Wäre sein Job eine Ehe, hätte Thomas Wagner*, 41, vor Kurzem die Scheidung eingereicht. Seit neun Jahren  arbeitet Wagner bei einer Bank in Süddeutschland. Ganz langsam war in den vergangenen Jahren die Routine Herr über seinen Job geworden: Er betreute dieselben Kunden, hatte mit denselben Kollegen zu tun und sein Gehalt stieg in all den Jahren nur minimal. Wagner fühlte sich nicht wertgeschätzt und langweilte sich. Bis zur Rente sollte das so weiter gehen? Er kündigte – und arbeitet noch heute in derselben Firma: Auf einem anderen Posten, mit höherem Gehalt und mehr Verantwortung.  

Dass Mitarbeiter wie Thomas Wagner von Euphorie in Demotivation stürzen, kommt immer häufiger vor. 24 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland haben laut der Gallup-Studie 2013 innerlich gekündigt. Zu Beginn der Studienreihe vor zwölf Jahren waren es nur 15 Prozent. Schlechte Personalführung und zu wenig konstruktive Kritik sind laut der Studie die Hauptursachen. Die Folge: Die Mitarbeiter sind weniger innovativ und häufiger krank. Die Produktivität der Firma sinkt.

Als Thomas Wagner nach seiner Bankausbildung, dem BWL-Studium und seinem ersten Job als Berater bei der Bank einstieg, war seine Einstellung zum Job noch die eines frisch Verliebten zu seiner neuen Freundin: Vieles sah er durch die rosa Brille, die Stelle war sein Traumjob. Wagner war stolz, dass sein Wissen gebraucht wurde. Es machte ihm nichts, wenn er abends zwei Stunden später als geplant das Büro verließ. Sein Job erfüllte ihn ganz und gar.

Mit Motivationstiefs im Beruf kennt Walter Feichtner, 42, sich aus. Mehr als 400 Berufstätigen hat der Münchner Karrierecoach schon geholfen, sie zu überwinden. Auch Thomas Wagner gehört dazu. Feichtner sagt: "Ein Job hat Höhen und Tiefen – wie jede Beziehung." Und: "Die Verweilzeit im Job hat sich in den letzten zehn Jahren stark verkürzt." Als Gründe nennt er den Wunsch nach Selbstverwirklichung. Viele Berufstätige wünschen sich Spaß und Sinn in ihrer Tätigkeit. Gleichzeitig wächst der Druck. Jeder ist ersetzbar – wer ein paar Jahre im Beruf ist, hat oft erlebt, wie Personal ausgewechselt wurde, Abteilungen umstrukturiert. Wenn Lob, Wertschätzung und Karrierechancen ausbleiben, steigt die Unzufriedenheit wie in einer langjährigen Partnerschaft.

So viel Zeit im Büro wie mit dem Partner

Tatsächlich verbringen die allermeisten Berufstätigen mindestens so viel Zeit im Büro wie mit ihrem Partner. In der Regel ist es sogar deutlich mehr Zeit. Der Schweizer Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat herausgefunden, dass Zufriedenheit im Job den Organismus genauso gegen Stress schützt, wie ein glückliches Ehe- und Familienleben. Wer dauerhaft unzufrieden ist, hat demnach ein höheres Risiko, an einer Herzerkrankung oder einer Depression zu erkranken. 

"Die meisten Kündigungen kommen vor, wenn Mitarbeiter zwischen fünf und zehn Jahre im selben Job sind", sagt Feichtner. Nach dieser Zeit haben viele Mitarbeiter das Gefühl, ihre Arbeit wie im Schlaf zu beherrschen. Der Coach empfiehlt seinen Klienten, dem Chef zu zeigen, was man leistet: "Erzählen Sie, bei welchem Kunden Sie gerade waren und was Sie dort erreicht haben. Bitten Sie Ihren Vorgesetzten um Feedback zu einzelnen Aufgaben. Wenn Sie sich langweilen, bieten Sie an, andere Bereiche zu übernehmen."

Feichtner rät seinen Kunden auch, sich auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen: Wer sich bei anderen Unternehmen bewirbt und mit Headhuntern spricht, testet seinen Marktwert. Dadurch kann man besser einschätzen, ob der eigentliche Traumjob in einer anderen Firma wartet, oder ob es sich lohnt im eigenen Unternehmen um eine Gehaltserhöhung oder mehr Verantwortung zu kämpfen.