Ich habe gehört, dass man Führungskräfte grundsätzlich in zwei verschiedene Typen unterteilen kann – in Verhinderer und Multiplikatoren. Wie finde ich heraus, welchem Typus ich angehöre und wie unterscheiden sie diese Führungsstile?, fragt Gernot Sommer, Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft.

Sehr geehrter Herr Sommer,

es gibt unzählige Typen von Führungskräften. Ein Modell ist die Unterscheidung in Multiplikatoren und Verhinderer. Es handelt sich zwar um eine Einteilung in Schwarz und Weiß, allerdings kann es hilfreich sein, die eigenen Führungsschwächen genauer zu analysieren. 

Multiplikatoren sind demnach Chefs, die Fragen stellen und nicht eigene Lösungen präsentieren. Ihr Führungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Mitarbeiter einbeziehen. Eine Führungskraft dieses Typus erkennt man daran, dass sie überdurchschnittliche Leistungen von ihrem Team erwartet. Damit das geschieht, denkt sie intensiv darüber nach, wie sie ihre Mitarbeiter so platziert, dass sie ihr Potenzial entfalten können.    

Einen Verhinderer-Chef dagegen erkennt man daran, dass er vor allem seine eigenen Ideen verfolgt und blind ist für Alternativen. Denn insgeheim hält er sich für die intelligenteste Person im Unternehmen. So ein Führungsstil demotiviert die Mitarbeiter, denn er blockiert Talente und Ideen.

Von Tyrannen und Talentmagneten

Die Autoren Liz Wiseman und Greg McKeown haben in ihrem Buch Multipliers: How the Best Leaders Make Everyone Smarter die beiden Grundtypen noch einmal in Untertypen unterteilt. Demnach gibt es unter den Verhinderern einen Chef-Typus, den die Autoren Imperator nennen. Er versammelt um sich zwar Spitzentalente, fördert sie allerdings nicht, sondern unterfordert sie. Noch schlimmer ist der Tyrann, denn er schafft ein negatives Arbeitsklima. Die Mitarbeiter haben in der Regel Angst. Sie trauen sich nicht, neue Ideen zu präsentieren, sind in ihrem Denken und Handeln blockiert. Der Besserwisser wiederum glaubt, allwissend zu sein. So gut wie jede seiner Anweisungen setzt die Ideen eines einzigen um: seine eigenen. Und dann gibt es da noch den Entscheider, der eine unproduktive Dynamik eher fördert als abstellt, denn er sorgt mit seinen einsamen Entscheidungen bei seinem Team für Verwirrung. Der Mikromanager kann dagegen nicht loslassen, fühlt sich für jedes Detail verantwortlich und mischt sich daher in alles ein – mit eher bescheidenen Ergebnissen.

Auch unter den Multiplikatoren haben Wiseman und McKeown verschiedene Untertypen identifiziert: Der Talentmagnet zieht nicht nur Talente an, er unterstützt sie auch dahingehend, dass sie sich weiterentwickeln (können). Der Befreier fördert ein positives Arbeitsklima, sodass das Team Höchstleistungen erbringen kann. Der Herausforderer dagegen schafft Arbeitssituationen, die Mitarbeiter motivieren, über sich selbst hinauszuwachsen. Der Debattierer fördert offene und ehrliche Diskussionen und bewirkt so gute Entscheidungen. So trauen sich die Mitarbeiter, ihre Meinung zu sagen und mögliche Alternativen vorzuschlagen. Und der Investor sieht sich als Mentor und Förderer, macht sein Team für den Erfolg verantwortlich und investiert auch in diesen.

Die meisten Führungskräfte sind allerdings keine reinen Stereotype, sondern haben Anteile vom Verhinderer und vom Multiplikator und allen genannten Untertypen in sich. Wo Sie selbst stehen, erfahren Sie durch ehrliches Feedback und eine realistische Einschätzung. Um sich in die richtige Richtung entwickeln zu können, kann es sinnvoll sein, zurückhaltender zu werden, damit Mitarbeiter ausreichend Raum für das Denken und Handeln bekommen. Auch brauchen Führungskräfte nicht immer Antworten auf alle Fragen zu haben. Wer seinem Team gezielte Fragen stellt, regt Denkprozesse und Diskussionen an. Dann erhalten Mitarbeiter die Chance, selbstständiger zu agieren – und das führt dazu, dass sie auch innovativer sind. 

Ihre Sabine Hockling