FrauenquoteDeutschland will EU-Frauenquote kippen

Die Frauenquote in Aufsichtsräten könnte am Widerstand Deutschlands und weiterer EU-Länder scheitern. Insgesamt haben neun Staaten ihr Veto im Ministerrat angekündigt.

Derzeit wird über die geplante EU-Frauenquote im Europäischen Rat verhandelt. Bereits jetzt haben sich neun Länder in Gänze gegen den Vorschlag von Justizkommissarin Viviane Reding ausgesprochen. Die Unterzeichner sind Deutschland, Großbritannien, Schweden, Dänemark, die Niederlande, Estland, Litauen, Ungarn und Tschechien. Das berichtet die Welt am Sonntag und zitierte am Freitag vorab aus einer gemeinsamen Erklärung der Länder.

"Wir unterstützen die Annahme rechtsverbindlicher Regeln für Frauen in Aufsichtsräten auf EU-Ebene nicht", soll es in der Stellungnahme heißen, die beim letzten Treffen der Arbeits- und Sozialminister Ende Juni beschlossen worden sein soll. Die Ablehnung des Quotenvorschlags in Gänze dürfte Justizkommissarin Reding nicht erstaunen. Schon als der Vorschlag im vergangenen Herbst von der EU-Kommission angenommen wurde, hatte sich großer Widerstand geregt. Damals hatten noch zehn Länder Widerstand angekündigt: Großbritannien, Bulgarien, Tschechien, Dänemark, Ungarn, Litauen, Malta, die Niederlande, Schweden und Slowenien erklärten, dem Vorschlag im EU-Ministerrat nicht zustimmen zu wollen.

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Besonders Deutschland soll sich gegen die Quote starkgemacht haben und heimlich Gegner gesucht haben. Rein rechnerisch könnten die neun Länder es so schaffen, bei einer Abstimmung im EU-Ministerrat den Gesetzesvorschlag scheitern zu lassen. Gemeinsam haben sie 120 der insgesamt 352 Stimmen.

Für eine Frauenquote
  • Es geht um Chancengleichheit und Gleichberechtigung: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung und sie sind genauso gut ausgebildet wie Männer.
  • Unternehmen, deren Führungsspitze aus Männern und Frauen besteht, erzielen bessere Ergebnisse.
  • Ein Großteil der Kaufentscheidungen wird von Frauen getroffen. 
  • Durch einen höheren Frauenanteil verbessert sich das Betriebsklima, die von Männern geprägten Spielregeln in Kommunikation und Karriereverhalten ändern sich mit mehr Frauen an der Spitze. 
  • Männer fördern eher Männer – und weil die Führungspositionen überwiegend mit Männern besetzt sind, rücken Frauen bei der Besetzung der Spitzenposten weniger ins Blickfeld. Es handelt sich um ein sich selbst erhaltendes System.
  • Frauen sind aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisierung oft nicht so stark darin, ihre Stärken und Erfolge zu kommunizieren. Sie machen weniger stark auf sich aufmerksam.
  • Es gibt viele Karrierenetzwerke und Eliteklubs, zu denen nur Männer Zutritt haben. Hier findet informelles Mentoring statt und hier werden die entscheidenden Karrierekontakte gemacht. Weil Frauen keinen oder nur schwer Zugang zu den Männernetzwerken haben, können sie von den Netzwerken kaum profitieren.

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Gegen eine Frauenquote
  • Eine Frauenquote diskriminiert Männer.
  • Eine gesetzliche Quote greift in die unternehmerische Freiheit ein.
  • Durch die Quote wird Geschlecht zum Kriterium für die Besetzung einer Spitzenposition. Dabei sollte die Leistung und die Qualifizierung entscheidend sein.
  • Frauen werden als Quotenfrau in Unternehmen stigmatisiert.
  • In einigen Branchen und Unternehmen gibt es nicht ausreichend qualifizierte Frauen, um eine Quote einzuführen und einzuhalten.
  • Mädchen und junge Frauen wählen immer noch traditionelle Frauenberufe, aus denen heraus eine Karriere in eine Führungsposition unwahrscheinlich ist.
  • Viele Frauen wollen gar keine Karriere machen, sondern entscheiden sich bewusst für Familie.

