ZEIT ONLINE: Herr Cameron, warum braucht es eine schwul-lesbische Karrieremesse?

Stuart Cameron: Die Messe Sticks & Stones ist nicht nur für Schwule und Lesben, sondern auch für Heteros offen. Mit unserer Messe wollen wir generell ein Zeichen für Vielfalt setzen. Die Unternehmen, die sich bei uns präsentieren, treten für ein offenes Arbeitsumfeld ein und nehmen das Diversity-Konzept ernst.

ZEIT ONLINE: Wie kontrollieren Sie das?

Cameron: Wir sind die einzige Messe, bei der sich die ausstellenden Unternehmen bewerben müssen. Man kann sich nicht einfach so einen Platz auf unserer Messe kaufen, um sich auf diese Weise das Label "schwulenfreundliches Unternehmen" zu geben.

ZEIT ONLINE: Wie läuft die Bewerbung?

Cameron: Die Unternehmen müssen bei ihrer Bewerbung begründen, was sie konkret für das, was wir LGBT Diversity nennen, tun. LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender. Die Firmen müssen zeigen, dass bei ihnen alle Mitarbeiter die gleichen Karrierechancen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder sonstigen persönlichen Eigenschaften haben. Die Firmen müssen uns davon überzeugen, dass sie ein stolzes Unternehmen sind. Wir werben schließlich damit, dass die Besucher unserer Messe stolze Arbeitgeber kennenlernen. 

ZEIT ONLINE: Mit welchen Projekten bewerben sich Unternehmen bei Ihnen?

Cameron: Das ist ganz unterschiedlich. Mindestvoraussetzung ist eine klare Absichtserklärung von der Geschäftsführung, etwa durch die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt oder eine klare Aussprache gegen Homophobie auf der Website. Manche Firmen machen konkrete Aktionen. BMW etwa hat dieses Jahr ein Netzwerk für schwule und lesbische Mitarbeiter gegründet. So etwas begrüßen wir. Andere Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter. IBM macht sehr erfolgreich ein Projekt mit dem Namen Worldwide LGBT Reverse Mentoring mit Tausenden Mitarbeitern. Der Fokus ist dabei das Wissen über den Umgang mit und die Bedeutung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen am Arbeitsplatz. IBM wird auch bei der parallel zur Messe stattfindenden Diversity-Tagung dabei sein und dort das Projekt vorstellen.

ZEIT ONLINE: Was passiert auf dem Kongress?

Cameron: Der LGBT-Diversity-Kongress richtet sich an Unternehmen und Personal- und Diversitymanager. Hier diskutieren die Teilnehmer, wie mehr LGBT-Vielfalt in Unternehmen verwirklicht werden kann. Unternehmen wie Facebook, Google, Commerzbank oder die Deutsche Post präsentieren dort ihre Best-Practice-Erfahrung. In der aktuellen Debatte um Diversität geht es vor allem um Frauen und die Frauenquote. Das ist richtig und wichtig, weil noch viel zu wenige Frauen Führungspositionen innehaben. Aber Vielfalt bedeutet eben mehr.

ZEIT ONLINE: Viele sagen, die sexuelle Orientierung sei gar nicht entscheidend für den Job. 

Cameron: Vordergründig vielleicht. Aber in der Arbeitswelt gibt es noch sehr viel Diskriminierung. Damit meine ich nicht allein offen homophobe Sprüche. Vielfach läuft das subtiler. Zum Beispiel wird in der Einladung zum Business Dinner wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass man seine Ehefrau mitbringt, nicht seinen Partner. Steht dessen Foto auf dem Schreibtisch, wird schräg geschaut, es wird getuschelt. Je höher in der Firmenhierarchie, desto schwieriger wird es. Ich kenne einige homosexuelle Dax-Vorstände, die sich nicht outen, weil sie Karrierenachteile befürchten. Dabei gibt es Positivbeispiele, Tim Cook von Apple etwa.

ZEIT ONLINE: Profitieren Unternehmen von mehr schwulen und lesbischen Mitarbeitern?

Cameron: Sie profitieren vor allem von hervorragenden Mitarbeitern. Und diese bekommen sie nur, wenn sie eine offene wertschätzende Unternehmenskultur fördern. Aufgeschlossene Unternehmen, die auf Vielfalt setzen, sind nachgewiesen häufig kreativer, innovativer und erfolgreicher. Ein gutes Beispiel für eine solche innovationsfördernde Kultur findet sich im Silicon Valley, aber auch in der Start-up-Szene in Berlin, in der auch sehr viele Homosexuelle arbeiten.