Kind oder Karriere – bis vor wenigen Wochen sah es so aus, als löse sich dieser Widerspruch in der deutschen Arbeitswelt allmählich auf.

Die Kinderlosigkeit der Deutschen und das wachsende Familienbewusstsein in Unternehmen und Organisationen gehörten zu den gesellschaftspolitischen Top-Themen. Die Arbeitsaufnahme der neuen Bundesregierung stellt diesen Kulturwandel nun jedoch in Frage: Ministerinnen, Minister und ein Direktor der Europäischen Zentralbank kündigten an, neben ihren Ämtern auch Zeit für ihre Familien reservieren zu wollen – sei es durch eine flexible Lage der Arbeitszeit, Home Office oder gar den Wechsel des Arbeitsplatzes. 

Umgehend schlug ihnen ein harter Vorwurf entgegen: Es fehle wohl am nötigen Verantwortungsgefühl, die übernommenen Spitzenämter tatsächlich auszufüllen. 

Die Debatte verdeutlicht, wie hartnäckig sich die Vorstellung hält, Karriere ließe sich nicht mit familiären Aufgaben vereinbaren.

Verantwortungsbewusstsein, Motivation, Einsatz, mithin unverzichtbare Führungsqualitäten drücken sich demnach in Präsenz aus. Eltern jedoch können und wollen nicht permanent am Arbeitsplatz anwesend sein. Familie braucht vor allem eines: Zeit. Für eine Spitzenkarriere ist eine durchgängige Präsenz am Arbeitsplatz überhaupt nicht nötig, wie ein Blick in die deutschen Führungsetagen zeigt. 

Chefs sind ohnehin selten im Büro

Gerade Top-Entscheider erbringen einen deutlichen Teil ihrer Arbeitsleistung außerhalb ihrer Büros. Sie besuchen Meetings und Konferenzen, sind auf Dienstreisen und bei Geschäftsessen unterwegs. Sie betreuen mehrere Standorte oder organisieren einen Schichtbetrieb, den sie nicht rund um die Uhr kontrollieren können. Als Teil ihrer Führungsaufgabe haben sie sichergestellt, dass der Betrieb auch dann reibungslos läuft, wenn sie nicht an ihren Schreibtischen sitzen. Darum erschließt sich nicht, warum Abwesenheit allein dadurch zum Problem werden sollte, dass sie familiäre Gründe hat. Gute Führungskräfte haben gelernt, trotzdem präsent zu sein.

Dafür wenden sie vier etablierte Instrumente an.

  • Delegation: Sie entzerren Fach- und Führungsaufgaben und verteilen Projekte an Personen, auf deren Zuarbeit sie sich verlassen können.
  • Ergebnisorientierung: Sie legen Ziele fest und einen Rahmen, in dem ihre Mitarbeiter selbstständig entscheiden können. Abgestimmt wird das Ergebnis, und anschließend gegebenenfalls nachgesteuert.
  • Kommunikation: Sie haben Dienstwege und CC-Regeln vereinbart, Jour fixe festgelegt und ein funktionierendes Berichtswesen etabliert. Die Frage ist geklärt, wer wen im Notfall erreichen kann.
  • Selbstmanagement: Sie haben gelernt, effizient zu sein und Aufgaben priorisiert und strukturiert auf den Tag zu verteilen. Daher können sie ohne schlechtes Gewissen mit den Kindern toben – und E-Mails am Abend ganz in Ruhe beantworten.

Gerade Spitzenpositionen eignen sich also besonders gut dafür, berufliche Verpflichtungen mit privaten Wünschen in Einklang zu bringen. Bei guten Führungskräften stimmen sowohl die organisatorischen als auch die persönlichen Voraussetzungen. Insofern war es längst überfällig, dass Top-Entscheider diesen Schritt gehen und tradierte Vorurteile über Karrieren von Eltern als das entlarven, was sie sind: unzeitgemäß und überholt.