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Einigen geht es dabei aber gar nicht darum, die Frauenquote an sich zu verhindern. Sie kritisieren, die EU sei nicht zuständig für die Förderung der Chancengleichheit der Geschlechter per Quote: "Wir nehmen den Standpunkt ein, dass es in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten liegt, ihre eigenen, nationalen Mittel und Wege zu finden, um dieses Ziel zu erreichen", zitiert die Welt am Sonntag aus dem Papier.

Hintergrund dieses Standpunktes sei das EU-Prinzip, dass Staaten bei Handlungsbedarf notwendige Regelungen möglichst selbst treffen sollten. Außerdem müsse der Verschiedenheit der Gesellschaftssysteme Rechnung getragen werden.

EU-Justizkommissarin Viviane Reding will bis 2020 eine einheitliche Frauenquote für börsennotierte und öffentliche Unternehmen durchsetzen. In dem entsprechenden Gesetzentwurf ist vorgesehen, dass 40 Prozent der Aufsichtsratsmandate mit Frauen besetzt werden. Kleine und mittlere Unternehmen sind von den Plänen ausgenommen. Einige Abgeordnete des Europaparlaments wollen aber auch solche Unternehmen einbeziehen, wenn diese börsennotiert sind.

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Leserkommentare
    • ZPH
    • 26. Juli 2013 18:35 Uhr

    Soll diese Viviane Reding doch in ihrem Land machen was sie will, hier hat sie kein demokratisches Mandat für irgendwas. Und soll jedes Land doch soviel Quoten bei sich einführen wie die dort demokratische gewählte Regierung es will. Warum muss sicher dieser arrogante EU-Verein mit seine Kommissaren, Räten und Gouverneuren immer mehr in Dingen einmischen, die ihn absolut nichts angehen.

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    ... Ihr etwas schräges demokratisches Verständnis hätte zur Folge, dass Oettinger ausschließlich für deutsche Energiefragen zuständig wäre. Am besten, Sie machen sich über den Geltungsbereich der Kommissare kundig und ich erhol mich bei einem Eis von dem Schreck, den Sie mir eingejagt haben.

  1. Ich studiere Ingenieurwissenschaften an einer renommierten deutschen technischen Universität. Mit 17% sind wir Wirtschaftsingenieure derzeit der frauenstärkste Ingenieurstudiengang. Regelmäßig erleben wir bei Einstellungsgesprächen in großen Konzernen, dass selbst geringer qualifizierte Frauen aufgrund ihres Geschlechts gegenüber besser qualifizierten Männern bevorzugt eingestellt werden. Die Unternehmen suchen weibliche Führungskräfte - finden aber kaum welche.

    Die deutschen DAX-Konzerne sind fast ausschließlich Industrie-Unternehmen. Wer dort in eine Führungsposition möchte, muss Natur-/ Ingenieurwissenschaften oder Betriebswirtschaft studiert haben. Solange sich Frauen aber immer noch fast ausschließlich für Sozial- und Geisteswissenschaften entscheiden, werden auch kaum Frauen in die Führungspositionen und/oder Aufsichtsräte der DAX-Konzerne nachrücken.

    Die Quote setzt daher bei den Symptomen, nicht aber bei den Ursachen an. Wer mehr Frauen in Aufsichtsräten haben möchte, sollte heute mehr junge Frauen für ein techinsches/ingenieurwissenschaftliches Studium motivieren und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Dann werden wir in 30 Jahren auch mehr Frauen in den Führungsetagen der Industriekonzerne vorfinden.

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    Männer gibt es für eine 40%-Quote ebensowenig.

