Präsenz im BüroMit Anwesenheitspflicht ködert man keine Talente

Yahoo-Chefin Marissa Mayer hat den Trend gesetzt: Heimarbeit war gestern, die Mitarbeiter müssen wieder ins Büro. Sabine Hockling erklärt, was dabei schieflaufen kann. von 

Soziologieprofessor Jeff Ferrell Homeoffice

Darf im Homeoffice arbeiten: Jeff Ferrell, Soziologieprofessor an der Texas Christian University, in seinem Heimbüro im texanischen Fort Worth (Archivbild)  |  © Mike Stone/Reuters

Bisher durften meine Mitarbeiter ihr Homeoffice nach eigenem Gutdünken nutzen. Ich möchte das jetzt nicht mehr. Welche Folgen kann dieses Verbot haben?, fragt Jens Bonnemann, Geschäftsführer einer Unternehmensberatung.

Sehr geehrter Herr Bonnemann,

Sie gehen ein großes Risiko ein, wenn Sie plötzlich die Anwesenheitspflicht einführen. Denn so könnten Sie viele Mitarbeiter demotivieren und vergraulen. Für viele, insbesondere jüngere Mitarbeiter macht Flexibilität einen attraktiven Arbeitgeber aus. Sie wünschen sich in der Regel eine Unternehmenskultur, die zu ihrem Lebensmodell passt.

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Yahoo hat ja vor einer Zeit mit dieser Maßnahme für Wirbel gesorgt. Marissa Mayer, CEO bei Yahoo, begründete seinerzeit ihr Vorgehen damit, dass Kommunikation und Zusammenarbeit wichtig seien. Seite an Seite zu arbeiten sei deshalb unerlässlich, damit Yahoo zum absolut besten Arbeitsplatz werden könne. Mayer vertritt die Meinung, dass die besten Ideen auf dem Gang, in Ad-hoc-Team-Meetings oder auch in Kantinengesprächen entstehen.

Chefsache: Fragen von Führungskräften

Wie gelingt gute Personalführung und was zeichnet einen fairen Chef aus? Jede Woche, immer freitags, beantwortet die Management-Expertin Sabine Hockling in der Serie "Chefsache" Fragen von Führungskräften.

Schreiben Sie uns (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Damit steht sie nicht allein da. Kurz nach der Yahoo-Bekanntgabe zog Best Buy, ein Anbieter von Unterhaltungselektronik, nach. Denn für Best Buy sind mittlerweile nicht mehr nur die Ergebnisse wichtig. Das Unternehmen möchte auch sehen, wie die Mitarbeiter ihre Arbeit erledigen.

Sabine Hockling
Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie Chefsache. Seit 2014 im neuen Format: Immer freitags spricht sie mit der Managerin Linda Becker über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, der Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Für den Virgin-Gründer Richard Branson ist das eine wenig fortschrittliche Haltung. Er setzt nach eigenen Angaben bei der Zusammenarbeit auf Vertrauen statt Kontrolle. Meiner Meinung nach ist das ein sinnvoller Weg, denn wer seinen Mitarbeitern die Fähigkeit aberkennt, selbstbestimmt zu handeln, demotiviert und frustriert seine Belegschaft.

Wichtig ist aber auch, dass Unternehmen genau hinschauen, wer im Homeoffice tätig sein möchte. Zum einen besitzt nicht jeder Mitarbeiter die Fähigkeit, selbstorganisiert zu arbeiten (er kann es jedoch lernen). Zum anderen wünschen sich nicht alle Arbeitnehmer diese Flexibilität. Denn ein Homeoffice bedeutet, hochgradig selbstorganisiert zu arbeiten. Neben der selbstständig einzuteilenden Arbeitszeit müssen Mitarbeiter die Kommunikation selbst am Laufen halten (z.B. sich Feedback einholen). Und um Ziele nicht zu gefährden, müssen sie absehen können, wann ihre Anwesenheit notwendig ist.

Die Frage ist aber überhaupt, ob Arbeitsergebnisse wirklich an Arbeitsort und -zeit hängen. Oder, ob die Diskussion sich nicht vielmehr um Vertrauen versus Kontrolle drehen sollte. Wie produktiv virtuelle Teams sind, ist messbar. Sie sollten auch nicht vergessen, dass es Mitarbeiter gibt, die im Homeoffice produktiver sind, und Aufgaben, für die man sich zurückziehen muss, um sie effizient erledigen zu können.

Wenn es mehr um Kontrolle als um Arbeitsproduktivität geht, könnten Unternehmen wie Yahoo und Best Buy durch ihren Kurs den Kampf um die besten Talente verlieren.

