ZEIT ONLINE: Frau Berlin, Sie wollen Führungsfrauen mit Bauchtanz wieder Weiblichkeit beibringen. Was soll das?

Coco Berlin: (lacht) Weiblichkeit beibringen ist vielleicht etwas zugespitzt formuliert. Zu mir kommen Frauen – darunter viele, die eine Führungsposition in der Wirtschaft haben – die eine tiefe Sehnsucht haben, mehr Frau sein zu können. Vielfach müssen sich diese Frauen im Job verstellen oder vermännlichen. Das fängt bei der Kleidung an, etwa dem Hosenanzug, und geht bis zur Kommunikation in Führungspositionen. Chefinnen, die zu weiblich rüberkommen, werden häufig als weniger kompetent oder zu weich wahrgenommen. Sind sie zu zackig, gelten sie als Zicken. Meine Kundinnen empfinden es als anstrengend, im Job oftmals distanziert und hart sein zu müssen. Beim Bauchtanz können sie sich fallen lassen, ganz emotional sein. Es ist eine zutiefst weibliche Tanzform.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Berlin: Im Bauchtanz geht alle Bewegung vom Becken und Beckenboden aus, also von der Körpermitte. Das ist gewissermaßen dort, wo die Weiblichkeit ihren Ursprung hat. Die Tänzerin drückt darüber alle Emotionen und ihre Verletzlichkeit aus. Der Tanz bekommt so etwas Magisches, Geheimnisvolles, natürlich auch Erotisches.

ZEIT ONLINE: Chefinnen sollen also sexy sein?

Berlin: (lacht) Eine böse Frage – aber: ja, warum denn nicht? Eine Frau, die sich sexy fühlt, ist näher bei sich selbst. Sie ist mit sich zufrieden, und das aktiviert Kraftquellen. Es gibt glücklicherweise immer mehr Managerinnen, die sehr sexy sind, zum Beispiel die Yahoo-Chefin Marissa Meyer und Facebook-Managerin Sheryl Sandberg. Bauchtänzerinnen und Führungsfrauen haben einiges gemeinsam. Der Tanz stammt ja aus dem Orient, wo Frauen stärker unterdrückt wurden und werden als die Frauen im Westen. In vielen arabischen Ländern ist es Frauen verboten, ihre Weiblichkeit offen zur Schau zu stellen.  Und auch Managerinnen haben Probleme, wenn sie ihre Weiblichkeit zu offen zeigen. Als sich Marissa Meyer in einem Interview mit der Vogue sexy präsentierte, gab es eine große Diskussion darum, wie erotisch eine Führungsfrau sich präsentieren darf. Doch ich bin mir sicher, dass sie selbst über so eine Diskussion nur gelacht hat. Als starke Frau definiert sie selbst, wie sie ihr Leben lebt und ihre Persönlichkeit ausdrückt. Frauen brauchen heute nicht mehr die besseren Männer zu sein, immer mehr von ihnen bringen ihre authentischen weiblichen Qualitäten in ihren erfrischend anderen Führungsstil. 

ZEIT ONLINE: Eigentlich sind Sie Architektin. Wie sind Sie selbst zum Bauchtanz gekommen?

Berlin: Tanzen und Architektur waren schon immer die beiden Leidenschaften in meinem Leben. Ich tanze seit meiner Kindheit und habe meine Tanzkarriere parallel zum Architekturstudium entwickelt. Im Studium und während diverser Praktika hatte ich den Eindruck, ich muss mich verstellen, ich kann nicht ich selbst sein. Das war beim Tanzen nie der Fall. Also habe ich mich nach dem Diplom für den Tanz entschieden. Als ich mit Bauchtanz begann, hat das alles verändert. Plötzlich hatte ich eine wunderbare Körperwahrnehmung, ein ganz wahrhaftiges Körpergefühl. Ich habe mich gefragt, woran das liegt, und fand heraus: Es ist die spezielle Beckenbodentechnik.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Berlin: Jede Bewegung kommt aus dieser Mitte des Körpers, das erfordert ein bestimmtes Körperbewusstsein. Das fehlt vielen Frauen. Die meisten haben ja gar kein Gespür für ihren Beckenboden. Männer übrigens auch nicht. Frauen lernen diese inneren Muskeln erst kennen, wenn sie Kinder bekommen – und Männer häufig erst im Alter, wenn sie Probleme mit der Prostata oder mit Inkontinenz haben. Das sind alles weitgehend noch Tabuthemen. In unserer schnelllebigen Zeit haben viele Menschen ein Bewusstsein für ihre eigene Natürlichkeit verloren. Gerade die Frauen haben sich von ihrer Weiblichkeit entfernt. Das liegt meiner Meinung nach einfach an den vielfältigen Anforderungen, die heute an Frauen gestellt werden.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Berlin: Die Doppelbelastung ist für viele hoch. Die Frauen wollen gut im Job sein, manche wollen ganz nach oben. Und zugleich sollen sie die Rolle der Mutter und Partnerin erfüllen. Da sollen sie dann ganz weiblich sein. Aber was ist das eigentlich? Die Medien vermitteln unnatürliche Bilder von superschlanken, erfolgreichen, ewig jungen Models. Nur: So sehen die allerwenigsten Frauen aus. Erst recht nicht, wenn sie als Managerin 60 Stunden in der Woche arbeiten und zuhause noch Familie haben. Und wie eingangs erwähnt: Die Anforderung, sexy zu sein, steht im Widerspruch zu dem Auftreten, das von einer Frau in einer Spitzenposition erwartet wird. Das ist ein täglicher Spagat.

ZEIT ONLINE: Was passiert in Ihrem Coaching?

Berlin: Ich habe eine Methode basierend auf dem Bauchtanz entwickelt, die ich die Essence of Bellydance nenne. Sie verbindet Tanz und Körperarbeit. Die Frauen lernen ihren Körper kennen und sich selbst lieben. Wir fokussieren die Aufmerksamkeit auf die eigene innere und äußere Schönheit. Es gibt so viele schöne Frauen auf dieser Welt. Sie sollten ihre Schönheit genießen, statt sich Sorgen darüber zu machen, ob sie nun zu männlich oder zu weiblich im Job auftreten, ob sie zu dick oder zu dünn sind oder ob sie eine gute Mutter sind oder nicht. Eine Frau, die in sich ruht und sich selbst liebt, ist am Ende auch erfolgreich.