    • YaelS
    • 27. Juli 2013 19:24 Uhr

    Ich hab's oft genug erlebt, daß der mit der größten Klappe und den buntesten PowerPoint-Präsentationen am schnellsten aufgestiegen ist.

    Machen wir uns nichts vor, es fehlt noch mehr an qualifizierten Männern im Management. Die meisten sind nur daran interessiert, ja nichts falsch zu machen. Lieber tun sie gar nichts bevor sie ein Risiko eingehen.

  2. Weil sie einfach unfassbar großes Unrecht gegenüber Männern wäre. Systematisch, staatlich erzwungene Diskriminierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. So etwas darf es nicht geben.

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    • brimue
    • 27. Juli 2013 21:43 Uhr

    Dieses 'unfassbare" große Unrecht ertragen Frauen seit Jahrhunderten - die meisten von ihnen mit deutlich weniger Geschrei als Sie hier anschlagen!

    • Quas
    • 26. Juli 2013 18:53 Uhr

    sinnvoll, zB beim Umwelt- oder Artenschutz. Atomkraftwerken ist es egal, wenn Sie benachteiligt werden.
    Ich halte eine Frauenquote für nicht sinnvoll und untragbar in einer gerechten Gesellschaft. Daher begrüße ich die deutsche Haltung und bin froh, dass die Grüninnen auch im Jahr 2014 nicht auf der Regierungsbank sitzen werden.

    7 Leserempfehlungen
  3. mit Merkels rechter Hand und ihrem leicht verklärten Gesichtsausdruck finde ich zunächst das Foto einfach nur göttlich! ☺

    Ansonsten ist die Stellungnahme Deutschlands im Sinne der Vertragsfreiheit, der Gleichberechtigung (nicht mit Gleichstellung zu verwechseln) und der Möglichkeit Redings, sich nun mehr auf wirkliche Probleme wie etwa den NSA-Skandal zu konzentrieren, positiv zu bewerten.

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    • ZPH
    • 26. Juli 2013 18:55 Uhr

    Großbritannien, Bulgarien, Tschechien, Dänemark, Ungarn, Litauen, Malta, die Niederlande, Schweden und Slowenien haben 120 der er insgesamt 352 Stimmen.

    Und wieviele der 352 Stimmen hätten diese Ländern wenn es für das EU-Parlament kein Klassenwahlrecht gäbe, sondern die Stimmen aller Bürger unabhängig von ihrer Nationalität gleich viel zählen würden?

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  4. Kann man den Satz umschreiben...

    "Besonders Deutschland soll sich gegen die Quote starkgemacht haben und heimlich Gegner gesucht haben."

    zu:

    "Besonders Frauen soll sich gegen Steinbrück starkgemacht haben und heimlich Gegner gesucht haben."

    und er gülte?

    Was ich meine. Ist ja Wahlkampfzeit und ist es falsch anzunehmen, das besonders Frauen Merkel lieber wählen als Steinbrück?

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    "Was ich meine. Ist ja Wahlkampfzeit und ist es falsch anzunehmen, das besonders Frauen Merkel lieber wählen als Steinbrück?"

    Ja, das ist grotesk falsch! Frauen haben sicher andere Argumente für oder gegen eine Person, die gewählt werden will, als das Geschlecht dieser Person. Wir sind deutlich intelligenter als Ihre sexistische Frage impliziert. Und ich möchte Ihnen noch etwas verraten: Ich werde weder Merkel noch Steinbrück wählen. Was sagen Sie jetzt?

    • FoTu4
    • 27. Juli 2013 9:45 Uhr

    Bei Agens finden Sie eine Umfrage die sich an die Parteien richtet. Aus den Ergebnissen wird man(n) sehen können, wqelche Partei für Männer eigentlich wählbar ist:

    http://agensev.de/meldung...

  5. ... dass es die EU-Regierungen doch noch schaffen, ausreichend gesunden Menschenverstand zu aktivieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, tgr
  • Schlagworte EU-Kommission | Viviane Reding | EU-Ministerrat | Estland | Herbst | Unternehmen
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