Ihre Sabine Hockling

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Leserkommentare
  1. steht vermutlich jeweils die Erkenntnis, dass Lebensmodell hin, Wohlfühlfaktor her die Ergebnisse doch nicht so super gewesen sind, dass es keinen Besserungsbedarf gäbe.
    "Die Frage ist aber überhaupt, ob Arbeitsergebnisse wirklich an Arbeitsort und -zeit hängen."
    Die Gegenfrage ist, ob Motivation und Leistung der "Talente" tatsächlich so an Arbeitsort und -zeit hängen, oder ob man nicht genauso, wie man lernen kann, sich selbst zu organisieren, lernen kann, sich örtlich und zeitlich ins Unternehmen zu integrieren und trotzdem produktiv zu sein.

    Im Übrigen wird aus der Frage noch nichtmal klar, was der "Geschäftsführer einer Unternehmensberatung" denn eigentlich will.

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    • dp80
    • 23. Juli 2013 17:50 Uhr

    "oder ob man nicht genauso, wie man lernen kann, sich selbst zu organisieren, lernen kann, sich örtlich und zeitlich ins Unternehmen zu integrieren und trotzdem produktiv zu sein."

    Meist liegt es doch nicht am Einzelnen, sondern am Arbeitskontext im Büro. Der sieht oft so aus, dass man von ??:00 bis 16:00 mit Anrufen, unproduktiven Meetings, E-Mails etc. bombardiert wird und dann zwischen 16:00 und 22:00 endlich Ruhe hat, um die wirkliche Arbeit zu erledigen. Ich finde es gut, dass junge Menschen sich (angeblich) herausnehmen, in einem solchen Arbeitskontext nicht arbeiten zu wollen.

    ... in der Schule so. Die Mittelmäßigen brauchten einen gewissen Rahmen bzw. Struktur, während die Talentierten den Sozialismus in der Gruppenarbeit zum Schnarchen fanden.

    Die Frage ist nur ob man eine so große Firma asuschließlich mit solchen Leuten vollkriegt. Und es braucht ja auch immer das wenig kreative BWL Fußvolk für Aufgaben die (noch) kein Computer erledigen kann.

  2. Es gibt sicherlich Aufgaben, die man ganz alleine in seinem eigenen Kämmerlein bewältigen kann. In den meisten Unternehmen sind aber heutzutage die Herausforderungen so immens, dass sie nur von dynamisch agierenden Teams bewältigt werden können. Bei Homeoffice ist man hier sprichwörtlich ganz weit weg vom Schuss und bekommt eigentlich gar nichts mit. Da die Kommunikation mit den zuhause arbeitenden Kollegen teuer (heißt: zeitlich aufwändig) ist, werden Aufgaben bevorzugt an die Kollegen vor Ort vergeben. Die Homeoffice-Office Kollegen werden umschifft. Das sind ganz natürliche automatische Prozesse der Optimierung von Arbeitsflüssen. Im Endeffekt wird der Homeoffice-Mitarbeiter in Ruhe gelassen. Es kommt zu paradoxen Situationen, wo im Büro die Luft brennt, die Kunden ausflippen, der Chef kurz vor dem Herzinfarkt steht und der Kollege zuhause seelenruhig seinen Kaffee trinkt, weil er von alledem nichts mitbekommt. Nach einer Weile kann sich sogar herausstellen, dass man auch sehr gut ohne den Mitarbeiter daheim auskommt und/oder ein anderer seinen Job vor Ort erledigt.

    Man darf auch nicht verschweigen, dass zuhause sehr viele Störfaktoren existieren. Es kann sich herausstellen, das man den ganzen Tag gar nicht gearbeitet hat, weil der Briefträger geklingelt hat, die Kinder gequengelt haben, die Milch gerade alle war und man zum Laden musste, der Hund Gassi gehen wollte und weil man dann beim angestrengten Nachdenken über ein Problem auf dem Sofa plötzlich eingeschlafen ist.

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    Das kann ich grob bestätigen als jemand, der die Möglichkeit hat, Homeoffice zu arbeiten. Das mache ich aber nur, wenn es nicht anders geht. Wenn sich der Handwerker mal zwischen 11:00 und 13:00 ansagt, muss man nicht einen Tag frei nehmen. Dann lege ich mir für den Tag Arbeit zurecht, bei dem ich möglichst eigenständig mit möglichst wenig Kommunikation arbeiten kann.

