GründerinEine Unternehmensberaterin reißt aus

Ihr Job machte sie nicht glücklich. Also ging Elena Pallotta nach Istanbul, um italienisches Eis zu verkaufen. Ingrid Weidner erzählt von dem ungewöhnlichen Jobwechsel. von Ingrid Weidner

Elena Pallotta in ihrer Eisdiele in Istanbul

Elena Pallotta in ihrer Eisdiele in Istanbul  |  © PR: Muà

Eigentlich war alles perfekt, Elena Pallotta hatte es geschafft. Nachdem die studierte Bauingenieurin einige Jahre als Beraterin für Arthur Andersen in Deutschland gearbeitet hatte und in dieser Zeit zwischen Osnabrück und Venedig pendelte, qualifizierte sie sich mit einem MBA an der renommierten Business-School Insead im französischen Fontainebleau weiter. Es folgte eine weitere Karrierestation als Beraterin für Boston Consulting und schließlich fand sie ihren Traumjob in Florenz. "Ich hatte alles. Ein Haus mit Swimming-Pool, einen netten Freund und ein schickes Auto. Nur komischerweise war ich nicht glücklich", erzählt Elena Pallotta rückblickend.

Was tun? Elena Pallotta wuchs mit einer deutschen Mutter und einem italienischen Vater zweisprachig auf und fühlte sich in beiden Ländern gleichermaßen wohl. Als sie sich 2007 in Florenz am Ziel all ihre Wünsche sah und trotzdem das Gefühl hatte, schwere Bleigewichte klebten an ihren Füßen, überlegte sie ganz systematisch, woran es liegen könnte. Pallotta löste sozusagen ihr eigenes berufliches Dilemma wie einen Business-Fall. "Ich bin zu meinem Chef gegangen und habe gefragt, ob ich für ein Jahr Teilzeit arbeiten kann". An zwei Tagen in der Woche managte sie weiterhin Immobilienprojekte, an den anderen drei Wochentagen dachte sie über berufliche Alternativen nach, engagierte dazu einen Coach, mit dem sie über ihre Zweifel sprechen konnte. "Gemeinsam fanden wir heraus, dass ich lieber mein eignes Unternehmen leiten wollte", erinnert sich Pallotta.

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Zwar hatte die Ingenieurin nie ernsthaft darüber nachgedacht, den Weg in die Selbständigkeit zu wagen, doch im Laufe der Jahre wurden die neuen Berufspläne immer konkreter. "Die nächste Frage war: Biete ich ein Produkt oder einen Service an?"

Aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung als Unternehmensberaterin wusste Pallotta, welche Chancen und Herausforderungen der Schritt in die Selbstständigkeit mit sich bringt. Nach weiteren Recherchen stand fest: "Es sollte ein Produkt sein, das mit Essen oder Trinken zu tun hat. Ich esse leidenschaftlich gerne."

Also analysierte die angehende Unternehmerin ihre Optionen. "Ich entwickelte drei Ansätze: Zunächst hatte ich die Idee, eine Bäckerei zu gründen. Doch schnell war klar, dass das zu kompliziert wird, da ich eine Produktion aufbauen muss. Hausgemachte Pasta und eine eigene Bar – das wäre die zweite Option gewesen, doch auch das verwarf ich. Schließlich stand noch italienische Eiscreme auf meiner Liste", erzählt sie. Hausgemachtes italienisches Eis, das war es. 

In der Türkei gibt es nur wenig Konkurrenz

Doch wenn sie in Florenz auf dem Haus ging, gab es an jeder Straßenecke mindestens eine Eisdiele. Also dachte sie von Neuem nach und erstellte eine weitere Liste. Wichtige Punkte waren: "Es sollte ein schöner Ort sein mit prosperierender Wirtschaft, niedriger Inflation und einem stabilen Wechselkurs – und nicht zu weit weg von Florenz, das waren die Rahmenbedingungen", sagt sie.

Die Wahl fiel auf die Türkei. Elena Pallotta flog Ende 2010 zum ersten Mal in ihrem Leben nach Istanbul, schaute sich die Stadt an, erkundigte sich, analysierte den Markt  – und blieb. "Istanbul ist eine lebendige Großstadt, es gibt kaum Konkurrenz, doch dafür einen großen Markt. Allerdings sind die Ladenmieten super teuer", sagt Pallotta. Und es gibt in der Türkei ein kulturelles Handicap. "Eiscreme steht für Sommer. Im Winter isst man hier kaum Eis. In der Türkei gilt der 23. April als der Tag, ab dem Kinder wieder Eis essen dürfen. Das sagen ihnen zumindest ihre Mütter."

