Serie ChefsacheGeschönte Zahlen präsentiere ich nicht!

Der Abteilungsleiter ist neu. Jetzt soll er Quartalszahlen veröffentlichen, die schöngerechnet sind. Das will er auf keinen Fall. Was kann er tun? von 

Ich habe vor vier Wochen als Abteilungsleiter bei einem Unternehmen angefangen. Jetzt soll ich Quartalszahlen präsentieren, die definitiv geschönt sind. Ich möchte bei meinem neuen Arbeitgeber nicht mit einer "Schummelei" starten. Kann ich auf die Korrektur der Zahlen pochen?, fragt Peter Kröner, Abteilungsleiter bei einem Personaldienstleister.

Sehr geehrter Herr Kröner,

häufig scheuen sich gerade Führungskräfte, die neu ins Unternehmen gekommen sind, auf Missstände aufmerksam zu machen. Sie befürchten, sich mit solchen Aktionen ins Abseits zu manövrieren. Sie sollten aber auf die Korrektur der Quartalszahlen bestehen, denn aus solchen fragwürdigen Methoden kann ein enormer Schaden entstehen – für Ihren Arbeitgeber bzw. die Unternehmensmoral, aber vor allem auch für Sie als Führungskraft.

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Chefsache: Fragen von Führungskräften

Wie gelingt gute Personalführung und was zeichnet einen fairen Chef aus? Jede Woche, immer freitags, beantwortet die Management-Expertin Sabine Hockling in der Serie "Chefsache" Fragen von Führungskräften.

Schreiben Sie uns (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Konstruktiv reagieren Sie, wenn Sie die Missstände in Ihrem Team ansprechen. Ihr Ziel sollte sein, eine ehrliche Unternehmenskultur aufzubauen, die den offenen Umgang mit Missständen ermöglicht. Hier lauert die Gefahr, als selbstgerecht abgestempelt zu werden. Versuchen Sie daher, lösungsorientiert vorzugehen, indem Sie Alternativen zu unethischen Handlungsweisen aufzeigen.

Sabine Hockling
Sabine Hockling

Sabine Hockling war lange selbst Führungskraft in verschiedenen Medienhäusern. Mit Ulf Weigelt schrieb sie den Ratgeber Arbeitsrecht. Seit 2011 ist sie Autorin der Serie Chefsache. Seit 2014 im neuen Format: Immer freitags spricht sie mit der Managerin Linda Becker über Führungsfragen. Hockling bloggt mit Tina Groll unter diechefin.net, der Blog für Führungsfrauen, über Frauen und Karriere.

Rechnen Sie auch damit, dass Ihnen Erklärungen und Ausreden begegnen wie "Dafür bin ich nicht verantwortlich", "Das ist allgemein so üblich" oder auch "Ich möchte loyal sein". 

Schaffen Sie für das Gespräch einen entsprechenden Rahmen, wählen Sie Ihre Wortwahl mit Bedacht aus, geben Sie Ihren Gesprächspartnern alle nötigen Informationen und bereiten Sie sich auf Argumente der Kollegen vor, indem Sie gut durchdachte Gegenargumente präsentieren. Haben Sie den Konflikt auf diese Ebene gehoben, ist in der Regel eine Auseinandersetzung ohne Emotionen möglich.

Die US-Forscherin Mary C. Gentile untersuchte vier Jahre lang, wie Führungskräfte ethische Probleme lösten. Sie entwickelte einen Aktionsplan, den Betroffene selbst erstellen können, indem Sie sich folgende zehn Fragen beantworten:

  • Um was für einen Konflikt handelt es sich? Und wie stehen Sie dazu?
  • Was steht für alle Beteiligten auf dem Spiel?
  • Welche Argumente und Ausreden müssen Sie entkräften?
  • Verfügen Sie über umfangreiche Informationen, um eine starke und überzeugende Argumentationskette aufbauen zu können?
  • Wen müssen Sie überzeugen?
  • Gab es in der Vergangenheit eine ähnliche Situation und können Sie daraus Lehren ziehen?
  • Reicht ein Termin oder müssen mehrere vorbereitet werden?
  • Findet die Auseinandersetzung öffentlich oder vertraulich statt?
  • Haben Sie intern und/oder extern Personen an Ihrer Seite, die Sie unterstützen?
  • Welcher Kommunikationsstil ist in dieser Situation angebracht?

Es gibt nicht den einen richtigen Weg, Missstände zu lösen. Dass Sie neu im Unternehmen sind, kann für Sie ein Vorteil sein. Regen Sie die Diskussion an, indem Sie scheinbar "naiv" die Veröffentlichung von geschönten Zahlen hinterfragen. Manchmal kann es produktiver sein, Fragen zu stellen, statt Argumente vorzutragen.

Ihre Sabine Hockling

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Leserkommentare
    • Goa333
    • 20. September 2013 15:55 Uhr

    mit konkreten Tipps. Nur geht er von dem eher seltenen Fall aus, das einzig in dem Bereich, in der der Anfrager arbeitet, ein wenig geschönt wird. Die Erfahrung zeigt, das nahezu überall in Firmen mehr oder weniger getrickst wird. Das mehr kann sich bis hin zur Bestechung, Korruption und anderen Straftaten ausweiten. In bestimmten Branchen geht es im Bereich Angebote praktisch nicht ohne Bestechung und wieder andere Branchen sind ebenfalls in vielen Bereichen korrupt, eben weil es dort möglich ist. So leid es mir tut, die Antwort ist ein Schönwetter Tipp für die eher kleine Firma, die Anstand lebt. Und je mehr von Ethik, Moral und Policies in den jeweiligen Firmen gesprochen und geschrieben wird, umso schlimmer steht es meist mit der Wahrheit, nach meiner bescheidenen Erfahrung in 60+ Firmen.

