ZEIT ONLINE: Herr Zieren, schon in den kommenden fünf Jahren wird laut einer Studie die Zahl der Wirtschaftswissenschaftler um ein Fünftel zurückgehen. Spürt KPMG den Fachkräftemangel schon heute?

Wolfgang Zieren: Ja, das merken wir schon. Derzeit wird die Situation noch leicht abgefedert durch die doppelten Abiturjahrgänge – aber der Wettbewerb um Talente wird spürbar härter. 

ZEIT ONLINE: Wie viele Bewerbungen bekommen Sie denn im Jahr?

Zieren: 40.000. Wir stellen im Jahr zwischen 1.000 und 1.500 Mitarbeiter ein. 

ZEIT ONLINE: Und das ist zu wenig?

Zieren: Sicher ließe sich diese Zahl auch noch erhöhen. Aber leider sind nicht alle Wirtschaftswissenschaftler automatisch geeignet. Wir stellen deshalb zunehmend auch Absolventen anderer Fachrichtungen ein. Entscheidend ist bei Bewerbern ein Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen, am lebenslangen Lernen und Teamfähigkeit.

ZEIT ONLINE: Auch Germanisten können bei Ihnen Karriere als Steuerberater machen?

Zieren: Prinzipiell ja, zumal die Grenzen zwischen den Geschäftsbereichen Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung und Consulting durchlässiger geworden sind. Das heißt aber nicht, dass wir auf Fachkenntnisse bei den Bewerbern verzichten. Berufseinsteiger bereiten wir deshalb mit besonderen Programmen auf ihre Tätigkeit vor. Consultants müssen beispielsweise die wesentlichen Gesetze kennen. Und wer als Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater arbeiten will, muss natürlich die entsprechenden Examina ablegen.

ZEIT ONLINE: Ihre Branche leidet unter einem angestaubten Image. Warum sollte man heute noch Wirtschaftsprüfer werden?

Zieren: Der Job als Wirtschaftsprüfer bedeutet nicht, stupide Häkchen hinter Zahlenkolonnen zu machen oder in Bibliotheken zu sitzen, um alte Kommentierungen des Steuerrechts zu wälzen. Vielmehr sind sie Projektmanager. Sie organisieren Aufträge, koordinieren internationale Abläufe. Das angestaubte Image hat mit der Realität nichts zu tun. Das versuchen wir immer wieder deutlich zu machen.

ZEIT ONLINE: Wie genau machen Sie das? 

Zieren: Wir arbeiten eng mit den Universitäten zusammen. Auf Hochschulmessen wenden wir uns gezielt an die Erst- und Zweitsemester. Wenn man sich nur auf die Absolventen konzentriert, ist das zu spät. Wir erklären den Studenten ganz konkret, wie wir arbeiten: Was passiert etwa, wenn ein Mandant ein Unternehmen kaufen will? Vorher muss er sich ja ein Bild über die Finanzen und steuerliche Risiken machen. Die Kollegen aus dem Consulting geben ihm Empfehlungen, wie die unterschiedlichen Firmenbereiche am besten zusammengeführt werden können. So wird unser Joballtag für die Studierenden lebendig.

ZEIT ONLINE: Bevorzugen Sie Absolventen mit einem Bachelorabschluss oder sollte besser ein Masterabschluss vorhanden sein?

Zieren: Wir stellen sowohl Bachelors als auch Master ein. Die Bachelorabsolventen sind in der Regel jünger und haben weniger Fachsemester und in der Regel weniger Vorkenntnisse.

ZEIT ONLINE: Haben junge Bewerber andere Erwartungen an einen Arbeitgeber als ältere?

Zieren: Einiges ändert sich, aber im positiven Sinne. Es geht letztlich um den demografischen Wandel. In einem Unternehmen arbeiten Menschen unterschiedlichen Alters mit verschiedenen Lebensmodellen. Jemand darf keine Karriereeinbußen haben, nur weil er kleine Kinder zu Hause hat oder pflegebedürftige Angehörige.

ZEIT ONLINE: Und was bieten Sie Ihren Angestellten? 

Zieren: Wir bieten Flexibilität. Wir haben Arbeitszeitkonten, Überstundenvergütungen und Überstundenabbau-Modelle. Ein Uni-Absolvent hat meist einen hohen Konsumbedarf. Der will eine Wohnung haben, eine Einrichtung, ein Auto. In dieser Lebensphase wollen Mitarbeiter oft viel arbeiten und viel verdienen. Ein paar Jahre später verändert sich das, oft mit der Familiengründung. Dann wollen viele ihre Arbeitszeit reduzieren. Hier müssen wir noch stärker die Möglichkeit bieten, das berufliche Engagement wieder zurückfahren zu können. Wieder ein paar Jahre später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, möchten ältere Mitarbeiter vielleicht wieder mehr arbeiten – auch da muss es möglich sein, die Arbeitszeit wieder zu erhöhen.