wettkämpfen messen sie sich im Auswendiglernen von Ziffern und Zahlen, Reihenfolgen von Spielkarten oder abstrakten Bildern. Sie lernen Namen und Gesichter in Reihenfolge auswendig, Wörterlisten oder ganze Texte und historische Daten. Der Sport ist noch recht jung. 1990 gründete der britische Mentaltrainer Tony Buzan das World Memory Sports Council (WMSC), das seit 1991 Gedächtnisweltmeisterschaften organisiert. Die deutschen Meisterschaften werden von der Gesellschaft für Gedächtnis- und Kreativitätsförderung (GGK) seit Ende der neunziger Jahre veranstaltet.

Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Daneben gibt es Disziplinen wie den Pi-Sport, der aber nicht in Wettkämpfen ausgetragen wird. Dabei lernen die Gedächtniskünstler so viele Nachkommastellen der Zahl Pi wie möglich auswendig. Den Weltrekord hält aktuell der Chinese Chao Lu: Er prägte sich im Jahr 2006 laut Guinnessbuch der Rekorde 67.890 Nachkommastellen ein und trug diese in 24 Stunden und vier Minuten vor.

Auch für das Merken bestimmter Reihenfolgen gibt es eine Gedächtnismethode: die Loci-Technik. Der Begriff ist der Lateinische Plural von locus, dem Platz/Ort. Diese Routentechnik entstand schon in der Antike, wo sie beispielsweise genutzt wurde, um Reden auswendig zu lernen. Man stellt sich einen räumlichen Weg vor – etwa den Weg durch die eigene Wohnung oder den täglichen Weg zur Arbeit oder eine Route entlang am Körper. An verschiedenen markanten Punkten legt man dann eine Information ab, die man sich zuvor verbildlicht hat. Auf diese Weise lassen sich neue Inhalte leichter in der richtigen Reihenfolge merken.

Verlagsangebot

Der ZEIT Stellenmarkt

Jetzt Jobsuche starten und Stellenangebote mit Perspektive entdecken.

Job finden

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Jeder kann es

Diese Wette verlieren Sie zum Glück, obwohl Sie teilweise sogar recht haben:

"Die Eselsbrücke des einen ist für den anderen derart unsinnig, dass er sich viel leichter das Faktum merkt, an die sie erinnern soll."

Deshalb sollen sie auch ihre eigenen Eselsbrücken erstellen, die zu ihren eigenen Assoziationen passen. Wer dies tut, wird die Geschichten nicht mehr so einfach vergessen, obwohl auch diese meist Wiederholungen brauchen.

Und Orte vergisst ein gesunder Mensch nicht so einfach, weshalb die Loci-Methode so genial einfach ist. Versuchen Sie es doch einmal und lernen in Kombination mit dem Master-System eine 100-stellige Zahl auswendig. Sie können das. Jeder kann das!

Der Weltrekord beträgt übrigens 500 Ziffern in 5 Minuten. Und dieser Rekord wird sogar gleich von zwei Personen gehalten. Keiner der beiden hat ein besonderes Gedächtnis, sondern lediglich die richtige Technik mit Fleiß gepaart.

Abgelehnt

Ich habe es selbst mit Mnemo-Techniken probiert. Man kann ja gerne mal versuchen, sich mit der Loci-Methoden oder anderen die Abgrenzung vom Dreiecksbetrug zum Diebstahl in mittelbarer Täterschaft zu merken oder die Argumente, warum der BGH in jedem Raub auch eine räuberische Erpressung sieht. Es funktioniert nicht. Manche Materien sind für Mnemo-Techniken einfach nicht gemacht. Da können die Jünger (oder Betrüger?) noch hunderte Bücher darüber schreiben, dass man sich "einfach alles merken kann". Es geht nicht.

Die einzige halbwegs sinnvolle Anwendung für die Verbilderung sind Definitionen. Aber die kann ich mir persönlich viel besser merken, wenn ich sie einmal durchlese und einen praktischen Fall suche, als wenn ich mir erst lange irgendein Bild ausdenke, das auf Stichwörter reduziere und diese dann wieder rückumwandeln kann.