Ein düsterer Wintermorgen in Beeskow in Brandenburg, Nebel steigt über Wiesen auf, auf denen Pferde mit dickem Winterfell grasen. Sie gehören Steffen Krukal, einem gebürtigen Süddeutschen, der vor 15 Jahren in dem Dorf bei Berlin einen alten Hof gekauft hat. Krukal ist eine Art Pferdeflüsterer, auch wenn er den Begriff nicht leiden kann. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Aussteiger: Er trägt einen Cowboyhut und trotz winterlicher Temperaturen nur eine Jeans und eine leichte Jacke. So steht er auf der Weide, während seine Pferde langsam auf ihn zu trotten. Heute werden sie einiges zu tun bekommen. Krukal bietet auf seinem Hof Kommunikationstraining mit Pferden an. 

"Pferde sind wie ein Spiegel", sagt er. "Sie geben unmittelbar und ehrlich Feedback." An diesem Tag hat sich eine Gruppe Mitarbeiter und Studierende der Universität Viadrina aus Frankfurt an der Oder für ein Tagesseminar angemeldet. Einige wollen herausfinden, wie sie in Konfliktsituationen kommunizieren, andere möchten wissen, warum sie sich bei Gruppenarbeit nicht durchsetzen können oder welche nonverbalen Signale sie unbewusst aussenden.

Wie soll das mit Pferden gehen? Die Tiere können schließlich nicht sprechen. "Sie reagieren wie ein Seismograph auf die menschliche Körpersprache, auf Gestik, Mimik", sagt Krukal. "Sie merken, ob jemand sicher oder unsicher ist." Als Herdentiere wollen sie geführt werden und brauchen Sicherheit. Heute sollen wir lernen, allein durch unsere Körpersprache zu führen.

Die Schulung findet im hofeigenen Seminarzentrum statt. Daran grenzt eine Reithalle, in der die praktischen Übungen stattfinden. Während des Seminars wird Krukal von der Pastorin Katharina Falkenhagen unterstützt.

Wie ich haben die meisten Teilnehmer keine oder wenig Erfahrung im Umgang mit Pferden. Deshalb gibt es nach der Vorstellungsrunde Sicherheitshinweise. Grundsätzlich nicht direkt hinter das Pferd stellen, wenn man keine Ahnung vom Umgang mit den Tieren hat. Ansonsten könne aber wenig passieren. "Ich habe alle Pferde selbst ausgebildet. Sie kennen die Situation. Es kann nichts passieren", beruhigt der Seminarleiter. Reiten gelernt hat der ehemalige Radiojournalist erst mit über 30. Damals war er Führungskraft bei einem Privatsender. In der Arbeit mit Pferden fand er etwas, das er lange gesucht hatte: Ehrlichkeit. Irgendwann entschied Krukal, auszusteigen. Er verbrachte mehrere Monate bei bekannten Pferdeflüsterern in Argentinien. Hier lernte er Wildpferde einzureiten und mit den Gauchos Rinder zu treiben.   

Annäherung ans Pferd

Wir werden auf die Pferde losgelassen. In der Reithalle trabt bereits ein gescheckter Hengst. Er schnaubt, der Atem wird zu Nebel. An einer Seite der Halle baut Falkenhagen eine Videokamera auf, um uns bei den kommenden Aufgaben zu filmen und die Aufnahmen später gemeinsam zu analysieren.

Krukal hält einen Strick in der Hand, aber das Pferd ist nicht angeleint. Er dirigiert es allein über seine Körpersprache. Hebt er die Hände, bleibt das Tier stehen. Winkt er ganz leicht mit dem Seil in der Hand, trabt das Pferd entspannt los. Dreht sich Krukal ganz leicht, dreht sich auch der Hengst und läuft in die andere Richtung. Es sieht ganz einfach aus. "Jetzt seid ihr dran", sagt der Trainer. Wir sollen den Hengst im Roundpen, so heißt das Innere der Reithalle, anleiten – und zwar ohne ihn an einem Halfter oder Strick zu führen.

