ZEIT ONLINE: Herr Böhnke, warum stellen Unternehmen eigentlich nicht nur Frauen ein? Immerhin sind sie ja sogar in Spitzenpositionen viel billiger als Männer.

Christian M. Böhnke: Es stimmt, dass sogar in einigen Top-Positionen Managerinnen teilweise weniger Geld als ihre männlichen Kollegen bekommen. Im Schnitt beträgt der Unterschied zwischen Frauen und Männern laut Statistischem Bundesamt über 22 Prozent, wohlgemerkt unbereinigt. Aber gerade auch diese unbereinigte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen ist für mich ein deutlicher Indikator für das vielfach ungenutzte Leistungspotenzial einer ganzen Bevölkerungshälfte. 

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? Verhandeln selbst Spitzenmanagerinnen schlechter?

Böhnke: Wir stellen fest, dass viele Frauen andere Entgeltansprüche haben als Männer. Das gilt natürlich nicht für jede einzelne Managerin, aber als Geschlechtsgruppe betrachtet lässt sich da eine Tendenz erkennen. Frauen definieren ihren Wert im Unternehmen weniger als Männer alleine über das Einkommen, ihnen sind häufiger die Rahmenbedingungen wichtiger als etwa Bonuszahlungen oder der nächstgrößere Firmenwagen. Das zeigte kürzlich auch eine Studie des Verbands der Unternehmerinnen.

Als Chefinnen setzen sie außerdem stärker auf die Kunden- und Mitarbeiterbindung, und auf Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie etwa Betriebskindergärten. In von Frauen geführten Unternehmen bekommen Mitarbeiter weniger oft einen Dienstwagen, aber dafür viel mehr Weiterbildungen oder Programme zur Gesundheitsförderung.

ZEIT ONLINE: Sie haben die Initiative Faktor Frau ins Leben gerufen, mit der Sie für mehr Frauen an der Spitze werben. Profitieren Unternehmen denn wirklich von mehr Frauen in Führungspositionen?

Böhnke: Zweifelslos, immerhin werden etwa 80 Prozent aller Kaufentscheidungen im Konsumgüterbereich alleine oder mehrheitlich von Frauen getroffen, warum sollten sie dann an der Spitze der Firmen, die die Produkte entwickeln und vermarkten, fehlen? Nebenbei bemerkt bin ich angesichts des zunehmenden Mangels an Fach- und Führungskräften davon überzeugt, dass Deutschlands Unternehmen das Leistungspotenzial der oft hervorragend ausgebildeten Frauen dringender zum Erfolg brauchen wird als umgekehrt. 

ZEIT ONLINE: Autos, Windkraftanlagen, Maschinen – nicht jedes Unternehmen stellt Produkte her, die täglich von Frauen gekauft werden.

Böhnke: Von Männern aber eben auch nicht. Zahlreiche Studien wie etwa die McKinsey-Untersuchung Women Matter belegen, dass Unternehmen von gemischten Teams profitieren. Gemischte Teams ergänzen die Perspektiven und agieren ganzheitlicher. Das schlägt sich ganz konkret in wirtschaftlichen Kennzahlen nieder. Firmen, die auf Diversity Management setzen, sind im Schnitt innovativer und dadurch wettbewerbsfähiger.

ZEIT ONLINE: Kritiker sagen, dass es der Studie an konkreten Zahlen fehle und man insofern nicht belegen könne, dass Frauen an der Spitze für den Unternehmenserfolg gut seien.

Böhnke: Diese Kritik wird regelmäßig primär von Gegnern der Frauenquote vorgebracht. Natürlich kann jede Studie so oder so interpretiert werden. Manche Kritiker berufen sich dabei auf eine Metastudie der Universität Konstanz, deren Ergebnisse aber einseitig ausgelegt werden. Diese Studie hatte Untersuchungen zum Erfolg von Diversity Management miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass einheitliche Definitionen für Diversity-Maßnahmen fehlen.

Es ist aber unseriös, das als Argument gegen Vielfalt in Unternehmen zu interpretieren. Ich appelliere da an den gesunden Menschenverstand. Es ist doch immer besser, zwei Kompetenzen an der Spitze zu haben, die sich ergänzen als zwei, die sich zu ähnlich sind.

ZEIT ONLINE: Sind Frauen denn so viel anders als Männer?

Böhnke: Frauen und Männer machen zumindest tendenziell aufgrund ihres Geschlechts teilweise andere Erfahrungen. Eine Managerin, die auch Mutter ist, bringt in der Regel ein anderes Verständnis für berufstätige Eltern mit. Freilich gilt das auch für Manager, die Väter sind – allerdings sind die Erfahrungen in der Mutter- oder Vaterrolle eben andere. Und es ist sicher gut, wenn es in den Chefetagen auch Frauen und Mütter gibt.

ZEIT ONLINE: Führen Frauen anders?

Böhnke: Frauen neigen zu einem eher kooperativen Stil, sie suchen eher die Verantwortung als Macht. Sie scheinen einen eher geringeren Geltungsdrang zu haben. Ihnen ist eine gute Zusammenarbeit und ein angenehmes Betriebsklima häufig wichtiger. Und viele identifizieren sich stärker mit ihrer Aufgabe und dem Unternehmen. Deshalb sind sie auch loyaler. Eigentlich ein Vorteil für die Unternehmen – und eine Herausforderung für uns Headhunter.