Mitte Juli wurde Anike von Gagern Mutter – seit Ende Juli geht sie wieder ins Büro. Prüft die Lagerbestände und die Auftragseingänge. Begutachtet Hemden und Hosen aus der aktuellen Kollektion. Zusammen mit Kathrin Weiß hat von Gagern das Startup Tausendkind gegründet, über das die beiden Mittdreißigerinnen seit drei Jahren Kleidung und Spielzeug für Babys und Kinder anbieten – mit inzwischen 65 Mitarbeitern. "Uns war von Anfang an klar", sagt von Gagern, "wenn wir etwas im Online-Handel machen, müssen wir schnell wachsen."

Sie sind Frauen und haben ein Unternehmen gegründet: Von Gagern und Weiß gehören zu einer eher seltenen Spezies in Deutschland. Zwar ist der Anteil jener Frauen, die in den vergangenen dreieinhalb Jahren Unternehmen gegründet haben, laut den Erhebungen des Global Entrepreneurship Monitor 2011 in Deutschland auf einen Höchststand geklettert – in der Minderheit sind sie aber nach wie vor. Nach den Angaben des Gründungsmonitors der staatlichen Förderbank KfW wurden 2012 zwei von drei Unternehmen in Deutschland von Männern gegründet, nur jedes dritte von einer Frau.

Noch kleiner ist der Frauenanteil in innovationsgetriebenen und schnell wachsenden Startups. Hier sind nur 13 Prozent der Gründer Frauen, wie der Deutsche Startup Monitor des Bundesverbands Deutsche Startups (BDS) zeigt. Ebenfalls gerade einmal 13 Prozent beträgt der Frauenanteil an den rund 2500 Personen, die seit 2007 ein Exist-Gründerstipendium bekommen haben. Mit diesen Stipendien fördert das Bundeswirtschaftsministerium Existenzgründungen aus der Wissenschaft. Je innovativer ein Unternehmen, desto eher steckt offenbar ein Mann dahinter.

Das gilt auch für die Lobbyarbeit: Im Vorstand des BDS sitzen vier Männer – aber keine Frau. Beim erfolgreichen Berliner Startup-Inkubator Rocket Internet gibt es unter den "Managing Directors" 21 Männer – aber keine Frau. Beim halbstaatlichen High-Tech Gründerfonds, der Technologie-Startups finanziert, sind von 24 Investmentmanagern nur zwei weiblich. Und wenn in Deutschland Gründerpreise zu vergeben sind, mutet es schon wie eine kleine Sensation an, wenn – wie vor einem Jahr beim Gründerpreis der WirtschaftsWoche geschehen – mit Birgit Gröger als Co-Gründerin von Meine Möbelmanufaktur zumindest eine Frau mit im Boot sitzt. In der Regel werden diese Preise nämlich an Männer vergeben – weil mangels Masse schon in der Vorauswahl keine Frauen unter den Kandidaten zu finden sind.

Da überrascht es kaum, dass sechs von zehn Gründerinnen überzeugt sind, Männer hätten es bei Gründungen leichter, wie eine Umfrage der HypoVereinsbank (HVB) zeigt. Nur knapp 20 Prozent glauben, dass die Chancen fürs Gründen eines Unternehmens zwischen Männlein und Weiblein gleich verteilt seien. Dabei zeigt die Statistik auch: Einen Grund, sich vor der männlichen Konkurrenz gar zu verstecken, haben die Frauen nicht. Von Frauen gegründete Unternehmen haben genauso hohe Chancen auf Erfolg wie Firmen, die Männer aus der Taufe gehoben hatten.

Vorbilder gesucht

"Gender Gap" nennt Christine Volkmann diese Kluft zwischen Frauen und Männern in der Gründerszene. An der Schumpeter School of Business and Economics der Universität Wuppertal leitet Volkmann den Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung. Sie untersucht, warum in der Gründerszene Frauen gegenüber Männern in der Minderheit sind. Und verweist gerne auf die Theorien Joseph Schumpeters, wenn sie zeigen will, dass Unternehmertum traditionell als männliche Domäne verstanden wird. Der renommierte Ökonom prägte den Begriff des Unternehmers im 20. Jahrhundert wie kein anderer und hat ihm Eigenschaften zugeschrieben, die durchweg als männlich gelten – Kampfes- und Siegeswille zum Beispiel. "Frauen", sagt Volkmann, "spielten bei ihm überhaupt keine Rolle."

Auch heute noch führten Gründerinnen oft Schattenexistenzen, hat die Forscherin beobachtet. In einem Vortrag fragte sie kürzlich ihre Zuhörer, welche Unternehmerinnen sie denn kennen würden. "Da war erst mal Ruhe im Saal", sagt Volkmann. Und wünscht sich "mehr Gründerinnen als Rollenvorbilder".

Unternehmerinnen wie Anike von Gagern und Kathrin Weiß von Tausendkind zum Beispiel, die überzeugt sind, dass sich Unternehmertum gut mit Privatleben und Familie verbinden lässt. Das ist vielen Gründerinnen wichtig: Fast 90 Prozent sind nicht bereit, dem Geschäft gegenüber dem Privatleben Priorität einzuräumen, so die HVB-Studie. Weshalb, so die naheliegende Schlussfolgerung, viele Frauen vermeintlich zugunsten der Familie darauf verzichten, eine oft gute Idee in ein tragfähiges Geschäftsmodell umzumünzen.