Ein Teilnehmer ergreift das Seil, geht langsam in die Mitte. Der Hengst steht friedlich in einer Ecke und schaut den jungen Mann freundlich an. "Vielleicht nimmst du Kontakt auf?", schlägt Krukal vor. Michael nähert sich dem Tier vorsichtig. Der Hengst schnuppert an der Hand, lässt sich streicheln und tätscheln. Michael stellt sich in die Mitte. Das Pferd schnüffelt am Boden. Wirkt gelangweilt. Michael ist unsicher. Er schwenkt das Seil. Das Pferd blickt ihn an, legt die Ohren quer. Dann trabt es langsam los. Michael freut sich. Doch nach einer Runde hält der Hengst an, bleibt in einer Ecke stehen. Und jetzt?

"Möchtest du nicht weiterlaufen?", fragt Michael. "Das ist seine Ecke. Die mag er. Hol ihn da raus", fordert der Trainer. Nicht so einfach. Zaghaft schwenkt Michael erneut das Seil. Den Hengst interessiert das überhaupt nicht. Michael stapft zu dem Pferd, streichelt es. Drückt. Schiebt. Der Hengst bleibt stehen, schaut Michael an. "Was möchtest du denn?", fragte Michael. Das Pferd glotzt nur. "Du kannst das Seil ruhig in seine Richtung werfen", schlägt Krukal vor. Michael holt aus, zaghaft. Zu zaghaft. Das Seil landet drei Meter vom Pferd entfernt. Beeindruckt ist es nicht. Michael streichelt das Pferd abermals. Endlich trabt der Hengst los, bleibt aber wieder stehen. Warum? 

Kommandos geben mit dem Körper

Als nächstes bin ich an der Reihe. Die Begrüßung fällt skeptisch aus. Dieser Hengst ist irrsinnig groß. Mit sehr viel Abstand und weit ausgestrecktem Arm streichele ich seine Schnauze. Nicht dass er noch schnappt! Dann lege ich los. Schwenke dynamisch das Seil, rufe, schnalze, gebe laut Kommandos. Der Hengst trabt sofort los. Nach einer Runde hält er. Aber nicht mit mir! Ich werfe das Seil tüchtig an das Pferd heran. Da geht schon nichts kaputt. Bewegen soll es sich! "Hoppopp! Lauf! Lauf!", gebe ich zackige Kommandos. Ich komme mir wahnsinnig dominant vor. Krukal sagt: "Mach dem Pferd mal weniger Stress. Nimm den Druck raus." Ich versuche, etwas ruhiger zu sein, habe aber Sorge, dass das Pferd dann wieder stehenbleibt. Ich will, dass es mich ernst nimmt! Das Pferd trabt. Stockt, stoppt. Ich gestikuliere wild. Es trabt wieder los.  

Nach und nach ist jeder Teilnehmer dran. Bei einigen klappt es besser, bei anderen schlechter. Krukal hält sich mit Ratschlägen zurück. Wir sollen unseren eigenen Umgang mit dieser unbekannten Situation finden. Als alle fertig sind, können wir zurück ins Warme und der Hengst zurück auf die Koppel. Im Seminarraum werten wir die Videoaufnahmen aus. Jeder Teilnehmer darf seinen Eindruck schildern.

Michael ist nicht überrascht zu sehen, wie unentschlossen er im Roundpen stand. "Ich hatte Angst, dass ich dem Pferd wehtun könnte", erklärt er sein zaghaftes Verhalten. "Das kannst du gar nicht. Schau mal, wie er dich ansieht", macht uns Krukal aufmerksam. Tatsächlich: Auf dem Video ist gut zu erkennen, wie sich der Hengst alle Mühe gibt, zu verstehen, was der Mann in der Mitte will. "Um die Kommunikation zu verbessern, stellst du Nähe her – mit Erfolg", sagt die Kotrainerin. 

Michael überlegt kurz. "Mir ist auch bei der Teamarbeit wichtig, dass die Beziehungsebene geklärt ist", sagt er. Seine Kollegin stimmt dem zu. "Wenn Michael den Eindruck hat, jemand verstünde ihn nicht, dann sucht er das Gespräch. Genauso wie hier mit dem Pferd." Doch warum ist das Pferd immer wieder stehen geblieben? Michaels Körpersprache wirkte unklar. "Ich wusste gar nicht, wie viele Runden er laufen soll", sagt er. Das sieht man auf dem Video deutlich.