Leserkommentare
  1. wenn man so etwas liest fragt man sich schon, warum man nicht selbst auf so etwas ähnliches gekommen ist.
    Manchmal hindern einen natürlich auch familiäre Umstände oder die Heimatverbundenheit, oftmals fehlt aber einfach nur der Mut. Und irgendwann ist es oft zu spät...

    17 Leserempfehlungen
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    Mir ist es gerade kalt den Rücken runtergelaufen, als ich Ihren Kommentar gelesen habe. Denn genau so siehts aus. Und im Nachhinein muss man sich fragen, wovor man soviel Angst gehabt hatte...

  2. #Ihr Job machte sie nicht glücklich. Also ging Elena Pallotta nach Istanbul#

    Es ist doch sehr schön. Man kann in jedes Land der Welt reisen, auch um dieser €uro- und €U-Krise zu entfliehen. Einfach überall hin. Ob nach Russland oder Australien, Südafrika, Argentinien, USA,Kanada - einfach toll überall , so man es denn schafft. Es freut mich für Frau Palotta, dass sie es (wohl) geschafft hat. Ich wäre gern in Neuseeland - Warum auch immer???

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    Sie wären gerne in Neuseeland? Dann machen Sie noch heute Pläne. Wie hier im Artikel beschrieben. Mit einem Coach, oder einfach mit einem guten Freund.

    Und dann los!

    Oder wollen Sie auf Ihr nächstes Leben warten?

  3. Mir ist es gerade kalt den Rücken runtergelaufen, als ich Ihren Kommentar gelesen habe. Denn genau so siehts aus. Und im Nachhinein muss man sich fragen, wovor man soviel Angst gehabt hatte...

    4 Leserempfehlungen
    • Nimzo
    • 08. August 2013 14:13 Uhr

    [Inzwischen steht sie morgens wieder gerne auf, pendelt ein Mal im Monat nach Florenz. Sie freut sich über die Kinder, denen ihre Eiscreme schmeckt. Und heute ist sie rundum glücklich mit ihrem Job und ihrem Leben.]

    Wer BWL studiert muss "Manager" werden. Ein studierter Ingenieur muss "konstruieren". Wer Psychologie studiert muss eine Praxis haben, in der Kunden auf der Coach liegen und nach Freuds Psychoanalyse behandelt werden. Usw... So ganz plakativ.

    Und: Hauptsache das Gehalt trifft garantiert monatlich auf dem Sparkassenkonto ein. D.h. bloß kein Risiko!!

    Der Mut etwas zu riskieren wird einem auch nicht leicht gemacht. Immer die Angst vor einem krummen Lebenslauf und vor der eindimensionalen, verstaubten PersonalleiterIn, die einen nach einem Fehlversuch "aussortiert".

    Zu den mutigen, intelligenten Abenteurern gilt nur der Prozentsatz der Erfolgreichen (zur rechten Zeit am richtigen Ort und trotz ungeheurem Arbeitseinsatz eine Portion Glück).

    Viele Menschen sind auf ihr Gehaltsscheck fixiert. Für langfristig 500€ oder 1000€ mehr im Monat hält man an seinem Beruf fest und kauft bei Amazon Glücksbücher oder Work-Life-Balance-Bücher, statt der eigenen, inneren Berufung nachzugehen. Wo man in seiner Tätigkeit aufgeht und Bäume ausreissen könnte.

    Glücklich ist jemand wie Elena Pallotta. Die morgens wieder gerne aufsteht. Oder sich freitags nicht überschwenglich auf den Feierabend freuen muss. Weil die ganze Woche so erfüllend war!

    Jedem seine Eiskreme zum Glück!

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    • Atan
    • 08. August 2013 14:23 Uhr

    einen kleinen Vermerk an das Ideologie-Referat der Redaktion weiterleiten, damit die Bescheid wissen, wann und warum eine weitere Frau evtl. nicht im Aufsichtsrat eines DAX-Unternehmens landet.

    Nein, im Ernst: hier hat sich jemand gegen "die Karriere" und vielleicht auch das große Geld und "die Macht" entschieden, um etwas zu tun, dass sie schön findet. Vielleicht ist Frauen, aus was für Gründen auch immer, eher die Weisheit zu eigen, nicht alle anderen wertvollen Dinge des Lebens den Wegen zum Ruhm unterzuordnen.
    Vielleicht also etwas, das gar nicht mit der nächsten volkspädagogischen Kampagne geheilt werden müsste, sondern schlicht die ausgeübte Freiheit der Wahl darstellt.