    Es gibt allerdings auch welche, die regelmäßig davon Gebrauch machen. Das schränkt ungemein ein. Ein Telefonat ist schnell getätigt, aber für wichtige Besprechungen im Team hat man damit einen sehr engen Spielraum und so werden wichtige Dinge aufgeschoben, weil Person XYZ erst morgen wieder da ist.

    Allerdings zeigt der Artikel die falschen Vergleiche.
    1) Ein Vergleich mit amerikanischen Unternehmen funktioniert nie aufgrund der der zu unterschiedlichen Arbeitsmentalitäten und auch Kommunikation zwischen Vorgesetzten/ Angestellten.

    2) Virgin als Positivbeispiel zu nehmen, ist nun nicht gerade die beste Wahl, um Arbeit vor Ort als Kreativküche zu beschreiben - ist es doch gerade die Musikindustrie, die nicht gerade durch Kreativität glänzt und dem Internetzeitalter immer noch 2 Jahrzehnte hinterherhinkt.

    • Ortrun
    • 23. Juli 2013 16:38 Uhr

    Auf der einen Seite werden internationale Entwickungs- und Vertriebsabteilungen zusammengelegt und man soll mit Kollegen aus Europa, Amerika und Asien im Team arbeiten. Auf der anderen Seite soll die Arbeit im Homeoffice kontraproduktiv sein? Was für ein Unsinn!

    Natürlich kann man nicht jeden Job von zu Hause aus machen und natürlich gehört eine gewisse Selbstdisziplin dazu. Zusätzlich zur Infrastruktur.

    @2: Vergessen Sie's, sie sind für einen Homeoffice-Job nicht geeignet. Es gibt aber sehr wohl Menschen, die die passende Disziplin besitzen.

    @1: Sie mussten offenbar noch nie Kinder- oder Seniorenbetreuung und Beruf unter einen Hut bringen. So völlig losgelöst ist aber nicht jeder.

    Mal ganz abgesehen davon: Ich arbeite seit über 10 Jahren teilweise im Homeoffice und ich nehme mir für zu Hause ganz bewusst die Dinge mit, die viel Konzentration und Ruhe brauchen, denn die habe ich in der Firma oft nicht, wo ständig jemand den Kopf zur Tür rein steckt und irgendwas will.

    Aus meiner Erfahrung kann ich aber auch sagen, dass ich bewußt ein Drittel bis die Hälfte meiner Arbeitszeit in der Firma verbringe, weil der direkte soziale Kontakt wichtig ist und weil ich schneller eine Antwort bekomme, wenn ich meinerseits mal den Kopf zur Tür rein strecke, als wenn ich Mails schreibe oder auf Anrufbeantworter spreche. Mit den Kollegen im Ausland geht das natürlich trotzden nicht.

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  3. "Man darf auch nicht verschweigen, dass zuhause sehr viele Störfaktoren existieren. Es kann sich herausstellen, das man den ganzen Tag gar nicht gearbeitet hat, weil der Briefträger geklingelt hat, die Kinder gequengelt haben, die Milch gerade alle war und man zum Laden musste, der Hund Gassi gehen wollte und weil man dann beim angestrengten Nachdenken über ein Problem auf dem Sofa plötzlich eingeschlafen ist."

    Man darf auch nicht verschweigen, dass im Büro sehr viel Störfaktoren existieren. Es kann sich herausstellen, dass man den ganzen Tag gar nicht gearbeitet hat, weil die Kollegen einem von ihrem Urlaub erzählt haben, die Zigarettenpause nicht enden wollte, der Kaffee neu gekocht werden musste, die Kantine rief, der Kollege aus der Abteilung Buchhaltung sich mit einem verquatscht hatte und man dann beim angestrengten Nachdenken über ein Problem merkte, dass ja bald Feierabend ist und es sich nicht mehr lohnt, noch was anzufangen. ;-)

    Was fürs Homeoffice gilt, gilt auch fürs Büro. Wie viel Zeit ich schon im Büro mit nutzlosem Krempel und Gequatsche verplempert hat, geht auf keine Kuhhaut. Präsenzpflicht ist für`n Allerwertesten. Da lobe ich mir mein Homeoffice. Klar, manchmal vertrödel ich auch im Homeoffice Zeit, aber die hole ich an anderer Stelle wieder nach. Wenn ich aus dem Büro ging, holte ich nichts nach.

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    • dp80
    • 23. Juli 2013 17:50 Uhr

    "oder ob man nicht genauso, wie man lernen kann, sich selbst zu organisieren, lernen kann, sich örtlich und zeitlich ins Unternehmen zu integrieren und trotzdem produktiv zu sein."