    2 Leserempfehlungen
    • ManRai
    • 20. September 2013 15:59 Uhr

    "häufig scheuen sich gerade Führungskräfte, die neu ins Unternehmen gekommen sind, auf Missstände aufmerksam zu machen. "
    Hier ist ganz genau das Problem, ich habe leider und schmerzhaft erlebt das gerade diese neuen "Führungskräfte" absolut keine Ahnung haben und nur ihr eigenes minderwertiges Ego mit Aktionen befriedigen - Fuehrungskraefte muessen aus dem Betrieb kommen und nicht von irgendwelchen Planeten eingeflogen werden, es gab genug Katastrophen

  1. Wie in einer Gangsterclique soll man Mitglied der Gemeinschaft werden und keine Möglichkeit haben, später irgendwann ohne eigenen Schaden auszuscheren. Diesmal sind es noch "geschönte Zahlen", das nächste Mal eine "nachträgliche" Unterschrift oder ein "Verschieben" von Rechnungspositionen. Man versinkt immer tiefer.

    Wenn es so anfängt, sollte man schnellstmöglicht wieder einen neuen Arbeitgeber suchen, auch wenn das persönlich natürlich ein gewisser Makel sein kann.

  2. ...dass ich diesem Ressort etwas abgewinnen kann. Gerade der letzte Satz ist durchaus überzeugend. Vielen Dank dafür.

    • Rutland
    • 20. September 2013 17:19 Uhr

    >> Abteilungsleiter bei einem Personaldienstleister.<<

    Ein Mensch mit einem Gewissen und das bei einem Personaldienstleister, also bei einerArt modernem Sklavenhändler?
    Vorsicht bei der Berufswahl hätten ihm gute Freunde vorher raten müssen. Und jetzt den dringenden Berufswechsel.

    Aber, pardon, kommt da nicht auch so ein kleines bisschen der typisch deutsche Gutmensch zum Vorschein? Zuerst den wahrscheinlich gut dotierten Vertrag unterzeichnen und nachher das Gewissen zu spüren bekommen?

    Eine Leserempfehlung
  3. 6. Plan B

    So schön sich das liest ...:

    "Regen Sie die Diskussion an, indem Sie scheinbar "naiv" die Veröffentlichung von geschönten Zahlen hinterfragen. Manchmal kann es produktiver sein, Fragen zu stellen, statt Argumente vorzutragen."

    ...halten Sie Ihre Naivität in Grenzen. Es könnte passieren, dass zuviel davon ernst genommen wird.

    Zudem brauchen Sie eine Plan B. Also ein neuen Job im Hintergrund. Trotz ein hausinternen Ethik, die genau "Schummeln" verhindern will ist es gut möglich, dass Bereit sein zum "Schummeln" genau die Kernkompetenz ist, die verlangt wird.

    Merke: oft stets in den Ethikregeln genau das, was drinn, was an sich gewollt ist - nur zu 100% andersrum...

    Eine Leserempfehlung
    • tds
    • 20. September 2013 18:12 Uhr

    Es gibt Menschen, die machen einen graden Rücken. Die werden ihren Weg gehen, egal wo.

    Und es gibt Menschen, die sich verbiegen oder verbiegen lassen. Die werden erpressbar.

    Entscheiden Sie sich, welchen Weg Sie nehmen wollen.

    Oder anders herum: Wenn ich Sie mit einer Waffe zwingen würde, einen Menschen zu töten, weil ich sonst Ihrem Kind/Ihrer Frau/Freundin Schaden zufügen würde - wofür würden Sie sich entscheiden?

    Jetzt sage bitte niemand, das sei extrem - ist es nicht, denn das ist genau der kritische Punkt, allerdings auf die Spitze getrieben.

    Für mich gäbe es immer eine Lösung, die **ich** vertrete, ohne dass Andere zu Schaden kommen.

    Im Job steht niemand mit einer Waffe hinter Ihnen, ergo haben Sie zahlreiche Lösungswege.

    Eine Leserempfehlung
  4. 8. Ritual

    Zum einen sollte man die Situation, die hier in dem Artikel geschildert ist, nicht überbewerten: Es ist fast schon normal, dass eine neue Führungskraft kommt, und diese erstmal gehörig in der Bilanz "aufräumt" und optimistische Bewertungen des Vorgängers in pessimistische dreht. Das ist insgesamt auch gut so - die neue Führungskraft SOLL ja auch Fehler und Unzulänglichkeiten der Vorgänger finden.

    Wenn, wie hier, die neue Führungskraft nur im Mittelbau steckt, ist die Situation schon schwieriger. Die gefälschte Bilanz und das Testat darunter haben ja andere erstellt. Mehr als vorsichtig anfragen, ob da nicht doch aus Versehen ein kleiner Fehler bei der Übertragung der Zahlen passiert ist, kann man dann kaum tun. Wenn man dann als Antwort kriegt, dass die Zahlen so sind, wie sie sind, obwohl sie offensichtlich falsch sind, dann weiß man, dass die eigentliche Führungsriege krumm ist. Im Mittelbau hat man dann genau zwei Handlungsalternativen: A) Mitmachen und möglichst abkassieren, oder B) Das weite Suchen.

    Jag

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  • Serie Chefsache
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitgeber | Emotion | Führungskraft | Gespräch | Konflikt
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