Darum geht es: Arbeit bestimmt unser Leben. Mit der Flexibilisierung kam die Entgrenzung – mittlerweile prägt die Arbeit unseren ganzen Tagesablauf, bis weit in die Freizeit hinein. Manche schuften sich sogar zu Tode, Karoshi wird in Japan ein Tod durch Überarbeitung genannt. Ulrich Renz sagt: Wir müssen umdenken. In seinem Buch Tyrannei der Arbeit kritisiert er, dass der Arbeit in der Leistungsgesellschaft ein so bedeutsamer Platz zugewiesen wird. Wie können wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen? 

Dass Arbeit zur Quasi-Religion geworden ist, die uns mit Sinn erfüllt und unserem Leben Bedeutung verleiht, ist ein junges Phänomen. In der Antike gab sich, wer es sich leisten konnte, dem Müßiggang hin. Die körperliche Arbeit wurde von Sklaven verrichtet. In der Bibel gilt Arbeit allenfalls als selbstverständliche Notwendigkeit. 

Erst zu Zeiten von Martin Luther setzt eine Neubewertung ein. Aus Arbeit wird Beruf – und daraus später Berufung. Mit der Industrialisierung erleben die Menschen dann eine umfassende Beschleunigung. Heute verheißt die Arbeit Selbstverwirklichung, Erfüllung und Bedeutung. Der moderne Arbeiter treibe sich selbst zu Höchstleistungen, schreibt Renz. Auch auf die Gefahr hin auszubrennen.

Renz appelliert an seine Leser: "Es ist an Ihnen, Ihr Leben zu gestalten." Wie man Beruf und Privatleben besser in Einklang bringen könnte, beschreibt er ebenfalls. Er hat Beispiele von Unternehmen recherchiert, die schon eine gesündere und menschenfreundlichere Arbeitswelt schaffen.

Die spannendsten Fakten: Der Autor hat hervorragend recherchiert. Renz zieht aussagekäftige Studien für seine Zustandsbeschreibung der modernen Arbeitswelt heran. Er zitiert die Bibel, Soziologen und Philosophen und kennt sich auch im Arbeitsrecht aus. Keine Aussage in seinem 271-seitigen Buch trifft er ohne Beleg. Das macht die Analyse umfassend.

Minuspunkte: Bisweilen kann sich der Autor einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen. In der Regel streut er  Sätze wie: "Doch, wirklich, es ist netter geworden am Arbeitsplatz" sparsam ein, während er über "cleane" Großraumbüros schreibt und darstellt, wie stark moderne Arbeitsräume heute dem privaten Wohnen ähneln. Hin und wieder überzieht er aber.

Verständlichkeit und Sprache: Knappe Sätze, eine klare und prägnante Sprache und eine pointierte Analyse zeichnen das Buch aus. Wie zur Verdeutlichung seiner These reduziert Renz seine Ausführungen aufs Wesentliche. Das überzeugt. Das Buch ist in 15 Kapitel mit weiteren, kleinen Unterkapiteln unterteilt. Auch hier zieht sich das Konzept der präzisen Kürze durch.

Bewertung: Die Tyrannei der Arbeit ist ein kluges und informatives Buch. Pointiert geschrieben und gut recherchiert führt Renz dem Leser vor Augen, wie stark unser Dasein von Arbeit geprägt ist. Das Buch ist eine Zustandsbeschreibung der modernen Arbeitsgesellschaft, das in seiner klaren Nüchternheit dazu anregt, den Status Quo kritisch infrage zu stellen.