    Meist liegt es doch nicht am Einzelnen, sondern am Arbeitskontext im Büro. Der sieht oft so aus, dass man von ??:00 bis 16:00 mit Anrufen, unproduktiven Meetings, E-Mails etc. bombardiert wird und dann zwischen 16:00 und 22:00 endlich Ruhe hat, um die wirkliche Arbeit zu erledigen. Ich finde es gut, dass junge Menschen sich (angeblich) herausnehmen, in einem solchen Arbeitskontext nicht arbeiten zu wollen.

  4. Das kann ich grob bestätigen als jemand, der die Möglichkeit hat, Homeoffice zu arbeiten. Das mache ich aber nur, wenn es nicht anders geht. Wenn sich der Handwerker mal zwischen 11:00 und 13:00 ansagt, muss man nicht einen Tag frei nehmen. Dann lege ich mir für den Tag Arbeit zurecht, bei dem ich möglichst eigenständig mit möglichst wenig Kommunikation arbeiten kann.

    Es gibt allerdings auch welche, die regelmäßig davon Gebrauch machen. Das schränkt ungemein ein. Ein Telefonat ist schnell getätigt, aber für wichtige Besprechungen im Team hat man damit einen sehr engen Spielraum und so werden wichtige Dinge aufgeschoben, weil Person XYZ erst morgen wieder da ist.

    Allerdings zeigt der Artikel die falschen Vergleiche.
    1) Ein Vergleich mit amerikanischen Unternehmen funktioniert nie aufgrund der der zu unterschiedlichen Arbeitsmentalitäten und auch Kommunikation zwischen Vorgesetzten/ Angestellten.

    2) Virgin als Positivbeispiel zu nehmen, ist nun nicht gerade die beste Wahl, um Arbeit vor Ort als Kreativküche zu beschreiben - ist es doch gerade die Musikindustrie, die nicht gerade durch Kreativität glänzt und dem Internetzeitalter immer noch 2 Jahrzehnte hinterherhinkt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Glasglocke Homeoffice"
  5. Das mag von Firma zu Firma anders sein und mit
    manchen Mitarbeitern funktioniert es auch, aber meine
    Erfahrung ist, das das im Mittel nicht klappt.

    Die Leute sind nicht vernünftig erreichbar und
    die Tage an denen sie da sind, sind üblicherweise mit
    Meetings zugepflastert - so dass sie wieder nicht
    erreichbar sind.

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    ... klappt dann aber die Zusammenarbeit super, alle relevanten Personen treffen sich im Teamspeak um sich abzustimmen.

    Ich behaupte das Homeoffice sehr produktiv sein kann, aber nicht wenn man mit Kollegen arbeiten muss die aufs Telefon bestehen und keine Erfahrung mit der Zusammenarbeit übers Netz haben weil Sie sich nie mit kooperativen Computerspielen beschäftigt haben.

    Eine Firma die Homeoffice anbietet sollte bei der Anstellung prüfen ob die Bewerber Erfahrung mit Computerspielen haben. Wem die Erfahrung fehlt z.B. bei BF3 mit bis zu 63 anderen Spieler über das Netz zu interagieren, kann doch auf einem globalisierten Arbeitsmarkt kaum mithalten.

  6. Anfang der achtziger gegen den damaligen Mainstream einer Verwaltung den
    Satz zu implementieren und ein bisschen umzusetzen, dass einen Chef nicht interessiert, wo der Hintern eines Mitarbeiters die Arbeitszeit verbringt, sondern, ob der Kopf bei der Arbeit und produktiv ist, war schon ein grosser Schritt.

    Wie immer , wenn man daraus ein entweder oder wird, ist das wie bei jeder mehr ideologischen Debatte für das Management, die wie Serien aus der Betriebswirtschaftslehre über die betriebliche Praxis hineingebrochen sind,
    fruchtlos, wenn sie nicht auf die spezifischen Besonderheiten von Arbeit, Branche, Bedingungen und Restriktionen ausgerichtet werden.

    Darüber hinaus ist wichtig, wenn etwas nur eingeschränkt funktioniert, das partizipativ mit den Mitarbeitern zu verändern und zu regeln.
    Sonst droht daraus eine dauerhafte und spürbare Schleifspur in den Köpfen und damit in einem Betrieb zu hinterlassen.

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  • Serie Chefsache
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Yahoo | Marissa Mayer | Arbeitszeit | Kommunikation | Richard Branson | Arbeitgeber
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