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    Endlich mal ein schöne Geschichte in diesen Tagen. Wenn ich die Nachrichten ansehe oder in die Zeitungen sehe, wird mir inzwischen schon übel. Für Frau Pallotta freut es mich, dass sie einen Platz gefunden hat, an dem sie glücklich sein kann. Schön zu wissen, dass an manchen Orten das Glück wohnt.
    Der erste Kommentar fasst schon recht gut zusammen, warum es nicht mehr Menschen so machen. Außerdem fehlt auch vielen Leuten einfach das Grundkapital, um aus ihrem Hamsterrad zu flüchten. Zwar konnte Frau Pallotta diesen Neuanfang auch nicht ohne Geschäftspartner stemmen, doch immerhin hatte sie eigenes Kapital, welches sie einsetzen konnte.
    Dass Frauen diesen Ausstieg leichter wagen, kann ich übrigens nicht bestätigen. Ich habe selbst mal in einer Abteilung gearbeitet, in der ein Großteil der Frauen zutiefst unzufrieden war. Obwohl die meisten beste Qualifikationen hatten und gute Mitarbeiterinnen waren, haben sie sich trotzdem nicht getraut, ihre Stelle zu kündigen.

  4. Ich finde es unfair wenn man Unternehmensberatung studiert hat
    und dann auf einen Eisverkaufer reduziert. Wieso hat man denn die ganzen Thesen geschrieben. Ich finde keinen Grund die ganzen Pruefungen zu bestehen. Man braucht nicht analytisch zu studieren
    wenn man dahin ankommen will. Die effizienten Programmierungskentnisse brauchen viele in unserer modernen
    Welt. Manche Leute wollen das Leben von dem anderen gestallten.
    Wenn man so argumentiert, kann man genauso sagen: hoeren Sie auf mit Ihrem Job und gehen Sie in Fruehrente.

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    Im meinem Namen und sicher auch vieler anderer frage ich: Was?

    • nimo55
    • 09. August 2013 14:28 Uhr

    Über diesen Kommentar bin ich platt: das Leben besteht nicht nur aus Effizienz und materiellem Erfolg, wenn uns das auch von der Wortschaft immer gerne weiß gemacht wird (siehe mein Pferd, mein Auto, mein Haus oder so ähnlich!) Trotz der volkswirtschaftlich teuren Ausbildung mit hohem beruflichen Erfolg macht sie doch heute wohl etwas effizienteres als vorher sie und Ihre Kunden sind zufrieden. Volksmedizinisch lebt sie wahrscheinlich länger und zahlt somit auch länger Steuern bzw. belastet die Krankenkasse nicht so schnell wie bei ihrer vorherigen Berufstätigkeit!
    Ich schreibe das übrigens nicht nur sarkastisch. Mit knapp über 50 habe ich aufgehört als erfolgreiche Architektin zuarbeiten und ein kleines Café eröffnet. Ich betreibe es seit 6 Jahren, habe endlich mein Traumgewicht und nicht mehr notorisches Untergewicht, schlafe nachts durch und freue mich an Kleinigkeiten wie einem zufriedenen Gast, dem mein Essen oder Kuchen geschmeckt hat! Ein Lächeln kann die Welt verzaubern.
    Schade, dass so viele meiner Freundinnen meinen Mut bewundert haben, aber immer noch gefrustet im Hamsterrad laufen, es sei denn, sie kommen mal einen Kaffee bei mir zu trinken!

  5. Im meinem Namen und sicher auch vieler anderer frage ich: Was?

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  6. Endlich mal ein schöne Geschichte in diesen Tagen. Wenn ich die Nachrichten ansehe oder in die Zeitungen sehe, wird mir inzwischen schon übel. Für Frau Pallotta freut es mich, dass sie einen Platz gefunden hat, an dem sie glücklich sein kann. Schön zu wissen, dass an manchen Orten das Glück wohnt.
    Der erste Kommentar fasst schon recht gut zusammen, warum es nicht mehr Menschen so machen. Außerdem fehlt auch vielen Leuten einfach das Grundkapital, um aus ihrem Hamsterrad zu flüchten. Zwar konnte Frau Pallotta diesen Neuanfang auch nicht ohne Geschäftspartner stemmen, doch immerhin hatte sie eigenes Kapital, welches sie einsetzen konnte.
    Dass Frauen diesen Ausstieg leichter wagen, kann ich übrigens nicht bestätigen. Ich habe selbst mal in einer Abteilung gearbeitet, in der ein Großteil der Frauen zutiefst unzufrieden war. Obwohl die meisten beste Qualifikationen hatten und gute Mitarbeiterinnen waren, haben sie sich trotzdem nicht getraut, ihre Stelle zu kündigen.

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