Serie ChefsacheWie integriere ich behinderte Mitarbeiter?

Menschen mit Behinderung haben es im Arbeitsleben oft schwerer als die Kollegen ohne Handicap. Was kann der Arbeitgeber tun, um ihnen den Arbeitsalltag zu erleichtern? von 

Ich möchte gern Mitarbeiter mit Behinderung einstellen. Wie schaffe ich ihre Integration ins Team?, fragt Johann Schäfer, Inhaber eines Holzfachhändlers.

Sehr geehrter Herr Schäfer,

wer Beschäftigte mit Handicap einstellen möchte, hat nicht nur Regeln zu beachten, sondern sollte vor allem das Ziel verfolgen, diese Beschäftigten couragiert im Unternehmen zu integrieren. Schauen Sie daher nicht auf die Schwächen der Beschäftigten, sondern auf ihre Stärken und setzen Sie sie gezielt ein.

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Dass das erfolgreich funktionieren kann, zeigen diverse Beispiele. So hat Ikea Würzburg bei der Eröffnung 2009 auch Mitarbeiter mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung eingestellt. Für die Herausforderung, abzusehen wann eine Belastung zu hoch oder auch zu gering für diese Mitarbeiter ist, setzt das Unternehmen auf Vorarbeiter, die von den Mitarbeitern mit Handicap mitgebracht werden. Der Vorteil: Der Vorarbeiter kann Arbeitstempo und Aufgaben für die jeweiligen Mitarbeiter einschätzen.

Chefsache: Fragen von Führungskräften

Wie gelingt gute Personalführung und was zeichnet einen fairen Chef aus? Jede Woche, immer freitags, beantwortet die Management-Expertin Sabine Hockling in der Serie "Chefsache" Fragen von Führungskräften.

Schreiben Sie uns (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Wichtig für diese Mitarbeitergruppe sind außerdem das Vermeiden von zu vielen Aufgaben gleichzeitig sowie das Festlegen klar definierter Arbeitszeiten mit geregelten Abläufen. Die Audi AG in Ingolstadt zum Beispiel regelt das über ein Koordinationsteam. Es analysiert die Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiters, um anschließend die Lücke, die es zu Standardleistungen gibt, mit individuellen Lösungen zu überwinden. Das funktioniert bei Audi unter anderem auch deshalb, weil alle Führungskräfte die Integration als Teil ihrer Arbeit verstehen.

Neben infrastrukturellen Erfordernissen (z.B. adäquate Beleuchtungen, rollstuhlgängige Toiletten, sprechende Computer und Fahrstühle) ist die Integration ins Unternehmen ein wichtiger Aspekt. Um Vorurteile und Widerstände aufzulösen, muss die Führungsebene als Vorbild dienen. Mitarbeiter mit Handicap gelangen schnell an ihre Grenzen, wenn im Unternehmen nur auf Effizienz und Geschwindigkeit geachtet wird. Daher ist die Arbeitseinstellung der Vorgesetzten entscheidend.

Sabine Hockling
Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie Chefsache. Seit 2014 im neuen Format: Immer freitags spricht sie mit der Managerin Linda Becker über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, der Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Nils Jent, Diversity-Experte an der Universität St. Gallen und aufgrund operativer Folgen nach einem Verkehrsunfall körper- und sprechbehindert sowie blind, hat mit Martin Hilb das Instrument Diversity Optima entwickelt, dass Sie dabei unterstützt, Ihre Mitarbeiter heterogen zusammenzustellen. Der Vorteil dieser Arbeitspartnerschaften: Zum einen multiplizieren sich die positiven Effekte aufgrund der unterschiedlichen Fähigkeiten, die auf eine Behinderung oder Nichtbehinderung zurückzuführen sind. Zum anderen sind so Hemmnisse wie ein Handicap kaum noch relevant.

Machen Sie Ihrer Belegschaft deutlich, wie wichtig Ihnen als Arbeitgeber der Einsatz von Menschen mit Handicap in Ihrem Unternehmen ist. Verdeutlichen Sie die Vorteile, die diese Zusammenarbeit für alle hat. Betonen Sie aber auch, dass die Integration und die positiven Effekte Zeit benötigen.

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Leserkommentare
  1. Es wäre schön, wenn es mehrere Arbeitgeber geben würden, die Arbeitnehmer/innen mit Handicap einstellen würden. Meiner Erfahrung nach, tun das Firmen aber nur, wenn Sie dafür Zuschüsse aus öffentlichen Kassen bekommen.
    Bestes Beispiel aus meinem bescheidenen Leben: Ein neuer taubstummer Mitarbeiter würde nur eingestellt, wenn im Fertigungsbereich eine neue vollautomatische Hubhilfe (30.000€) von der öffentlichen Hand finanziert wird.
    Wohle dem, der erst nach einer Festanstellung ein Handicap bekommt. Menschen ohne Festanstellung, die dann ein Handicap bekommen, werden doch nie von einem Arbeitgeber eingestellt!
    Vielleicht sollte man das den Konzernen als Pflicht auferlegen, genau solchen Leuten mit Handicap eine Festanstellung zu ermöglichen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Da gibt es nur eins, die Politik auf ihre Versprechungen festzunageln, was Integration von Behinderten ins Arbeitsleben angeht. Bei uns wurde extra ein Treppenlift in der Firma eingebaut, das meiste davon wurde von den Behörden gezahlt und der neue Mitarbeiter macht das mehr als wett, da seine Behinderung ihm bei seiner Tätigkeit keineswegs im Wege steht. Die Technik ist soweit, die Gesellschaft noch nicht. Übrigens hat uns der Installateur vom Lift sehr gut beraten, wie man Zuschüsse bewilligt bekommt. http://www.hiro.de/

  3. Aller Anfang ist schwer, besonders da leider noch immer so unglaublich viele Vorurteile und Vorstellungen vorherrschen.
    Auch in diesem Artikel heißt es "Wichtig für diese Mitarbeitergruppe sind außerdem das Vermeiden von zu vielen Aufgaben gleichzeitig sowie das Festlegen klar definierter Arbeitszeiten mit geregelten Abläufen."
    Aber ist das nicht für JEDEN Mitarbeiter wichtig? Und wieso sollte eine Mensch mit einer Gehbehinderung mehr Probleme mit "vielen Aufgaben gleichzeitig" haben, als ein Mensch ohne Gehbehinderung?

    Kommunikation ist hier ein wichtiges Stichwort. Wieso nicht einfach nachfragen und herausfinden, was die Mitarbeiter brauchen?
    Und wenn der Arbeitgeber das Thema Behinderung zum Nachfragen noch immer zu heikel findet, gibt es schließlich inzwischen - ganz wunderbar anonyme - Internetportale wie http://selfpedia.de oder ähnliche, auf denen einfach nachgefragt werden kann.

  4. Es ist doch letzlich unerheblich, ob behindertengerechte Maschinen und das päd.Begleitpersonal in BehindertenWerkstätten oder in echten Wirtschaftsbetrieben vom Staat finanziert werden! Nach wie vor ist der Staat, sind die Beamten die Verursacher dieser Problematik. Waren Behinderte vor dem Schulleben oft unter Nachbarschaftskindern problemlos integriert, verschwinden sie oft bei der Einschulung und auch später aus dem Blick der Öffentlichkeit. Somit SELEKTIEREN Lehrer/Schulen/Ministerien u. demnach also der STAAT BEHINDERTE von Nichtbehinderten heraus. Das zeigt, welches Menschenbild in Deutschlands 17 überteuren 'Selektions-Bildungsministerien' eigentlich nach wie vor vorherrscht.... m.E.n. ist es ein irrationales biologistisches Elite-Denken, welches die gesellsch. Nebenwirkungen nicht berücksichtigt, s. aktuellen Zeit-Artikel, u.auch OECD-Studien etc.
    Behinderte haben deshalb eine sehr schwache Lobby.
    Trotz einiger aktueller Gegenbemühungen, die allerdings erst seit 2009 aufgrund des internationalen Drucks u durch die UN-Konvention namens 'Inklusion' entstanden arbeiten zB Sonderpädagogen und Realschullehrer a schulen zusammen.

    Übertragen auf die Wirtschaft: Betreuungspersonal das normalerweise in WfBMs arbeitet, unterstützt als Integrationshelfer, co-finanziert zB über das Persönliche Budget, SGB IX §17 ff (Teilhabe z. Arbeitsleben)
    Dies geschieht mittlerweile längst bei vielen Betrieben und Projekten, wenn es die 'bürokratischen Integrations-Hürden' überwunden hat.
    MFG

  5. Allerdings gibt es hierbei ein Dilemma:
    Bislang finanziert der Staat über die Wohlfahrtsverbände (Paritätischer,Diakonie,AWO) die 'Selektions-Ebenen' Sonderschule und auch die Behinderten-Werkstätten. Letzteres unter der sozialrechtlichen Maßgabe, dass die Behinderten eine 'wirtschaftlich verwertbare Arbeit von mind. 3Std täglich' verrichten können, also alles künstliche Bürokratische Sprache. Was wiederum (nach meiner Erfahrung) bedeutet, dass diese WfBMs kein Interesse daran haben, dass Behinderte in die Gesellschaft integriert werden, da ihnen sonst Geld fehlt. Somit haben diese Einrichtungen also auch eine Alibi-Funktion, als Entlastung der Familien, oder als Wohlfühl-Einrichtung und sind für einen Teil der dort Beschäftigten auch zweckmäßig.

    Aber eben genau diese 'gesellschaftliche Entlastungsfunktion' sollte Firmen der freien Wirtschaft auch möglich sein, wenn sie zB behinderte Menschen mit ihrem selbstgewähltem Begleitpersonal (falls nötig) integrieren. Hoch im Kurs sind ja derzeit die Menschen die unter das sog. AUTISTISCHE SPEKTRUM fallen. Und ich glaube es ist sogar der IBM-Konzern welcher sich deren rationalen Inselbegabungen zu eigen machen versucht, indem es sie vermehrt als IT-Spezialisten einstellt...trotz der zuggbn nicht einfachen zwischenmenschlichen Begleitprobleme die dadurch auftauchen, aber dafür gibt es dann den Integrations-Helfer an deren Seite im Arbeitsteam.

    Es wäre vieles möglich, würden wir mehr ressourcenorientiert sehen und handeln ;-)
    MFG

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  • Serie Chefsache
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitgeber | Arbeitszeit | Behinderte | Computer | Führungskraft | Integration
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